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Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756- 18o1)

Die literarischen Erzeugnisse von A.B. Bernhardi

Züge zu einem Gemälde des Russischen Reichs unter Catharina II.
gesammelt bey einem vieljährigen Aufenthalte in demselben. In vertrauten Briefen 1798.

Brief IV
Bemerkungen über die wirkliche und mögliche Größe der Armee. Mühseligkeiten des gemeinen Soldaten. Vorteile des Lage desselben im Vergleich mit anderen Ländern. S. 106-134

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Ich habe in meinen beiden letzten Briefen von einem der zwei Hauptpunkte gehandelt, auf welche jetzt jeder Staat vorzüglich seine Aufmerksamkeit richtet; nun mehr komme ich auf den andern -- das Militär. Erwarten Sie aber nicht, dass meine Bemerkungen hauptsächlich die wirkliche und mögliche Größe der russischen Armee treffen werden. So wenig ich diese mit Stillschweigen übergehen kann, so werde ich mich doch weniger dabei, als bei manchen Eigentümlichkeiten des Soldatenwesens in Russland aufhalten. Die wirkliche Größe der russischen Armee kann schwerlich genau bestimmt werden. Alle Listen die man davon hat, beweisen nicht viel. Sie sagen nur wie viel Soldaten da sein sollen, nicht wie viel ihrer da sind. Manchem Regiment fehlt bisweilen

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das Viertel, ja die Hälfte der Mannschaft. Wenn also gleich nach den Listen die gewöhnliche Rechnung von 500,000 Mann seine Richtigkeit haben mag, so weiss doch wahrscheinlich kein Mensch, selbst das Kriegskollegium nicht, wie viel Soldaten zu irgend einer Zeit wirklich vorhanden sind. Das sich die Anzahl derjenigen, welche wider einen Feind agieren, von einem Monat zum andern sehr verändere, versteht sich von selbst; aber sogar die Anzahl der ruhenden ist schwer zu bestimmen. Die Obersten verschweigen nicht selten den wirklichen Bestand ihres Regiments, um die Löhnung der mangelnden Soldaten zu ziehen, da dieses Einstreichen der Löhnung nach dem russischen Reglement ganz widerrechtlich ist. Ferner ist die schnelle Verminderung der neuangeworbenen Truppen oft außerordentlich gross. Wenn, wie in dem letzten Krieg mehrmals geschah, in einem Jahre gegen 1000000 Mann ausgeschrieben werden, so ist nach drei Monaten vielleicht die Hälfte davon teils von Krankheiten aufgezehrt, teils auf andere Weise der Armee

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entzogen.*) Die Strapazen der Reise, der übermäßige Genuss des Branntweins, die schlechte Behandlung in den Lazaretten, die Beschwerlichkeit des Dienstes, sind eben so viel Ursachen des Todes, die in andern Ländern weit weniger statt finden. Hierüber will ich einige Anmerkungen machen, ehe ich weiter gehe. Das die Rekruten oft 200 Meilen weit marschieren, ehe sie an den Ort ihrer Bestimmung gekommen, kann in Russland nicht vermieden werden. Ein solcher Marsch ist an sich für viele Menschen von nachteiligen Folgen; diese werden aber noch häufiger und gefährlicher durch den übermäßigen und ungewohnten Genuss des Branntweines. Das Übermass wird ihnen wohl nicht auffallen; denn es ist hergebracht unter jeden

*) Ich führe nicht ohne Grund eine starke Aushebung an. Bei der gewöhnlichen, die nur gegen 20,000 Mann beträgt, ist das Sterben geringer, weil dann, andere Ursachen abgerechnet, mehr Rücksicht auf das Alter und die Constitution genommen werden kann.

