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Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756- 18o1)

Die literarischen Erzeugnisse von A.B. Bernhardi

Züge zu einem Gemälde des Russischen Reichs unter Catharina II.
gesammelt bey einem vieljährigen Aufenthalte in demselben. In vertrauten Briefen 1798.

Eine Abschrift unter Modernisierung der Rechtschreibung und Beibehaltung der alten Grammatik.


Vorerinnerung

Wieder ein historisches Buch ohne Namen, sagt vielleicht mancher unwillig, indem er den Titel dieses Werkchens betrachtet; und wenn der Verfasser desselben auch noch so sehr versichern wollte, dass die Anonymität gar nicht in seinem Plane lag, als er seine Bemerkungen über Russland bekannt zu machen beschloss, und dass er sie nicht nur Anfangs, sondern auch nach der Einsicht in die Notwendigkeit seinen Namen zu verschweigen, so aufsetzte, als ob dieser auf den Titel stehen würde: so ist doch sehr zu fürchten, dass eine solche Versicherung, weil sie ebenfalls namenlos ist, an sich keinen großen Glauben finden dürfte. Dies alles drückte mich nicht wenig, als die Anonymität durch Umstände notwendig wurde, die ich nicht anführen kann, ohne gerade das zu verraten was verschwiegen bleiben soll. Allein nach reifer Überlegung finde ich das ganze Übel, dem ich mich unterwerfen mußte, nicht von großer Bedeutung. Warum wird denn gefordert, dass der Verfasser einer historischen Schrift sich nenne?

Damit man sehe, ob er die Wahrheit sagen konnte und wollte. Nun bezieht sich das Können im vorliegendenFalle darauf, dass ich mich in Russland wirklich aufgehalten, und eine gesunde Beurteilungskraft habe; beides aber muss aus der Schrift selbst erhellen. Wenn in dieser nicht gefunden wird, dass ich Augenzeuge von vielen Tatsachen war, die ich anführe, und mit Vorsicht Erzählungen anderer aufnahm; so würde auch mein Name nicht hinlänglich Beglaubigung enthalten. Die meisten Tatsachen, die ich anführe, sind nicht von der geheimen Art, die ganz besondere Verhältnisse mit den vornehmsten Personen des Staates voraussetzen. Ich habe mich solcher Erzählungen mit Fleiß fast gänzlich enthalten, ob ich gleich nach Hörensagen die meisten Anekdoten hätte anführen können, wodurch man die Lebensbeschreibung der Kaiserin Catharina II. interessant zu machen sucht.
Was ferner den guten Willen betrifft, den die Wahrheit jeder historischen Schrift vorzüglich voraussetzt, so könnte zwar mein Name allerdings beitragen an Entfernung von Leidenschaft zu glauben. In meiner gegenwärtigen und vergangenen Lage ist nicht der geringste Grund zum Misstrauen; und ich schmeichele mir noch überdies, dass mein persönlicher Charakter mich bei denen, die mich kennen, vor einem solchenMisstrauen schützen würde. Allein auch in dieser Rücksicht glaube ich, dass die Erzählung selbst eine gewisse Wahrhaftigkeit ausdrückt, die wenigstens zum Teil die Stelle des Namens vertreten kann. Sollten übrigens gegen die angeführten Tatsachen Zweifel erregt werden, zu deren Hebung der Name dessen, der sie erzählt, etwas beitragen könnte, so werde ich ihn angeben, sollte er mich auch den Unannehmlichkeiten aussetzen, die ich jetzt von einer solchen Bekanntmachung fürchte. Doch genug von der Anonymität. Ich gehe zu einigen Bemerkungen über die Schrift selbst über.

