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Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756- 1801)

1991 geschrieben Karl Ose

2020 digitalisiert Stefan Ose in Zusammenarbeit mit Lebensgefährtin Christa Warlies

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Ein Bruder meines Ururgroßvaters August Gottlob Bernhardi (176o-1831), der Urgroßvater meiner Mutter Ose geb. Bernhardi (1886-1947), war Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756- 18o1), ein Freiberger Kind (er wurde dort geboren und starb auch dort). Er war ein hochintelligenter und gebildeter Mann. Über ihn erscheint ein besonderes Heft unserer Familiengeschichte. Nach theologischen und juristischen Studien an der Universität Leipzig war er Hausslehrer in Lyon/Frankreich, später in einem gräflichen Hause im Erzgebirge und schließlich von 1786-1795 Hofmeister (Hauslehrer und Erzieher) in der vornehmen Familien v. Naumov in Riga, damals zu Livland gehörig und zum russischen Reiche. In diesen neun Jahren konnte er den Westen des russischen Reiches gut kennen lernen, zumal er auch mit der Familie v. Naumov eine ausgedehnte Reise nach St. Petersburg (Leningrad) und Moskau mitmachte. Diese Reise um 1790 fand natürlich in Pferdebespannten Kutschen oder Schlitten statt. Man nahm sicher nicht die normale Post, sondern reiste in Extraposten. In seinem zu seiner Zeit viel gelesenem Buch "Züge zu einem Gemälde des Russischen Reiches unter der Regierung von Catharina II., gesammelt bei einem vieljährigen Aufenthalt in denselben", das 1798/1799 erschien, bespricht er auch das Trinkgeldwesen in Russland. Als guter Freund Rußlands sucht er in seinem Buch in Deutschland vorhandene Vorurteile gegenüber Rußland und den Russen zu entkräften. In diesem Zusammenhang schildert er z.B., wie billig die Reisegesellschaft v. Naumov unterwegs in Bauerhäusern übernachtet habe, zumal es offensichtlich noch keine Gasthöfe an den Straßen gab. Er schreibt auf den Seiten 232-234 des 2. Bandes seines Buches folgendes:

"In meinem ersten Briefe habe ich schon angeführt, dass die russischen Postknechte ein sehr kleines Trinkgeld bekommen und, die in den Städten etwa ausgenommen, verlangen. Ebenso genügsam habe ich auch die Fuhrleute befunden, mit denen ich in Gesellschaft zwei Reisen machte, und alle Bauern, bei denen wir einkehrten. Wir waren 11 (!!) Personen, die ohne etwa mehr als Licht und Rahm zu kaufen, wovon der Verdienst sich über zwei Kopeken schwerlich belief, für eine Nachtherberge, für Holz für mancherlei Feuerung des Abends und des Morgens und für Schlittenraum auf fünf Schlitten in der Regel lo Kopeken Kupfer, an einigen Orten noch weniger, und, soviel ich weiß, nur einmal 15 Kopeken geben mussten. Auch war der Preis gleich, wir mochten mit Posten oder Fuhrleuten kommen, so dass nicht etwa auch die Fütterung der Pferde mitgerechnet war. Und für solche Kleinigkeit ließ sich die ganze Familie aus ihrer Ordnung und Ruhe stören. Stets waren wir mit derselben auf einer Stube, und doch so zahlreich, zumal wenn wir fünf Fuhrleute mitbrachten, als dass wir derselben hinlänglichen kaum zu Schlafstellen übrig gelassen_ hätten. Die Bänke waren von der Herrschaft (v. Naumov), der Fußboden und der Ofen nebst Pritsche von den Bedienten und Fuhrleuten besetzt. Auch legte sich der weibliche Teil der Bauernfamilie selten ordentlich schlafen. Man vergleiche nun den Preis mit dem, was der Reisende bei Landleuten in der Schweiz für Herberge bezahlen muss und urteile, wo mehr Eigennutz herrscht..."

Vorwort
In unserer Familienüberlieferung galt Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756-1801) als ein interessanter und aussergewöhnlich gebildeter kann, ohne daß man sich jedoch um seine literarischen Arbeiten jemals gekümmert hätte.
Als ich 1945 - 1948 nach der Entlassung aus der Kriesefangenschaft in Gronau Westfalen berufstätig war und fern meiner in Grimma/Leibzig befindlichen Familie lebte, verwendete ich sehr viel Freizeit, vor allem aber die Wochenenden, auf die Familiengeschichte. Das Ergebnis dieser Arbeiten war ein aufgezeichneter Stammbaum von mir sowie Stammbäume der Seitenlinien, z.B. der Bernhardis, Mesthalers, Arnolds, Volleths u.a.
Eine ausgedehnte Korrespondenz mit Pfarrämtern, Verwandten u.a. förderten damals eine Menge von Daten herbei, die heutzutage nicht mehr zu beschaffen wären, weil sehr viele der Auskunftgebenden nicht mehr leben. Damals korrespondierte ich auch mit der Universitätsbibliothek Göttingen wegen A.B. Bernhardi, und erhielt von dieser unter dem 2. Dezember 1948 eine Abschrift aus Meusels "Das gelehrte Teutschlandl" Band 9 (1800) und Band 11 (1805) über A.B. Bernhardi. Die dort genannten Lebensdaten sind im Lebenslauf in der 3. Sammlung des Buches "Züge zu einem Gemälde des Russischen Reiches unter Catharina II. ! im Brief XVI, Seite 57 - 92 enthalten.