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gemeinen Russen wenigstens einen halben Trunkenbold zu denken; aber desto mehr die Gewohnheit, die ich anführe. Sie widerspricht eben dieser Meinung, und bedarf einer Rechtfertigung. Versteht man unter der Trunkenheit nur den Hang zum Trinken, so will ich nicht leugnen, das die ungebildeten Russen, so wie jede noch unkultivierte Nation berauschende Getränke im Ganzen vorzüglich lieben; meint man aber, dass sie auch diesen Hang gewöhnlich befriedigen, so irrt man durchaus. Denn erstlich verkauft die Krone im eigentlichen Russland den Branntwein so teuer, dass er für viele kein gewöhnliches Getränk werden kann; und zweitens sind die Schenken so sparsam gesät, das die Bauern vieler Dörfer mehrere Stunden Weges machen müssen, ehe sie nur ein Glas Branntwein bekommen können.*)

*) Auch in Lievland muss der Bauer oft eine Meile machen, ehe er zur Schenke kommt. Allein diese steht immer der Kirche gegenüber, und das ist ein großes Übel; ob es gleich aus mehreren Ursachen schwerlich zu beheben ist. Übrigens werde ich an einem anderen Orte noch manches anführen, welches den Vorwurf des allgemeinen Hanges zur Trunkenheit als nicht ganz gerecht darstellen dürfte.

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Wie nun bei jener Teuerung und bei dieser Sparsamkeit der Schenken die allgemeine Befriedigung des Hanges zu berauschenden Getränken statt finde, ist schlechterdings nicht abzusehen. Beide Schwierigkeiten fallen bei den marschierenden Rekruten weg. Gewöhnlich bekommt er von seinen Verwandten oder auch von der ganzen Gemeine Geld genug, um auf dem Wege sich nach seiner Art eine Güte zu tun; und so sparsam sind doch die Branntweinhäuser nicht, das sie zu dieser Güte auf dem Marsche fehlen sollten. Überdies reizt oft das Beispiel der alten Krieger, welche die Rekruten führen, und die traurige Lage derselben wirkt vielleicht noch mächtiger. Unter Hunderten ist selten einer, welchem sein Los nicht schrecklich vorkomme. Unter solchen Umständen ist es freilich nicht zu verwundern, wenn Branntwein

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in Übermaße genossen und der Gesundheit in kurzen nachteilig wird. Um diesem Nachteil zuvor zu kommen, wird jedem Rekruten alles Geld, was er zum Regiment bringt, abgenommen. Dann ist es aber zu spät, ja vielleicht nicht eimal gut. Das Übel ist schon gestiftet, und wird sowohl durch den Mangel eines seit vielen Wochen gewohnten Genusses als durch die Mühseligkeiten des neuen Standes vermehrt. Diese Mühseligkeiten sind bei dem russischen Soldaten gleich Anfangs stärker als bei anderen. Außer dem Zwang, in welchen sein Körper beim Exerzieren sich finden muss, und wobei es ohne harte Behandlung im Lernen schwerlich abgeht, wird seine Zunge einem Zwang unterworfen, der oft eben so viel Leiden verursacht als jener. Sie nimmt man in die Lehre, ehe die Hand, oder der Fuss dressiert wird. Notwendig ist dies freilich, da der Rekrut von hundert Ausdrücken, die er im Dienst braucht, nicht einen weiss, aber es macht doch die Lehrzeit an sich beschwerlicher, als in andern Ländern. Besonders verursacht die

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Titulatur viel Mühe. Wie man in Deutschland bei Briefen, die Menschen, Wohl-Hochwohl- und Hochgeboren werden lässt, und wenigstens auf den Umschlägen, sonst alle Prädikate häufte, die einem Menschen nur zukommen können; so muss der Soldat genau die Titulatur, welche vom Fähnrich an bis zum General, eingeführt sind, gebrauchen, und mehrere Prädikate die sich auf Geburt und Rang beziehen, selbst bei mündlichen Rapporten, zusammensetzen lernen. Das ist für die Rekruten meistenteils eine entsetzliche Arbeit -- oft weit entsetzlicher, als die Beobachtung aller Hand-und Fußwendungen bei dem Exerzieren. Er weiss von jenen Titulaturen, ehe er Soldat wird, nicht ein Wörtchen; er nennt Leute über sich ohne Unterschied, Väterchen, Mütterchen, oder auch schlechtweg, Herr, Frau. Ganz neue Wörter zu merken, ist schon an sich in einem gewissen Alter für Ungeübte schwer; noch schwerer wird dies, wenn viele ähnliche Wörter zugleich gemerkt, und unterschieden werden sollen, ohne das der Verstand das