Zuerst muss ich anmerken, dass die in den Briefen angegebenen Zeitbestimmungen von jetzt, vor kurzem u.s.w. sich sämtliche auf das Ende des Jahres 1794 beziehen, in den Noten hingegen eben diese Zeitbestimmungen auf die gewöhnliche Weise zu verstehen sind. Ich habe diese Briefe schon vor mehreren Jahren, als ich mich noch in Russland befand, angefangen, und dieselben einige Zeit liegen lassen, teils weil andere Beschäftigung mich mehr anzogen, teils weil unterdessen manch reichhaltige Schrift über Russland herauskam, welche entweder die meinige entbehrlich, oder eine starke Einschränkung des vorgesetzten Plans notwendig machten. Aber eben jene Schriften bestärkten mich nachher in dem Entschluss, meine Bemerkungen zum Teil bekannt zu machen. Ich sah, dass vieles zu sagen übrig blieb, was nicht berührt oder falsch vorgestellt worden war. Ob nicht noch manches stehen geblieben ist, was, als bekannt, hätte wegbleiben können, muss ich dem Leser überlassen. Nur möge dieser bedenken, dass es keine leichte Sache ist, alles nach dem Maße von Kenntnissen zu zuschneiden, die jeder schon hat, und dass gewisse Dinge teils an sich, teils um der Zusammenstellung willen, eine Wiederholung verdienen. Überdies habe ich so viele Missbräuche und Fehler der Menschen, so wie der Verfassung gerügt, dass ich mich nicht entbrechen konnte, auch das Gute, das schon bekannt ist, mit zu berühren, um nicht als Advocate des Teufels zu erscheinen. Dem Verdachte einer so übeln Rolle zu entgehen, erkläre ich auch noch ausdrücklich, dass ich auf der anderen Seite bloß deswegen vieles Gute weggelassen, oder nur obenhin berührt habe, weil ich mich nicht bei schon bekannten Dingen aufhalten wollte.

Ich habe nicht nur manche herrschende Meinung überhaupt, sondern auch mehrere Stellen rühmlich bekannter Schriften zu berichtigen gesucht. Sollte man auch mir Unrichtigkeiten vorwerfen, wie das wohl möglich ist, so werde ich gerechten Tadel willig anerkennen und ungerechten zu beantworten wissen. Die Wahrheit muß auf alle Fälle bei jeder Rüge gewinnen, und Wahrheit ist mein erstes Ziel gewesen.
Daher habe ich meistenteils das, was ich selbst sah oder von glaubwürdigen Männern erfuhr, von der bloßen Sage sorgfältig unterschieden. Indessen macht die Wahrheit allein eine Schrift nicht interessant; und ob dies die gegenwärtige ist, wage ich so wenig zu bestimmen, dass ich die Fortsetzung derselben von dem Urteile der Recensenten und des Publikum abhängen lasse. An gesammelten und zum Teil schon geordneten Materialien zu einem zweiten Bändchen fehlt es nicht.

Den 13. April 1798 Der Verfasser.

Brief I
Über die Gefahr der Freimütigkeit im Reden und Schreiben, Missbräuche bei der Post im Erbrechen der Brief. Bemerkungen über die Einrichtung des Postwesens. Ungerechtigkeiten in den Forderungen der Reisenden und der Posthalter. Bemerkungen über das Briefporto. S.1-48

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Sie wundern sich nach ihrem letzten Briefe, dass ich so lange im Russischen Reiche bin, ohne ihnen die geringste Bemerkung über dasselbe mitzuteilen, und wissen sich dies gänzliche Stillschweigen nicht anders als dadurch zu erklären, dass ich mich vor dem schlauen und tiefen Blicke der hiesigen Staatsinquisition fürchte. Dieser Gedanke ist natürlich. Sie kennen mich und wissen, dass ich entweder gar nicht, oder frei über die Länder schreibe wo ich mich aufhalte; vor dieser Freiheit aber wird man in Beziehung auf Russland in und außer demselben so häufig gewarnt, dass man auch ohne ängstliche Furchtsamkeit hinlänglich veranlasst ist, eine große Behutsamkeit in seinen Briefen zu beobachten.

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Wie viel oder wie wenig Grund man dazu hat, will ich gleich sagen; zuvor nur noch bemerken, dass in jener Behutsamkeit nicht die einzige Ursache liegt, warum ich mich bisher aller Bemerkungen enthielt.
Es ist mir immer sonderbar vorgekommen, wenn Reisende bei ihrem Flug durch Länder im Stande zu sein glaubten, über den politischen, moralischen, statistischen, literarischen Zustand eines Landes abzusprechen. Einzelne im Flug gehaschte Züge können wohl interessant sein, aber zu keinem Resultat führen; und ich gestehe ihnen, dass mir dieses in manchen Stücken notwendig scheint, selbst wenn man sich bei einzelnen Zügen vor der Einseitigkeit bewahren will. Ob sie nicht darin einen Widerspruch finden, muss ich dahin gestellt sein lassen. Die Lösung desselben würde mich zu weit führen; dagegen kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen, dass die Einseitigkeit bei andern Ländern leichter als bei Russland zu vermeiden ist. Es geschieht darin so vieles, welches den Charakter der Größe und Güte trägt