Weitere Angaben über A.B. Bernhardi finden sich in dem "Familiengedenkblatt an Eugen Nicolajewitsch Naumov", erschienen 1875 in Dorpat, gedruckt von Schwanenburg. Dieser Naumov war einer der Zöglinge v. Naumov, die er während seiner Hofmeistertätigkeit (Erzieher und Hauslehrer) im Hause der Witwe v. Naumov von 1786-1795 betreute. Bisher konnte das Original bzw. ein Abdruck desselben noch nicht aufgefunden werden. Jedoch besitzt unser Familienarchiv eine teilweise Abschrift desselben, die A.B. Bernhardi betrifft. Dieses Familiengedenkblatt erhielt nämlich 188o Isidor Bernhardi (1842-1916) in Leipzig zugeschickt. Dessen Tochter Alice, später Frau Wenck (187o-1943) schrieb in ihren Aufzeichnungen in den 193oer Jahren darüber:

"ln Jahre 188o bekam mein Vater eine Schrift über einen russischen Fürsten zugesandt. Das Erstaunen darüber verlor sich, als wir sie lasen und sie mehr vom Erzieher des Fürsten, eben diesem A.B. Bernhardi, handelte als vom Fürsten selbst."

Den A.B.Bernhardi betreffendem Teil dieses Familiengedenkblattes schrieb um 188o Dr. Kurt Bernhardi (1847-1892) ab. Er war der Bruder von Isidor Bernhardi (s.o.). Seit Ostern 188o lebte er in Leipzig, wo er als Oberlehrer und Klassenlehrer der Quarta (7. Klasse) am Königlichen Gymnasium tätig war. Die Abschrift dieser Bernhardischen Abschrift findet sich auf Seite 22b.

Wenige Wochen nach A.B. Bernhardis Tod am 27. Dezember 18o1 erschien in den "Freyberger Nachrichten für das chursächische Erzgebirge", 2. Jahrgang, Nr. 51 (17.12.1801), S. 451-458, und Nr. 52 (24.12.18o1), S. 463-468 ein Lebenslauf von A.B. Bernhardi, verfaßt von seinem Freund M. S. G. Frisch. Er ist nachstehend abgedruckt. Der Lebenslauf seiner Frau Agnes Charlotte geb. Baumbach erschien im. gleichen Nachrichtenblatt im 7. Jahrgang (18o6), Nr. 15. Bis Ende 1987 soll ich diesen erhalten. Wir sind also über das Leben von A.B. Bernhardi recht gut unterrichtet. Es fehlen uns natürlich alle Angaben über sein Äusseres, da es damals noch keine Lichtbilder gab und Gemälde von den wenigsten Menschen aus dieser Zeit existieren. Auch sind keine handschriftlichen Hinterlassenschaften (Briefe,
Aufzeichnungen)von ihm erhalten.

Ich möchte die Aufmerksamkeit des Lesers jedoch auf die sehr geistreiche jüngste Schwester von A.B. Bernhardi lenken: Eleonore Bernhardi (1768-1829), Erzieherin und Schriftstellerin, die einige pädagogische Bücher schrieb. In Anmerkungen zu A.B. Bernhardis Lebenslauf sind diese angegeben. Sie "etablierte ein sehr wohltätiges Institut für junge Frauenzimmer in Freiberg." Die von Eleonore Bernhardi verfassten Bücher sind angegeben auf Seite 458 des nachfolgenden Lebenslaufes von A.B. Bernhardi in den Freyberger gemeinnützigen Nachrichten in einer Anmerkung (auch Seite 12).

Je seltner es ist, das Jemanden an seinem Geburts - und Wohnorte und überall, wohin ihn sein Beruf auf längere oder kürzere Zeit versetzt, die allgemeine Achtung zu Teil wird: desto pflichtmäßiger ist es, nach dem Tode eines solchen Mannes zu erzählen, auf welchem Wege er das ward, was ihn so rühmlich auszeichnete. Je mehr aber auch Jemand die allgemeine Achtung genoss, um desto willkommner pflegen nach seinem Tode Nachrichten von seinem Leben zu sein. Und indem so der Freund eines solchen Verstorbenen eine wichtige Pflicht erfüllt, und seinem eignen Herzen genüge leistet, kann er zugleich mehr als bei tausend anderen Beschäftigungen auf den Beifall des Publikums rechnen.
Gewiss, man wird gern diese kurzen biographischen Nachrichten von Ambrosius Bethmann Bernhardi lesen, die ich mit dem Gefühl der Verpflichtung, zur Befriedigung meines Herzens und mit einem wehmütigen Vergnügen niederschreibe.
Er war der zweite Sohn des vor zwei Jahren im hohen Alter verstorbenen, sehr rechtschaffenen, und stillverdienten Acciskommissarii und Bürgermeisters zu Freiberg, Gottfried Bethmann Bernhardi . ---- So wenig gemeiniglich aus den Schuljahren eines Mannes angemerkt zu werden verdient : so kann ich doch folgendes nicht mit Stillschweigen übergehen.
Bernhardi hatte bei einem seiner ersten Lehrer einen Mangel an Übereinstimmung zwischen seinen Lehren und manchen Teilen seines Verhaltens wahrgenommen. So sehr er den selben sonst schätzte, so war ihm doch dieses zuwider und dass dieser Eindruck bei ihm tiefer gegangen und von besserer Wirkung auf sein eignes Verhalten war, als es in dem Knabenalter zu geschehen pflegt, zeigte sich, wie Er in seinem letzten Jahre in die dritte Klasse des hiesigen Gymnasium eingeführt ward.