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geringste anhalten hat -- und diese doppelte Schwierigkeit steigt durch die Länge und Ungelenkigkeit der Titulaturen um vieles. Ein Wort wie Prewosgotitelstwa, welches Exzellenz bedeutet, ist wahrhaftig auch für den Geübten nicht leicht, und für den Rekruten wahres Hebräisch. Während dieses mühseligen Lernens steht er oft schon nach Kriegsart im Lager; denn in diesem stehen alle Regimenter, vom Mai an bis zum Ende des August. An Stroh ist da nicht zu denken. Die bloße und oft durchnässte Erde ist die Schlafstelle der Soldaten. Und zieht er auf die Wache, so ist dies gewöhnlich auf vierzehn Tage hintereinander. Unterliegt er nun diesen Mühseligkeiten, so nimmt sich seiner die Krone auf ihrer Seite mit mütterlicher Sorgfalt an. Sie lässt es an Aufwand für die Lazarette nicht fehlen. Bei großen Städten sind gewöhnlich ansehnliche Gebäude zu errichten, und mehrere Ärzte angestellt: Medikamente und Speisen sowohl als Getränke, sie mögen noch so kostbar sein, sollen dem Gesundheitszustand gemäss

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angeschafft werden. Dessen ungeachtet fürchtet sich der Soldat vor dem Lazarett, und eilt aus demselben heraus, sobald er kann. Dies ist schon ein übles Zeichen, ein noch übleres ist es, dass die Offiziere, welche im Lazarett angestellt sind, glücklich gepriesen werden, und gern auf Lebenszeit dabei blieben. Der Regel nach geschieht es nur auf ein Jahr. Wahrscheinlich hat die Krone diese Einrichtung getroffen, in der Voraussetzung, dass ein solcher Posten seine Unannehmlichkeiten habe. Man sieht aber diese Einrichtung so an, als sollten die damit verbundenen Vorteile vielen Offizieren nach der Reihe zu Teil werden, Wenigstens drängen sie sich nicht selten zu solchenPosten. Wie es also in den Lazaretten zu geht, kann man wohl aus dem Wunsche der Soldaten heraus- und dem der Aufseher hineinzukommen, ziemlich zuverlässig schliessen. Dies alles trifft eigentlich nur die Lazarette für die Garnisonbataillione. Für die Lazarette der Feldregimenter muss in vielen Stücken der Chef eines jeden sorgen. Und um hier ebenfalls

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keinen Mangel einreisen zu lassen, muss der Oberste eine gewisse Summe hergeben, ich glaube monatlich hundert Rubel, bei er durch die Abzugsgelder von der Gage der Gemeinen sowohl, als der Offiziere erhält. Aber dieses Geld wird nicht immer gegeben.
Ich habe gehört, dass selbst in der drückensten Not ein Oberster die Hälfte für sich behielt. Zu diesen allgemeinen Ursachen, warum das Sterben der Rekruten so hoch ist, kann man noch besondere setzen. Die Versetzung von einer kalten Provinz in eine heiße oder in eine solche, die überhaupt ungesund ist, kann nicht ohne nachteilige Folgen bleiben. Wenn ich endlich oben andeutete, dass nicht durch den Tod allein der Armee ein großer Teil der in außerordentlicher Menge ausgehobenen Soldaten ausgehoben würde, so muss ich wenigstens anführen was ich meine. Mir ist nämlich versichert worden, das mancher mächtige General gelieferte Rekruten entweder für ein gewisses Geld wieder frei lasse, oder auf seine Güter versetze. Ob dies gegründet ist, weiss ich nicht;

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nur so viel kann ich noch sagen, dass mir dabei Personen mit Namen angeführt worden sind.*) Ich komme auf den Punkt zurück, von welchem ich ausging. Die angeführten Gründe sind hinreichend, außer Zweifel zu setzen, dass die Größe der wirklich vorhandenen Armee weniger als in irgend einem Land bestimmt werden kann. Was die Größe der möglichen anlangt, so ist wieder sehr zu unterscheiden, zwischen der Möglichkeit mit und ohne Nachteil des Landes. Hume äußert in einem seiner Versuche, dass ein Staat um desto mehr Soldaten haben können, je weniger Luxus und Handel in dem selben herrsche, weil sich Bestellung der Felder eine gewisse Menge Menschen hinreichend sei, und folglich die übrigen, welche die Früchte ihres Fleißes nicht absetzen würden, Soldaten werden müssen. Mit dem Müssen

*) Hierauf scheint sich auch zum Vorteil der Eingang der Ukase zu beziehen, welche der regierende Kaiser zur Vermehrung der Abgaben hat ergehen lassen.