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trägt, dass man leicht versucht wird, auch das nur Scheinbare mit eben diesem Charakter zu bekleiden, oder die noch existierenden Mängel zu übersehen; und diese können dagegen wieder so groß vorkommen, das man darüber das viele Gute vergisst, welches sich mitten unter uns denselben befindet. Beide Einseitigkeiten sind gar nicht selten. Manche Schriftsteller halten sich nur bei den Zügen auf, welche die vorgefasste Meinung von Russland fortwährender Barbarei begünstigen, andere malen nur ins Schöne und übertünchen die Mängel. Unter diesen Umständen kann man wohl nichts besseres tun, als eine ziemliche Zeit beobachten und eine Menge Tatsachen sammeln, ehe man ein Urteil fällt. Dies habe ich seit mehreren Jahren getan, und nun erst will ich Ihnen teils die gesammelten Materialien, teils einig daraus gezogene Resultate in einer Reihe von Briefen mitteilen. Dass ich Ihnen dieselben zu schreiben wage, wird Sie schon vorläufig von der Meinung zurückbringen, dass man in Russland für freie Denkungsart

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und unparteiische Beurteilung der Lage der Dinge leicht mit seiner Haut oder doch mit mit seiner Freiheit büßen könne. Woher kommt denn aber, werden Sie vielleicht fragen, die häufige Empfehlung der Behutsamkeit in Briefen? Eine so weit verbreitete Äußerung der Furcht in und ausser dem Lande ist doch selten ohne Grund! Dieser natürliche Einwurf veranlasst mich zuerst etwas über den herrschenden Ton in Rücksicht auf Freiheit im Reden und Schreiben zu sagen.
Dass sehr viele Männer in Russland, die Teil an der Regierung des Staates wirklich haben oder künftig zu haben hoffen, gar keine Freunde der Puplizität sind und die Freiheit selbst im Reden über die Gebühr eingeschränkt wünschen, hat seine gute Richtigkeit. Man hört darüber bisweilen Äußerungen oder sieht auch wohl Handlungen, die das Verlangen nach einer durchaus knechtischen Denkungsart voraussetzen. Das ist aber gewissermaßen natürlich. Die Großen eines jeden Landes sehen, im Ganzen genommen, freies Reden über gewisse Angelegenheiten nie gern.

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Doch was nenne ich die Großen allein? Selbst der kleinste Machhaber fürchtete nicht selten die öffentliche Meinung, und möchte sie gern hindern laut zu werden. So war es von jeher, wo eine Art monarchischer oder aristokratischer Regierung statt fand; so muss es jetzt noch weit mehr sein, wo man im Geringsten die öffentliche Meinung fürchten zu müssen glaubt, nachdem man auf die Gewalt der selben durch die französische Revolution so aufmerksam gemacht worden ist. Ob man in Russland noch mehr als in andern Ländern Ursache habe, der natürlichen Freiheit, in Beurteilung der öffentlichen Angelegenheiten entgegen zu arbeiten, verspare ich auf einen andern Brief. In diesem will ich nur anführen, was der eine Teil tut, um jenes unveräußerliche Recht niederzuschlagen, und was der andere zu fürchten hat.
Die Zeiten sind vorbei, wo selbst nach den Gesetzen ein unbedachtsames Wort die fürchterlichste Lage nach sich ziehen konnte. Es ist bekannt genug, dass unter den vielen vortrefflichen Abänderungen, die Peter III.

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gleich nach Antritt seiner Regierung machte, auch die Aufhebung der Staatsinquisition gehört, und dass er hierdurch die im Finstern schleichende Verleumdung und das Spiel der boshaften Angeber niederschlug.
Unter der Regierung seiner Gemahlin wurde jenes schreckliche Gericht wenigstens nicht in dem Maße hergestellt, in welchem es zuvor geherrscht hatte. Es soll zwar wohl noch eine geheime Staatsinquisition geben, wo wahre oder vermeinte Verbrechen auf eine Art abgetan werden, welche mit den Begriffen von Gerechtigkeit sich schwerlich vereinigen lassen. Geheime Entscheidungen sind allemal verdächtig - und man führt allerdings Beispiele von offenbaren Ungerechtigkeiten an*). Nach allem aber, was

*) In der Minerva steht unter den Zügen, welche Potemkins Leben charakterisieren sollen, auch die von ihm bewirkte Stellung des Brigadiers Bibikow vor eine geheime Commission. Er sei beschuldigt worden, heißt es, einen zu vertrauten Umgang mit einem Hoffräulein gehabt zu haben, und es wird hinzugesetzt, es sei nicht wahrscheinlich gewesen, dass man über eine solche Sache an einem Hofe, der nicht allzustreng dachte, ein so großes Aufsehen gemacht haben würde. Indessen scheint der Hof, nach Äußerungen von mehreren Personen, in ähnlichen Fällen wirklich streng gewesen zu sein; in Dünemünde saß viele Jahre ein junger Mensch, der in einem Briefe selbst angab dass er um eines solchen Vergehens willen sitze. Hat er auch nicht die Wahrheit gesagt, so ist es doch nicht wahrscheinlich, dass er einen solchen Deckmantel gebraucht haben würde, wenn er nicht in dem Verfahren des Hofs einen Grund dazu gefunden hätte.