Bei dieser Gelegenheit hielt der damalige Zertius und jetziger Conrektor, Hr. M. Hübler eine kurze Anrede an ihn, in welcher er Ihm mit derselben Gründlichkeit, Deutlichkeit und Kraft, welche den Unterricht und die Schriften dieses höchstverdienten Schulmannes charakterisierten, einige Grundsätze seines künftigen Verhaltens ausstellte. So wie dem jungen Bernhardi diese Grundsätze als richtig einleuchteten, so war es von diesem Augenblicke an sein Entschluss und Bestreben, sie zu befolgen, und es geschah, wie viel er auch deswegen in seinem bisherigen Betragen ändern musste. Zugleich hatte dieser Lehrer ein solches Ansehen bei ihm erhalten, dass er alles über Ihn vermochte. Hierzu gehört auch, dass er ein andermal, ich weis nicht durch wen? überzeugt worden: es sei Pflicht dis Kirche fleißig zu besuchen und die Predigt mit Aufmerksamkeit anzuhören, und Er war von dieser Zeit an gewiss einer der fleißigsten und aufmerksamsten Zuhörerdes verstorbenen D. Richters , der damals noch Amtsprediger zu Nicolai war, und des ebenfalls verstorbenen Vesperprediger M. Brause . Vielleicht war es, wenigstens zum Teil, dieses fleißige besuchen der Kirchen, was sei Nachdenken frühzeitig auf die Lehren der Religion und des theologischen G...... lenkte und ihn antrieb, sich ernstlich und anhaltend damit zu beschäftigen, auch den Entschluss hervorbrachte, sich dem Studio der Theologie zu widmen.
Wundern wird sich auch niemand, der die Beschaffenheit des theologischen Systems kennt, wie es damals auf der Schule nach Hutters Kompendium vorgetragen ward, dass ein junger Mensch von Nachdenken, den ein Bestreben nach Gründlichkeit seiner Kenntnisse bald auszeichnete, in manchen Teilen jenes Systems vieles Lückenhaft Unerwiesen und Inkonsequent fand. Indessen beruhigte Er sich auf der Schule durch die Hoffnung, dass Er auf der Universität vollständiger Belehrung und befriedigende Ausschlüsse erhalten würde.
Mit dieser Hoffnung und dem Vorsatz, Theologie zu studieren, ging Er im Frühjahr 1775 noch Leipzig. Mit großem Fleiß hörte und trieb Er hier vorzüglich Philologie, Philosophie und die wenigen Erholungsstunden, welche Er sich gestattete, wurden im freundschaftlichem Umgange gelebt.
Die Güte und Festigkeit seiner Grundsätze verschaffte Ihm schon damals die Achtung aller seiner Bekannten; so wie sein Fleiß und sein ganz geregeltes Betragen die Aufmerksamkeit und Gunst einiger, der vorzüglichsten akademischen Lehrer. Aber sein Aufenthalt auf der Universität ward Ihm bald durch die getäuschte Hoffnung verbittert, sich über seine theologischen Bedenklichkeiten zur Genüge belehrt und beruhigt zu sehen.

Ja er überzeugte sich immer mehr, dass selbst die eigentlichen Religionslehren einer besseren Begründung bedürften, als ihnen gegeben ward, und als Er ihnen zu geben wußte. Das verursachte einen harten Kampf in seinem Innern, ob Er das theologische Studium und die Vorbereitung auf ein Predige Amt fortsetzen oder aufgeben sollte. Er konnte sich zu dem letzteren teils aus Neigung zum Prediger Stande, teils aus Besorgnis der väterlichen Mißbilligung lange nicht entschließen. Als Er aber zuletzt gewagt hatte, den verewigten D. Morus um eine Privatunterredung über seine Zweifel und Bedenklichkeiten zu bitten, und Er am Ende derselben auf die Frage: ob Er bei seiner jetzigen Denkart auf die symbolischen Bücher schwören könne, mit einem Achselzucken entlassen wurde: so schrieb Er mit schwerem angstvollen Herzen an seinen Vater um Erlaubnis die Theologie mit der Jurisprudenz zu verwechseln. Sein Vater dachte viel zu richtig um Ihm diese zu verweigern und Ihm bei der Wahl seiner Lebensart Zwang anzulegen.
Von nun an hörte Bernhardi zwar juristische Collegia, trieb aber mehr philologische, mathematische und philosophische Wissenschaften und es zeigte sich bald, dass Er die Jurisprudenz nicht aus Neigung gewählt hatte. Das war auch zum Teil Ursache, dass Er im Jahr 1779 eine Hofmeister Stelle in >Lyon< annahm. Hier lebte er vier Jahre, und die Liebe und Achtung seiner Zöglinge sowohl als ihrer Eltern, welche er fortdauernd erhielt, sind sichre Beweise von der Einsicht und Gewissenhaftigkeit, womit Er sich seinen Geschäften mag unterzogen haben.
Die Stunden, welche Ihm von seiner Berufsarbeit übrig blieben, und auch schon häufig einen Teil der Nacht wendete Er zur Fortsetzung seiner mathematischen Studien und zur gründlichen Erlernung der französischen Sprache an, welche Er auch nach dem Urteil einiger gelehrten Franzosen vollkommen rein sprach und schrieb. Mit dem Freund in >Lyon< , mit welchem Er seine mathematischen Studien trieb, entwarf Er den Plan zu logarithmischen Tabellen, welche insbesondre für Handelsgeschäfte brauchbar werden sollten, und Er wechselte darüber sogar mit dem berühmten, damaligen französischen Minister, Reker einige Briefe. Doch kann ich seine gehabte Idee nicht näher bezeichnen, da Er mir zu einer Zeit davon erzählte, wo Ihm die deutliche Auseinandersetzung derselben schon allzu anstrengend gewesen wäre.