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hat es nun wohl keine Not in Russland, obgleich in Ganzen genommen wenig Fabriken und Manufakturen vorhanden sind, und der Handel mit den rohen Produkten nicht viel Menschenhände bedarf. An Land zum Urbar machen fehlt es in wenig Provinzen, und wenn es ja in einer daran fehlt, so ist es desto überflüssiger in einer andern. Auch würde der gemeine Russe wohl zehnmal lieber seine Bedürfnisse auf das einschränken, was er selbst mit seinem Kopfe und seinen Händen vermag, als Soldat werden. Aber so viel scheint mir von jener Bemerkung gegründet, dass ein Land verhältnismäßig weit mehr Soldaten stellen kann, wenn es wenig Luxus und wenig Handel hat, als im entgegengesetzten Falle. Zwei Hände reichen allerdings hin, zehn Magen zu füllen und gibt es wenig Gewerbe, so vermisst man die große Zahl der Hände welche Waffen tragen, nicht sonderlich. Deswegen vermag Russland wohl allerdings mehr Soldaten ins Feld zu stellen, als irgend ein industrieller Staat von gleich vielen Einwohnern, und als bei dem großen

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Umfang des Reiches ohne Nachteil (verhältnismäßig genommen) sonst geschehen könnte. Auch lässt sich daraus, zum Teil wenigstens, erklären, wie Russland die häufigen und menschenfressenden Kriege seit Peter dem Großen hat führen können, ohne in eine Art von Verfall zu geraten, wie etwa Frankreich in den letzten Jahren der Regierung Ludwigs XIV. Hier stockten auf einige Zeit notwendig die Gewerbe, als denselben eine so große Menge Menschen entrissen wurde; dort aber fand der Ackerbau, als der Hauptzweig des Fleißes, immer noch Hände genug. Dass übrigens der Flor eines Staates nicht bloss nach dieser Zulänglichkeit beurteilt werden muss, versteht sich von selbst. Hier war nur die Rede von der Möglichkeit große Armeen aufzubringen, ohne verhältnismäßig fühlbare Hemmung der gewöhnlichen Tätigkeit. Wenn man endlich die bloße Möglichkeit, eine gewisse Anzahl von Soldaten aufzubringen, in Betrachtung zieht, ohne Rücksicht auf den Schaden, der daraus für einen

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Staat entsteht, wie bei einem allgemeinen Aufgebote, so richtet sich diese im Ganzen nach der Anzahl der Einwohner. Doch sind dabei zwei Punkte nicht zu vergessen: die Größe des Landes, das alle zum Krieg taugliche Leute stellen soll, und die Willigkeit von diesen. Dass die erste in Russland der größtmöglichen Armee nicht günstig sei, leuchtet in die Augen. Wenn man auch dort an sechs Millionen Einwohner mehr annimmt, als in Frankreich, so würde man sich doch sehr irren, wenn man glaubt, dass jenes Land durch ein allgemeines Aufgebot eben so viel Soldaten aufbringen könnte, als dieses. Auch die Gemütsstimmung der Einwohner ist einem allgemeinen Aufgebot gar nicht günstig. Nimmt man die Völker aus, deren Einrichtung gewissermaßen auf den Krieg abzweckt, als Kosaken, Baschkiren, Kalmuken u.s.w. so ist übrigens die Abneigung des gemeinen Mannes von dem Soldatenstande in Russland größer, als in irgend einem Staate von Europa, wie aus folgenden Tatsachen erhellt.