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ich davon gehört habe, treffen sie nur solche Leute, die andern im Wege stehen, und deswegen nach Sibirien, oder auf eine Festung und bisweilen in ein unterirdisches Gefängnis wandern müssen. Auch schränkt sich jenes Gericht wahrscheinlich nur auf die Residenzstadt ein. An andern Orten gehen die Untersuchungen über Staatsverbrechen ihren ordentlichen Gang; und mir ist kein Beispiel bekannt worden, dass harte Bestrafung unbedachtsamer Reden an Personen ausser der Residenzstadt vermuten ließ. Das heimliche Angeben, welches unter der Regierung der

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Kaiserin Elisabeth so entsetzliche Ungerechtigkeiten veranlasste, empört überhaupt jeden Menschen, der nur einiges Gefühl für Redlichkeit hat, zu sehr, als dass es dann häufig oder von unmittelbaren Folgen sein sollte, wenn es nicht durch ausdrückliche Verordnungen unterstützt wird. Erblickt auch ein Gouverneur vielleicht in den freien ihm zugetragenen Äußerungen den Wahren Jacobinismus, so scheut er sich doch, denselben vor Gericht zu stellen. Er würde sich dadurch verhasst machen, und doch selten seine Absicht erreichen. Bei blossen Reden gibt es zu viel Auswege. Mit dem Schreiben ist es schon etwas anders. Darin muss ein jeder, der irgend etwas in Russland zu gewinnen oder zu verlieren hat, sehr behutsam sein. Denn in der Tat ist kein Brief vor dem Erbrechen sicher; und dies ist ein großes Übel. Man hat zwar wohl auch in Deutschland Beispiele genug von erbrochenen Briefen und kann daher allerdings geheime Instruktionen für die Postämter in dieser Rücksicht hier und da voraus setzen.

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Und ist nicht die Furcht davor ehedem die Veranlassung zu der Chiffresprache gewesen? Aber so weit als in Russland die Sache getrieben wird, geht sie wohl nirgends. In Petersburg ist eine eigene Kommission zur Untersuchung verdächtiger Briefe, und wo keine ist, weiss der Postmeister oft dieselbe hinlänglich zu ersetzen. Das letzte ist noch weit schlimmer als das Erste. Die kleinen großen Herren, deren Leidenschaften ein freier Spielraum gelassen wird, sind immer mehr zu fürchten, als die großen großen Herren.
Ob irgend ein Staat das Recht habe, Briefe erbrechen zu lassen, kann man unter gewissen Umständen als eine schwer zu lösende Frage ansehen. So viel ist aber wohl gewiss, dass mit einem Schein von Recht der Untersuchung nur solche Briefe unterworfen werden können, welche von verdächtigen Personen herrühren; und nun ist die grosse Frage, was sind denn verdächtige Personen? Bei dieser Untersuchung scheint es, man befolge in Russland sehr genau die

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Regel der Politik, dass ein jeder für böse zu halten sei, bis das Gegenteil bewiesen wird. Denn um verdächtig zu sein, ist es hinreichend, dass man, ohne Handel zu treiben, oft an eine und ebendieselbe Person schreibe. Ich weis ganz gewiss, dass Briefe aus keinem andern Grunde erbrochen sein konnten, als weil sie häufig an eine und ebendieselbe Person gerichtet waren. Das man aus bloßer Freundschaft jeden Posttag an einander schreiben könne, wie es in dem gemeinten Falle war, davon hatten die Herren der Post wohl gar keinen Begriff. Sie erbrachen also die Briefe und bewiesen noch dabei eine seltene Nachlässigkeit. Sie verstehen doch gewiss die Kunst Briefe unmerkbarer Weise auf und zu zu machen; in jenen Briefen hatten sie sich aber gar nicht die dazu erforderliche Mühe gegeben. Man sah es dem Siegel gleich an, dass es erbrochen worden war. Dies ist noch eine Kleinigkeit gegen eine Nachlässigkeit, welche zugleich unwidersprechlich das Erbrechen bewies. In einem dieser Briefe befand sich einer, den