Im letzten Jahre seines Aufenthaltes in Frankreich durchreiste Er einige südliche Provinzen dieses Landes und begleitete alsdann seine bisherigen Zöglinge nach Leipzig zu ihrer anderweitigen Bestimmung. Er brachte aus Frankreich eine gewisse Vorliebe für dieses Land, dessen Bewohner und Schriftsteller mit, welche Ihn nicht verlies, und überraschte auch bei einem Besuche in Freiberg die Seinigen mit einem Anstriche von französischer Leichtigkeit im äußern Betragen, der aber sehr bald verflog. Beides aber ohne Schaden der Solidität, welche den Grundzug seiner Kenntnisse und seines Charakters ausmachte.
Von Leipzig ging Er nach Wildenfels und übernahm die Führung des Grafen Mengden aus >Liefland<, der bei seinem Onkel, dem verstorbenen Grafen v. Solms - Wildenfels lebte. Er bezog aber bald mit seinem Eleven die Universität zu Leipzig, doch nicht ohne auch in Wildenfels ein sehr geneigtes Andenken zu hinterlassen. In Leipzig hielt Er sich abermals beinahe zwei Jahre auf, bis Er den Grafen Mengden nach >Liefland< zurück brachte. Dort übernahm Er in Riga im Jahr 1786 die Hofmeister Stelle bei den Söhnen der Frau Generalin von Raumhoff . Nach seiner Überzeugung war eine Hofmeister Stelle keine Interimsversorgung, wobei man das Geschäfte des Unterrichts und der Erziehung als ein Nebenwerk und die eigne bequemere Existenz als die Hauptsache betrachten könnte. Er sah die Bildung von Jünglingen, welche zumal künftig in einen großen Wirkungskreis treten sollen, für das wichtige Geschäft an,was es wirklich ist und widmete denselben fast ausschließend den ganzen Tag. Da Er aber eine viel zu warme Liebe zu den Wissenschaften hatte, um bei dem, was er bereits wußte, stehen bleiben zu wollen: so wendete er die halben Nächte zu seinem eignen Studieren an, und bemächtigte sich auf diese Weise unter andern der Kantischen Philosophie, welche für Ihn das höchste Interesse bekommen hatte und behielt. Nur durch diese Philosophie bekam sein Glaube an die wichtigsten Religionswahrheiten die Festigkeit, nach welcher Er seit den Schuljahren vergeblich gerungen, und die bei ihm selbst da sich nicht gefunden hatte, als ihm der große Unterschied zwischen Religion und theologischem Systeme deutlich geworden war. Auch behauptete Er, dass ihm die moralische Leitung seiner Eleven weit besser gelungen wäre, nachdem Er im Unterricht und bei nötigen Zurechtweisungen das Kantische Moralprinzip statt des endämonistischen befolgt habe. So groß aber der Gewinn des Nacht studieren für die intellektuelle Bildung, für die Beruhigung und selbst für die Berufsgeschäfte Bernhardi ´s sein mochte: so hat es sich doch durch die Folgen von von einer andern Seite als sehr traurig gezeigt.

Er legte dadurch unstreitig den Grund zu der Schlaflosigkeit und Auszehrung, welche Ihn vor der Zeit aus dem Kreise seiner Freunde und Verwandten, und seines gelehrten und bürgerlichen Wirkens herausriss. Diese Wirkungen des nächtlichen Studieren sind zu gewöhnlich und natürlich als dass ich sie erst in dem gegenwärtigen Falle wahrscheinlich zu machen brauchte, und bei der großen Anstrengung, welche Er sich bei dem Studieren ergab, mußten sie noch sichrer eintreten. Denn Er gehörte nicht zu den Köpfen, welche mit Schnelligkeit das Ganze übersehen und mit Leichtigkeit fassen; Er mußte Schritt für Schritt gehen und sich mühsam in alles, was Er lernen wollte, hinein arbeiten.
So oft Er schon in Riga über Mangel an Schlaf klagte, so hatte dieser doch damals weder einen merklichen Einfluß auf die Lebhaftigkeit in seinen Geschäften und in seinem Umgange, noch störte es ihn im Genusse der mancherlei Annehmlichkeiten welche ihm die Verhältnisse des Naumhoffschen Hauses darboten. Unter die für Ihn erfreulichsten Ereignisse gehörte eine Reise seiner Prinzipalin nach Petersburg und Moskau, wohin Er sie mit ihren Söhnen begleitete. Diese Reise gewährte Ihm aber nicht allein viel Vergnügen, sondern sie ward auch in so fern für Ihn bedeutend, als sie Ihn in dem Entschluss bestärkte, seine pädagogischen und statistischen Beobachtungen über Russland genauer anzustellen und nieder zu schreiben, und so die Materialien zu dem sehr geschätzten Werke zu sammeln, das Er in den Jahren 1798 und 99 zu Freiberg, und zwar wegen der damaligen Zeitumstände anonym heraus gab: Züge zu einem Gemälde von Russland unter Katharina der zweite n. *)
Im Jahre 1795 verließ Bernhardi das Naumhoffsche Haus und Riga . Auch Er hatte diese Stadt, wie es beiso vielen Sachsen der Fall ist, sehr lieb gewonnen, und sprach jederzeit mit großer Wärme von seinen dortigen Freunden und Gönnern. Einen starken Beweis von der Achtung und Liebe, welche Er sich zu erwerben wußte, gab Ihm der Eine seiner gewesenen Eleven ein paar Jahr nach seiner Rückkehr nach Sachsen. Er machte Ihm, ohne dass hierüber zuvor das geringste bestimmt worden war, einen jährlichen Gehalt von 200 Thaler auf Lebenszeit aus; ein Vorteil, der zwar bei auswärtigen Hofmeister Stellen nicht so selten als bei sächsischen ist, aber doch sonst einen jedes maligen Accord voraussetzt.