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Die gewöhnliche Drohung einer harten Strafe gegen einen schlechten Bedienten ist, dass man ihn bei Mangel an Besserung als Rekruten stellen werde. Wenn unter den Bauern Soldaten angehoben werden, so legt man denjenigen; welchen der Wille der Herrschaft oder das Los getroffen hat, in Ketten. Und wenn sich ja bisweilen einer freiwillig für den andern stellt, so ist die Entschädigung, die er dafür fordert und erhält vier bis fünfhundert Rubel. Auch bezahlt eine Gemeine gern so viel der Herrschaft, wenn diese an ihrer statt für einen Rekruten auf irgend eine Weise sorgt. Im Jahre 91 lernte ich einen Mann kennen, der 150 Meilen weit, von Jaroslaw nach Riga, gereist war, um zwei Rekruten zu kaufen. Dieses Geschäft mußte zu der angegebenen Zeit gar nichts seltnes sein; denn die Krone fand für nötig, dasselbe zu verbieten. Dies alles zeigt wohl von keiner sonderlichen Neigung zum Soldatenstande überhaupt. Und der Trieb, das Vaterland gegen Feinde zu schützen, erscheint auch noch gross, wenn man weiss, dass jene

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Not von Rekruten gerade dann am größten war, als in der Tat auf einige Zeit selbst die Residenzstadt bei dem letzten schwedischen Kriege in Gefahr zu sein schien. Mancher Edelmann lieferte wohl einige Bauern mehr, als er vielleicht nach dem Befehl liefern mußte; dass aber diese selbst gekommen wären, sich anzubieten; davon ist mir auch nicht ein Beispiel bekannt geworden. Im Gegenteil war selbst in jener Not häufige Klage nicht nur darüber, dass von 100 männlichen Seelen ein Rekrut verlangt wurde, sondern auch darüber, das die Krone in Petersburg eine Art von Soldatenpressen gestattete. Auch müsste die menschliche Natur eine Ausnahme in Russland machen, wenn die Bereitwilligkeit die Waffe zu ergreifen, häufig sein sollte. Wenn sich irgendwo diese Bereitwilligkeit fand, oder noch findet, so entsteht sie aus der Begierde nach Beute, nach Belohnung, nach Größe. Die erste reizt noch die Kosaken, oder die Einwohner von Tunis und Algier, der russische Bauer hat schon zu viel Kultur, um teils die

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Begriffe von Recht und Unrecht in die Gewalt der Waffen zu setzen, teils ein ruhiges und notloses Leben dem ungefähren Preis zu geben, oder gewisse, dauerhafte Vorteile ungewissen und vorübergehenden aufzuopfern. Von Belohnung seiner Tapferkeit kann ihm auch selten etwas nur im Traum einfallen. Das Bauern einem Heerführer zum Lohn geschenkt werden, weiss er wohl dass aber einem Soldaten, der Bauer war, bei aller seiner Tapferkeit nur ein Fleckchen Erde geschenkt werde, davon hört er nichts. ein Rubel nach einem erfochtenen Sieg ist kein Lohn, der die unaufhörlichen Mühseligkeiten des Soldatenstandes aufwiegen könnte; und über einen Rubel geht selten die Belohnung des gemeinen Soldaten. Ja selbst in außerordentlichen Fällen, die vielleicht alle zwanzig Jahre einmal vorkommen, ist die Belohnung so dürftig, dass sie schwerlich reizt. Als im Anfang des letzten Türkenkrieges die Entschlossenheit eines gemeinen Soldaten die Gegenwart des verwundeten Suwarow ersetzte, und den schon zerstreuten

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und fliehenden Kameraden noch den Sieg über die Türken bei Kinburn verschaffte, soll er zum Lohn seinen Abschied und eine Pension von 50 Rubeln erhalten haben. Es ist wahr, man bot ihm zugleich, nach der Sage, eine Fähndrichstelle an, empfing aber eine abschlägige Antwort, weil er nicht die erforderliche Geschicklichkeit zu einer Offiziersstelle habe, Dies führt mich zur Betrachtung des dritten, wirksamsten Mittels Lust zum Soldatenstande einzuflößen -- der Ehre. Der Stand des gemeinen Soldaten wird schon deswegen als der niedrigste angesehen, weil zu demselben hauptsächlich die Leibeignen verbunden sind.*) Die Bürgerschaft jeder Stadt gibt statt der Rekruten Geld. Und jener Gedanke der Niedrigkeit wird noch dadurch bestätigt, dass, der Regel nach,der gewesene Bauer, wenn er auch noch so viel Tapferkeit und Geschicklichkeit besitzt, nicht mehr

*) Ich sage hauptsächlich: denn die Odnodworzen (Einhöfler) oder freie Bauern müssen auch Rekruten stellen. Sie sind aber gegen die Leibeigenen in sehr geringer Zahl.