Bernhardi wählte nun Freiberg und das väterliche Haus zu seinem Aufenthalte, bis es Ihm gelingen würde, irgendwo in seinem Vaterlande nach Wünschen angestellt zu werden. Er machte zu diesem Zwecke mancherlei Versuche, aber vergebens, worüber man sich auch bei unsrer Verfassung, welche jedem, der das gebahnte Gleis verlässt, die Anstellung sehr erschweret, nicht wundern kann. Während dieser Zeit schrieb Er die mit allgemeinem Beifall aufgenommene : Gemeinsatzliche Darstellung der Kantischen Lehren über Freiheit, Sittlichkeit, Gottheit und Unsterblichkeit welche 1796 und 97 in zwei Teilen heraus kam *). Er arbeitete an diesem Werke mit großem Interesse; denn wie Er selbst nur durch die kritische Philosophie Beruhigung gefunden hatte, so hoffte er sie durch sein Buch auch andern zugeben, welche nicht Zeit oder Kraft genug hätten, um diese Philosophie aus den Quellen zu studieren. Aber Er arbeitete auch mit einem großen Aufwand von Lebenskraft, oft bis zu einem der Ohnmacht nahen Zustande. Was Ihm das Schwerste war, die Gemeinsatzlichkeit, zeichnet in der Tat dieses verdienstliche Werk vorzüglich aus; aber dieser Vorzug kostete ihm auch die Ruhe mancher Nacht, ob Er gleich diese jetzt selten zur Arbeit anwendete. Aber wenn Er mir z. B. auf dem Spazierweg eine Idee mitgeteilt hatte, und ich die Darstellung, welche Er ihr geben wollte, nicht sogleich ganz billigte oder für ganz satzlich hielt : so beschäftigte ihn das Bestreben eine noch leichtere zu finden, so lebhaft, dass Er des Nachts nicht davor schlafen konnte. Zugleich beunruhigte Ihn die Sorge für sein Unterkommen nicht wenig und machte Ihn oft ganz niedergeschlagen. Es verschloss sich eine Aussicht nach der anderen und Er nahm daher endlich das Anerbieten seines alten und geschätzten Freundes, des Besitzers der Crazischen Buchhandlung : ihm einen Teil derselben käuflich zu überlassen, freudig an, und zwei Jahre darauf, da sein Freund wegen gehäufter Geschäfte und Amtsverhältnisse immer weniger für Verlags-und Handlungsgeschäfte tun konnte, übernahm er jene Handlung ganz allein. Er entsagte dabei Anfangs so wenig schriftstellerischen Arbeiten, dass Er, wenigstens den zweiten Teil des oben erwähnten statistischen Werkes über Russland in dieser Zeit ausarbeitete; und als Er auf die Erscheinung des ersten Teils ein sehr schmeichelhaftes Schreiben von dem Hrn. Obristlieutenant v. Zach und eine Einladung zur Teilnahme an den geographischen Ephemeriden erhielt, so entwarf Er auch mehrere Aufsätze für dieses Journal, von denen aber nur einer zu Stande gekommen und gedruckt ist.*)

Auch lieferte Er seit 1798 mehrere Rezensionen von pädagogischen, so wie von historischen, geographischen und statistischen Schriften über Russland in die Jenaer Allgemeine Literaturzeitung.
Allmählich beschäftigte Ihn aber die Buchhandlung immer stärker, und Er besorgte die Geschäfte derselben mit so viel Einsicht, Fleiss und selbst mit so viel Gelehrsamkeit, dass sie auf einen soliden Fuss kam und mehrere Verlagsbücher an innerem Werte gewannen. Hierbei nahm denn aber seine Gesundheit nicht zu, ob er gleich bis ungefähr um Ostern 1799 über kein bestimmtes Übel, außer von Zeit zu Zeit über Schlaflosigkeit klagte. Um die benannte Zeit bemerkte er eine kleine Verhärtung an der rechten Seite des Halses hinter dem Ohr, worüber Er auch bald mit seinem Arzt sprach, der Ihm zerteilende Mittel vorschrieb. Als diese ohne Wirkung blieben und die Verhärtung zunahm, reiste Er im Sommer desselben Jahres nach Leipzig, um den berühmten Chirurgus D. Eckhold zu konsultieren, der ihm noch einige andere äußere Mittel vorschlug, aber schon ziemlich bedenklich die Achseln gezuckt hatte. Diese Mittel blieben ebenfalls fruchtlos und der Tumor wuchs je länger, je mehr. Er ging deswegen im Herbst nach Dresden und zog den sehr geschickten und bekannten Chirurgus, Prof. Weiße zu rate, welchem Er schon kurz vorher in Freiberg sein Übel gezeigt hatte.
Dieser erklärte sich beide male für die Operation, doch gab er, auf Berndardi´s Äußerung eines heftigen Abscheus dagegen, noch vorher mehrere Mittel zum äußern und innern Gebrauche, und Bernh. bediente sich auch beider, der letzten erst zu Anfang des Jahres 1800 nicht mit Zustimmung seines Arztes, des Hrn. D. Hennigs . Vielleicht zufällig, vielleicht durch die heftige Wirkung des Schierlings, Antimoniums u.s.w. bekam er gerade als er zur Ostermesse 1800 nach Leipzig reisen wollte, das erste mal einen starken Fieberanfall; der indessen bald vorüber ging und ihn weder an der Reise noch an seinen Meßgeschäften hinderte. Er konsultierte hier nochmals den Hrn. D. Eckhold und auch den
Hrn. D. Kapp , deren Rat dahin ging, nichts weiter zu brauchen, in der Hoffnung, dass der Tumor nur bis zu einer gewissen Größe wachsen und ihm eine leidliche Existenz gestatten werde. Eine Operation sei nur im höchsten Notfall vorzunehmen.

Wie dem Entschluss, diesen Rat zu befolgen, kam er von Leipzig zurück und brachte den Rest des Frühjahres und den Sommer ganz erträglich hin; obgleich die Schwulst immer zunahm, und von Zeit zu Zeit leichte Fieberanfälle merkbar waren. Wir hofften das Beste,und in dieser Hoffnung wollte Er seine Heirat nicht länger aufschieben, welche Er längst gewünscht hatte und die bereits seit Jahren eingeleitet war.
Seitdem durch Übernahme der Buchhandlung sein Aufenthalt in Freyberg bestimmt, und ihm nach dem Tode seines Vaters das väterliche Haus von seinen Geschwistern überlassen war, hatte er mir oft gesagt, er wünsche herzlich eine Gattin zu finden, denn er fühle, dass es Zeit für ihn sei, sich zu verheiraten. So angenehm ihm die häusliche Gesellschaft seiner beiden sehr gebildeten Schwestern war, von welchen die Jüngere *) ihm selbst wissenschaftliche Unterhaltung gewährte wie sie denn auch dankbar einen Teil ihrer wissenschaftlichen Bildung Ihm zuschreibe -- so empfand er doch jene Leere, welche alternde Carcons als einen Ruf der Natur nie ohne Folgsamkeit bemerken sollten. Bei den Unterredungen hierüber erklärte Er sich einst, dass Einer seiner liebsten Freunde in Riga, der jüngst gestorben sei, eine Witwe hinterlassen habe, welche Er sehr hochschätze, und wegen der Bildung ihres Verstandes und Herzens zur Gattin wählen würde, wenn nicht seine und ihre Vermögensumstände, die große Entfernung und andere Schwierigkeiten ihm den ernstlichen Gedanken daran unmöglich machten. Indessen mochten noch ein Jahr später mehrere Äußerungen seiner Wünsche in seine Briefe an Sie eingeflossen sein, und beide näherten sich dadurch und durch den größeren Mut seiner Geliebten bald in so weit, das ihre nähere Verbindung beschlossen ward. Das geschah vor der oben angeführten Ostermesse 1800.

Als ihn zu dieser Zeit der erwähnte Fieberanfall sehr besorgt um seine Gesundheit gemacht hatte, schrieb er noch umständlicher über dieselbe an seine Verlobte, welche ihm aber meldete, dass sie bereit sei, Gefahren und Leiden mit ihm zu teilen, und dass die Anstalten zu ihrer Reise nach Sachsen schon getroffen waren. Wie Er diesen Brief erhielt, hatte Er gerade den meisten Grund zu vermuten, dass sein Übel nicht besser, aber auch nicht schlimmer werden würde, und Er suchte daher die Reise seiner Geliebten nicht zu verhindern, welches auch ohnedies wegen der Entfernung sehr schwer war.*) Sie kam zu Anfang des August nach Sachsen, fand sein Aussehen nicht so schlimm, als Er es geschildert hatte, sprach Ihm Mut und Hoffnung ein, und reichte Ihm mit dem Gelübde, Gutes und Böses gemeinsam mit Ihm zu ertragen, ihre Hand, welche ich am 24. August mit der seinigen feierlich verband. Auch die Wochen der frohen Hoffnung dauerten nicht lange! obgleich für die Verbundenen noch länger, als für ihre Freunde. Je näher der Herbst kam, um so stärker ward periodisch die Schwulst am Halse des guten Bernhardi und das Fieber dabei immer merklicher. Bei einer Beratschlagung um diese Zeit mit dem Prof. Weiße äußerte dieser sehr bestimmt, es sei nunmehr der höchste Notfall da, wo eine Operation des Tumors nicht länger verschoben werden dürfe. Noch schauderte der Kranke vor dieser Nachricht zurück, und noch hoffte Er auf eine Beschränkung seines Übels in gewisse Grenzen, worin es zu ertragen sein würde. Nur die periodische Rückkehr des Fiebers, welche ihn nun jedes mal auf die Stube einschloss, und die Überzeugung, welche man Ihm gab, dass Fieber werde von dem immer stärkeren Drucke des wachsenden Tumors auf die Hauptadern und Hauptnerven des Kehlkopfes verursacht, bewirkten den bestimmten Entschluss, sich operieren zu lassen.