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als Unteroffizier wird. Sollten auch Ausnahmen statt finden, woran ich aber zweifle, wenn gleich Herr Hupel das Gegenteil behauptet; so sind sie noch weit seltener, als in irgend einem andern Land, ob sie gleich nirgend häufig sind. Es herrscht der Grundsatz, dass der Bauer, der Leibeigne, kein Edelmann, kein Herr werden könne. Ja, als jenen Soldaten; der die Armee bei Kinburn rettete, der Fürst Potemkin zum Offizier machen wollte, so hatte dieser, nach mancher Äußerung, die Rechte des Adels verletzt, und fand selbst in der Außerordentlichkeit des Falls nicht hinlängliche Entschuldigung. Alles also, was man tut, um das Ehrgefühl zu erregen; ist die Austeilung von Denkmünzen, welche an einem Bande wie ein Orden getragen werden. Da aber diese Ehre nach einer gewonnenen Schlacht allen Soldaten zu Teil wird, so verliert sie schon dadurch ihren Reiz noch mehr aber durch die gewöhnlich lebenslängliche Abgeschiedenheit des Soldaten von seinen nahen Bekannten und Verwandten, und durch die Unwahrscheinlichkeit, in Ruhe der

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errungenen Ehre zu genießen. Ein Ehrenzeichen ist nur in so fern etwas wert, als es auszeichnet, und selbst diese Auszeichnung an sich ist von keiner Bedeutung mehr, wenn sie nicht beachtet wird. Es ist aber in der Regel, dass das Ehrenzeichen eines Niedrigen bei einem Höheren wenig Eindruck macht. Der General achtet wenig auf das kleine Ordenskreuz eines Lieutenant; und eben so achtet der Offizier nicht auf die Medaille seiner Untergebenen. Bringt sie irgend Wirkung hervor, so geschieht es unter den Gleichen dessen, der sie trägt, besonders unter seinen Landsleuten; und diese Wirkung fällt für den russischen Soldaten auch weg. Unter den Kameraden selbst kann eine Medaille kein Ansehen geben, weil sie zu allgemein ist; mit andern Menschen lebt der Soldat wenig -- und am wenigsten an seinem Geburtsorte. In der Regel bekommt er ihn nie wieder zu sehen. Dies ist eine Hauptursache, warum selbst bedeutende Auszeichnungen für den gemeinen Soldaten in Russland von keiner großen Wirkung sein würde.

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Die Ehre ist zwar dem Menschen sehr viel wert; ein Punkt der Ruhe aber muss ihn wenigstens in der Hoffnung vorschweben, wenn er um der Ehre willen allen andern Annehmlichkeiten des Lebens entsagen soll -- und der gemeine russische Soldat findet gewöhnlich die Ruhe erst im Grab, oder ganz nahe daran. In andern Ländern bekommt er aus mancherlei Ursachen seinen Abschied -- und hat er lange gedient, so wird dies eine hinlängliche Empfehlung zu einem Ämtchen, das ihn nährt und seiner Lage angemessen ist. Dann hat ein erworbenes Ehrenzeichen einen gewissen Wert, den es auch schon durch die Hoffnung zu der Zeit erhält, als es wenig beachtet wird. In Russland aber hatte noch vor kurzem der ausgehobene Soldat keine Kapitulation, durfte nicht an Abschied, geschweige an ein nährendes Ämtchen denken. Er dient im Felde bis er nicht mehr kann, kommt dann in Garnison, verrichtet dann wieder den ordentlichen Dienst bis zur Kraftlosigkeit, und wird endlich in ein Kloster geschafft, wo er selten länger als einige Jahre bei der gemeinsten

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Kost vegetiert. So ist er ein wahrer Fremdling auf Erden, und scheidet gewöhnlich bei seinem Auszug zum Regiment auf immer von allen Verwandten und Bekannten. Diese ewige Abgeschiedenheit ist im Bild des Lebens eines Soldaten vor den Augen der Russen ein sehr abschreckender Zug. Sie lieben ihren Geburtsort und ihre gewohnte Lebensart, wie die meisten Menschen, und stellen sich das halbe Scheiden von demselben, wie das halbe Scheiden aus dieser Welt vor, zumal, wenn sie Weib und Kinder verlassen müssen, welches gar nichts seltenes ist. Wenn ein Bauernsohn in Russland sechzehn Jahr alt ist, so denkt sein Vater schon daran, ihm eine Frau zu geben. Die Familie gewinnt dadurch eine Arbeiterin, und an die Schwierigkeit, die Kinder zu ernähren, wird gar nicht gedacht, braucht auch gar nicht gedacht zu werden. Wer tätig sein will, findet nach der Art, wie er zu leben gewohnt ist, immer Brot für Weib und Kind. Auch sind nicht nur die Hofleute des Adels, sondern selbst die Knechte der liefländischen Bauern (die russischen haben keine)

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größtenteils verheiratet. So gut, so notwendig dies einem Lande ist, wo es nicht an Erde sondern an Menschen fehlt, sie zu benutzen, so ist es doch dem Soldatenstande nicht günstig. In andern Ländern nimmt man nur ungern verheiratete Soldaten, weil man keine Idee davon hat, dass die Ehe dadurch wo nichtförmlich, doch ihrem Effekte nach, getrennt werde, in Russland ist das ganz anders. Wollte man bei der Rekrutierung immer Rücksicht auf die Verheiratung nehmen, so würde man die Menge von Soldaten, die im Krieg gewöhnlich verlangt wird, gar nicht aufbringen können; eine so große Menge Weiber aber, als die Rekruten mitbringen würden, in die Regimenter aufzunehmen, geht ebenfalls nicht an. Wird also ein verheirateter Mann zum Soldaten gemacht, so bleibt das Weib mit ihren Kindern zurück, und sieht meistenteils ihren Mann nie wieder. Wie sehr dies im allgemeinen den Soldatenstand verleidet, leuchtet von selbst ein. Künftig wird es wohl etwas anders werden.

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Ist die Dienstzeit des Soldaten auf 25 Jahre bestimmt. Dies ist freilich eine ziemlich lange Zeit; indessen glaube ich doch, dass die Hoffnung, einst noch Weib und Kind wieder zu sehen, und frei zu sein, die Bürde einer so langen Dienstzeit erleichtern, und die große Furcht davor verscheuchen wird. Und ist diese einmal verschwunden, so ist auch zu hoffen, dass bei außerordentlichen Fällen mehr Bereitwilligkeit, die Waffen für das Vaterland zu ergreifen, statt finden werde. Unter den verschiedenen Gesichtspunkten, aus welchen ich die Mühseligkeiten des Soldatenstandes betrachtet habe, ist er schwerer als in irgend einem Land. Es gibt aber andere Gesichtspunkte, aus welchen er viel leichter erscheint. Ich sprach einst mit einem Soldaten, der sich viel in der Welt versucht hatte, aus dem russischen Dienst nach und nach in den österreichischen, französischen, preußischen getreten, dann zu dem russischen zurück gekehrt war, und diesen als den besten pries. Mir scheint dies damals allerdings

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auffallend. Allein bei einen genaueren Vergleich fand ich das Urteil dieses Mannes natürlich. Als Fremder hatte er in andern Diensten alle die Vorteile entbehren müssen, welch die einheimischen Soldaten haben. Diese gehen sechs Monate auf Urlaub, er aber musste in jedem Dienst, wie in Russland fast stets bei dem Regiment bleiben, hatte wenig Gelegenheit, das sparsame Traktament durch Nebenarbeit zu verbessern, und auf dieses eingeschränkt, befand er sich in Russland viel besser, als in irgend einem andern Land. Das Brot sei noch so teuer, so hat es der Soldat im Überfluss, ja, je teurer, desto besser für ihn. Das Maß des Mehls, das ihm gegeben wird, ist so gross, dass er es selten ganz braucht. Außerdem bekommt er so viel Grütze, als zu seiner täglichen Kost hinlänglich ist. Schlägt man beides zu Geld an, so ist das Traktament des russischen Soldaten nicht so klein als es scheint, zumal nach der Erhöhung desselben, und gewiss eben so gross, vielleicht größer, als in Österreich, Preußen und Frankreich. Zehn Rubel, die