Es konnte Ihm nicht unbekannt sein, dass die Operation gefährlich und von einem ungewissen Ausgang war. Er ordnete daher seine Angelegenheiten, schrieb seinen letzten Willen in einem Briefe an seine Gattin nieder, und meldete dem Prof. Weiße nach Dresden, dass Er ihn nun sobald als möglich erwarte. Das war spät im Dezember W. kam den 21. und B. nahm mit Rührung, aber ohne heftige Erschütterung einen für seine Freunde erschütternden Abschied von ihnen. Mir übergab Er jenen Brief an seine Gattin. Unvergesslich werden mir dieser und der folgende Tag sein. Aber was wir, seine Angehörigen und Freunde empfanden, empfand mit uns, wenn auch in einem geringeren Masse, die halbe Stadt, welche um diese Operation wusste, und die bei der grossen Achtung, worin der Leidende stand, schon bisher die grösste Teilnahme bezeugt hatte. Die Operation dauerte drei Stunden, und war nach der wiederholten Aussage des seit lange tätigen und erfahrenen Operateurs, die grösste und schwierigste, welche er vollendet hatte. Sechzehn Nervenäste mussten durchschnitten, und fast eben so viel kleine Arterien unterbunden, die Hauptarterie ganz entblösst, drei Drüsen ganz heraus geschält, zwei grosse Muskeln ordentlich präpariert werden. Diese schreckliche Operation hielt B. mit einer Standhaftigkeit aus, welche der Operateur noch von keinem manne gesehen zu haben versicherte. Aber fast noch mehr erregte die Gattin von B. die allgemeine Bewunderung,welche nicht von seiner Seite wich, und bei den schrecklichsten Gefühlen die Kraft behielt, ihn auf das sorgsamste zu unterstützen. --- Die Operation war glücklich vollbracht, und nachdem die Besorgnis eines Nervenfiebers, welches uns die Weihnachtsfeiertage hindurch ängstigte, vorüber war, ging die Heilung der Wunde unter der leichten und sorgsamen Hand des Oberfeldscherer bei der Artillerie Hrn. Scheibner,einen zwar langsamen aber sichern Gang, nur, dass sich mitunter einige Zufälle zeigten, von denen man nicht wusste,woher sie kamen und wodurch sie endigten. Bernhardi befand sich nach zehn Wochen ungefähr 12 Tage so gesund, dass Er und seine Freunde den Entschluss der Operation segneten und wir uns seines Lebens und seiner zurück gekehrten Gesundheit aufs innigste freuten. --- Leider war diese Freude von kurzer Dauer. Nach 12 Tagen zeigte sich auf einmal wieder Fieber. Und dieses Fieber, gegen welches der einsichtsvolle, unermüdete und freundschaftliche Arzt alle Mittel der Kunst vergeblich aufbot, kam von nun an, nach immer kürzeren Zwischenzeiten von 14, 12, 10 und weniger Tagen unausgesetzt wieder.

War ein periodischer Anfall vorüber, so sammelte der Kranke von Tage zu Tage mehr Kräfte, und wenn Er sich am kräftigsten fühlte, trat der Paroricismus aufs neue ein. So erklärte sich das Fieber bald für ein hektisches, mit der sehr sonderbaren Erscheinung der periodischen Parorismen und bessern Intervallen, und nach meiner jetzigen Ansicht der ganzen Krankheitsgeschichte als unabhängig von dem Tumor am Halse, der wahrscheinlich ein bloss zufälliges Übel war. Noch konnte der Kranke zwar die Messe bereisen und einen Teil der Messgeschäfte besorgen, aber er kam sehr angegriffen nach Freyberg zurück, und konnte von nun an nur wenig mehr ausgehen. Das Ausfahren gab ihm noch die einzige Erholung. Auf diese Weise brachte er den ganzen Sommer und einen Teil der Herbstes hin, ward mit jedem Fieberanfall geschwächter und fasste in jeder besseren Zwischenzeit, wie es bei hektischen Personen gewöhnlich geschieht, neue Hoffnung; bis er nach einem im September d. J. erfolgten stärkeren Auflodern der Lebensflamme in eine solche Entkräftung verfiel, dass Er überzeugt ward: Er könne nicht lange mehr leben, und nun mit seiner Gattin, was Er bisher immer vermieden hatte, über Tod und Trennung sprach. Diese hatte sich Ihm durch ihre zärtliche Liebe, ihre unermüdete Fürsorge, ihre Tag und Nacht mit gleichem Eifer fortgesetzte Pflege, ihre geschickte Tätigkeit in seinen Handlungsgeschäften und durch viele andere vorzügliche Eigenschaften unaussprechlich teuer gemacht, und die Sorge um sie beschäftigte Ihn nun unaufhörlich.Sie selbst ward auf das tätigste und liebevollste durch die beiden Schwestern Ihres Gatten unterstützt, welche mit der wärmsten Liebe und Achtung an ihrem Bruder hingen, und mit dem unglücklichen Paare eine Familie ausmachten. Es war angreifend für den Fremden in die Mitte dieser jetzt so unglücklichen Familie zu treten. Was mussten Freunde empfinden, welche mit den Verhältnissen derselben und den Gefühlen jedes Mitglieds bekannt waren, und jeden Blick zu deuten wussten!
Dieser Zustand dauerte noch über einen Monat. Nach grossen, empfindlichen Beschwerden entschlief der redlichste Gatte, Bruder, Freund und gewiss einer der besten Menschen am 27. Oktober in einem Alter von noch nicht 45 Jahren.
Er entschlief mit der Ruhe und Ergebung eines Weisen, nachdem Er einen harten Kampf mit der Liebe zum Leben gekämpft hatte. Er gab bei seiner Krankheit und seinem Sterben zwei sprechende Beweise, wie viel das Gefühl der Pflicht bei ihm vermöge.