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er jetzt an barem Gelde erhält, sind hinreichend, nicht nur seine gewöhnliche Kost schmackhaft zu machen, sondern ihm auch in einem gewissen Maße, Fleisch und Branntwein zu verschaffen. Sehr vorteilhaft ist die Einrichtung, dass immer eine gewisse Anzahl Soldaten ihre Ausgaben für Kost zusammen bestreiten. Der dazu bestimmte Beitrag wird bei jeder Löhnung von dem Kapitän für die gemeinschaftliche Kasse inne behalten und besteht jährlich in drei Rubeln. Dies scheint wenig, und wird doch selten ganz verbraucht. Ich weiss, dass solche Kompagnieschaften bis auf 800 Rubel gesammelt haben. Die Ersparnis kommt ihnen auch oft sehr zu statten. Bei großen Märschen zum Beispiel halten die Pferde und Wagen, um sich eines Teils der Bagage zu erledigen, den sie sonst selbst tragen müssten. Das Geld wird dem Hauptmann aufzuheben gegeben, und geht manchmal verloren; bisweilen wird es aber auch wieder erhalten, wenn es verloren scheint. Es war einst ein Kapitän vom Nascheburgschen Regiment ab

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gegangen, ohne jenes Geld zurück zu geben, und zwar durch Schuld des Obersten, der von dem nachfolgenden Kapitän vergebens gebeten worden war, Rechenschaft deswegen zu fordern. Als aber bald darauf der Oberste General wurde, und sein Nachfolger im Regiment jenen Vorgang an das Kriegskollegium meldete, zog dieses dem General, ohne alle Umstände, die ganze Summe von dem Traktament ab, und schickte sie der Kompagnieschaft. Um übrigens einigermaßen zu begreifen, wie mehrere hundert Rubel von einem so geringen Beitrag gesammelt werden können, muss man wissen, dass das sammeln sich oft von sehr entfernten Zeiten herschreibt, und der Kasse nie etwas durch Verteilen entzogen wird. Für den einzelnen Mann ist das Ersparte verloren, wenn er die Kompagnieschaft verlässt. In seine Rechte zum gemeinschaftlichen Gebrauch tritt sein Nachfolger. Ich komme auf die Lage der gemeinen Soldaten in Russland zurück. Der angeführte Vorteil ist nicht der einzige, den

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sie vor ihres Gleichen in andern Ländern haben. So beschwerlich der Dienst auf der einen Seite ist, so sehr wird er auf der andern gemildert. Die Soldaten bekommen nicht Urlaub, wie in Deutschland -- das ist für manche schlimm, für viele auch wieder gut; denn keiner wird mit dem Dienst des anderen belastet. Die Zeit der Wache dauert vierzehn Tage, und der Weg, den die Kompagnien machen müssen, um auf die Wache zu ziehen, beträgt nicht selten zehn Meilen; aber dagegen dauert auch im Winter die Freiheit vom Dienst vier bis acht Wochen. Die Disziplin ist strenge; (bis zu zwanzig Prügel kann schon der Unteroffizier aus eigner Macht austeilen) aber es fallen viele Gelegenheiten zur Strafe weg, die in Deutschland statt finden. Der Soldat hat keine Gamaschen zu glänzen, keine Hosen anzustreichen, keine Knöpfe zu putzen, und keine Haare zu frisieren. Ferner, wird ein Soldat in immer währende Garnison verlegt, so darf er nicht nur gewöhnlich heiraten, sondern bekommt auch Zuschuss an Brot zum Unterhalt der

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Kinder, und hat nebst seiner Frau, bei dem Mangel an Arbeit, manche Gelegenheit zu gutem Nebenverdienst, dass er bei Ordnung und Tätigkeit selten in einen Zustand versetzt wird, worin sich gewöhnlich der verheiratete Soldat in andern Ländern befindet.

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