Bei dem ersten Vorschlag einer Operation entsetzte er sich so sehr, dass er einer Ohnmacht nahe kam Er äusserte nachher häufig seine Furcht vor körperlichen Schmerzen. Als Er aber überzeugt war, nur die Operation könne sein Leben fristen: so hielt ER es für Pflicht, sich ihr zu unterwerfen, und nun war er im Stande nicht nur jene Furcht zu unterdrücken, sondern auch unter der Hand des Wundarztes den höchsten Grad des Schmerzes zu ertragen ohne sich halten und ohne fast eine Äusserung des Schmerzes laut werden zu lassen. Mit der Überzeugung, dass es Pflicht sei, sein Leben zu erhalten, verband sich aber auch bei ihm eine starke Liebe zum Leben, und diese ward immer stärker, je mehr Er schon um des willen geduldet hatte. Es kam dazu, dass ihn die Liebe zu seiner Gattin, zu seinem Geschwister und seinen Freunden und selbst der gerechte Wunsch, die Früchte seiner Anstrengungen für seinen gewählten Beruf zu geniessen, noch mehr an das Leben fesselten. So lange Er daher genesen und leben zu können hoffte, versetzten Ihn die wiederholten Fieberanfälle in einen Zustand der Ungeduld; und Er war, so lange sie dauerten, ganz gegen seine sonstige Stimmung gereizt und reizbar. Er aber überzeugt war sein Leben könne nach solchen zerstörenden Parorismen nicht mehr lange dauern und Er es für Pflicht ansah, sich zu unterwerfen: so konnte Er mit seiner Gattin ruhig über seinen Tod sprechen. Er kämpfte die Anhänglichkeit ans Leben nieder und nahm sich nun in Acht eine erschütternde Szene mit den Seinigen zu veranlassen. "Ich sehe wohl, was in euch vorgeht," sagte Er zwei Tage vor seinem Tode, "in mir arbeitet es auch; aber ich brauche Ruhe." Seine Liebe zum Leben war übrigens kein Beweis seines schwankenden Glaubens an Fortdauer und Unsterblichkeit. Nur dass Er bei dem geringen Mass von Einbildungskraft, welche andere in den Stand setzt, sich an Bildern künftiger Freuden zu ergötzen, von jenem Glauben nicht immer gleich erwärmt und über den Verlust dessen, was Ihm sinnlich gewiss war, beruhigt ward. Doch sprach Er auch bisweilen mit grosser Lebhaftigkeit darüber. Als ich Ihn an dem Jahrestage seiner Heirat besuchte, wo Er gerade einen der heftigsten Fieberanfälle überstanden hatte, fand ich Ihn wider Erwarten gestärkt und heiter. Er erinnerte sich selbst seines Trauungstages, Fasste mit der innigsten Liebe die Hand seiner tiefgerührten Gattin und ergoss sich in Lobsprüche ihrer Vorzüge und des Glücks, das Ihm durch ihren Besitz zu Teil worden sei. "Solche Augenblicke" sagte ich zu Ihm, "beleben unsere Hoffnung auf Fortdauer und Wiedersehen stärker, als es keine Philosophie zu tun vermag!" Ja! antwortete Er mir mit der grössten Wärme, "das fühle ich im Innersten!" und verbreitete sich nun über diese Hoffnung mit einem Feuer und einer Anstrengung seiner Kräfte, die mich fast besorgt für ihn machte.

Übrigens hat Er seine Überzeugungen von der Religion und seine moralischen Grundsätze in dem oben angeführten Werke niedergelegt, und sein Leben war in der genausten Übereinstimmung mit denselben. Was ihm als Recht und Pflicht erschien, das übte Er, wie gross auch die Opfer sein mochten, welche es Ihm kostete. Bei aller Strenge aber gegen sich selbst, war Er sehr billig im Urteil über andere; nur jede Art von eigentlicher Ungerechtigkeit und Bedrückung empörte Ihn, so wie Ihn Heuchelei und Falschheit gewiss auch von dem sich zurück ziehen hiess, von dem Er Vorteile erwartete. Mit der Billigkeit im Urteil verband Er eine seltne Bereitwilligkeit andern zu dienen und ihnen aus Not und Verlegenheit zu helfen. Er hat für andere Summen aufgeopfert, die seinen unbeträchtlichen Teil seines mühsam ersparten Vermögens ausmachten. In seinem äussern Betragen, so wie im geselligen Umgange war Er sehr gefällig, und wenn Er gleich vielleicht aus Widerwillen gegen alles blosse Scheinen und alle Vorstellung nicht jenes geschmeidige Nachgeben, und jene Politur des Tuns und Benehmens hatte, die sonst die Folge des Umgangs mit der grossen Welt, den Er in Riga gehabt hatte, zu sein pflegte; ja ob Er gleich von einem gewissen Hang zum Widerspruch nicht frei war: so fanden doch Fremde und Bekannte für diese kleinen Mängel reichlichen Ersatz in grösseren Vorzügen.
Seine Kenntnisse, sein richtiges Urteil, das Interesse, womit Er über wichtige Dinge sprach und die Geschicklichkeit, womit Er auch minder wichtige Dinge in einen interessanten Gesichtspunkt stellte, machten ihn zu einen gesuchten und beliebten Gesellschafter. Seine Vorzüge gaben Ihm in den Augen derer, die ihn genauer kannten, einen noch größeren Wert, denn sie waren fast alle und zwar mühsam erworben. Ihm fehlten von Natur die meisten Gaben, denen viele ihre ganze Tugend, Annehmlichkeit und Kenntnis verdanken. Denn Er hatte weder ein sehr glückliches Temperament, noch eine sehr lebhafte Einbildungskraft, noch einen schnellen Witz oder eine große Fähigkeit der Ideenkombination. Durch das, was man einen richtigen und scharfen Verstand und Penetration nennt, und durchhaltenden, auf auf seine geistige und moralische Bildung gewandten Fleiss, war Er alles geworden, was Er war. Und Er war der gelehrten und moralischen Welt nicht wenig; den Seinigen und seinen Freunden.

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