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der Schreibende nicht eingeschlossen hatte, ja der an eine Person gerichtet war, die er nicht einmal dem Namen nach kannte. Es ist daher wohl möglich, ja nicht unwahrscheinlich, dass dieser oder jener von den Briefen, welche ich an Sie schreibe, aufgebrochen werde. Denn außer der Frequenz ist auch noch die Stärke derselben hinlänglich, Verdacht zu erregen. Dies kümmert mich aber wenig. Staatsgeheimnisse verrate ich nicht, und wenn auch dieser oder jener Mann meine Urteile nicht gern sehen sollte, so kann er doch am Ende nur zweierlei tun: er kann die Briefe zurückbehalten, oder mich über die Grenze schaffen zu lassen, welches in solchen Fällen für Ausländer die einzige gewöhnliche Strafe ist. Gegen das Erste habe ich einen sicheren Weg, sobald ich es weiß, und deswegen bitte ich Sie, mir stets den Empfang meiner Briefe bestimmt zu melden. Und über die Grenze geschafft zu werden, ist für mich keine so unangenehme Sache, als sie es an sich pflegt. Da mein hiesiger Aufenthalt ohnedies nicht


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mehr von langer Dauer sein dürfte, so macht ein freier oder ein gezwungener Abzug keinen großen Unterschied. Fürchten Sie also keine üblen Folgen von meiner Freimütigkeit. Ich liege ausser der Atmosphäre der gewöhnlichen Strafgewalt. Haben Sie aber Freunde, die in Russland ihr Glück zu machen suchen, so werden Sie sehr wohl tun, dieselben vor freien Äußerungen in Briefen zu warnen. Denn selbst dann, wenn diese Personen weder an sich verdächtig sind, noch durch häufige oder dicke Briefe verdächtig werden, sind sie vor dem Spionieren der Post nicht sicher. Da sie einmal berechtigt ist, der Spur gefährlicher Menschen nachzugehen, so beschnuppert sie auch oft die Fußtritte aller ohne Unterschied; und hat sie einmal eine vermeinte Lösung getroffen, so macht sie sich es zum Verdienst dieselbe anzuzeigen. Mir ist ein Beispiel bekannt, dass ein Postbeamter die Briefe eines jungen Menschen, dessen Verwandter und Patron er war, wahrscheinlich erst aus Neugierde erbrach, und als er darin einen Ausbruch des Unwillens

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über den Gang der Polnischen Angelegenheiten antraf, denselben als einen Beweis jacobinischer Gesinnungen bei dem Gouverneur anzeigte, und diesen dadurch zu sehr bedenklichen Äußerungen veranlasste. Der junge Mensch studierte auf einer deutschen Universität. Diese also war in des Gouverneurs Augen die Pflegerin des Jacobinismus, und nicht etwa sie insbesondere allein, sondern jede deutsche Universität überhaupt. Was war daher natürlicher als der Wunsch, dass künftig gar nicht mehr erlaubt würde zu studieren, oder dass man wenigstens den Studierenden keine Unterstützung zukommen lassen möchte. Denn dies ärgerte den Gouverneur eben am meisten, dass der erwähnte junge Mensch einen jährlichen Beitrag von der Krone erhielt --- um sich in den Jacobinismus einweihen zu lassen.
Auch die Herzensangelegenheiten müssen in Briefen sorgfältig verborgen werden, wenn man sie nicht dem Publikum bekannt werden lassen will. Die geheime Postspionerie

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hört oft selbst in dieser Rücksicht auf, geheim zu sein. Nicht zufrieden ihre eigne Neugierde befriedigt zu haben, befriedigt sie auch die Neugierde anderer. Dies zu denken kann man sich nicht erwehren, wenn man weiss, dass sorgfältig verborgene Herzens Verbindungen im Ausland doch dem Inland bekannt zu werden. Zu solchen Nachforschungen und Bekanntmachungen hat die Regierung gewiss keinen ihrer Beamten berechtigt; ja, gewiss würde sie solche Missbräuche bestrafen, wenn sie dieselben angezeigt und mit Beweisen bewegt erhielte. Denn sie will nicht einmal das Ansehen haben, als lasse sie, selbst um Vergehungen zu entdecken, das Briefgeheimnis verletzen. Hieraus erkläre ich mir wenigstens eine neue Einrichtung bei den Zollwesen. Ehedem mochten allerdings die Postbeamten den Auftrag haben, nicht nur die Briefe verdächtiger Personen, sondern auch die Briefe der Kaufleute zu erbrechen, um zu sehen, ob sie bei ihren Zollangaben sich keines Betrugs schuldig machten. Weil aber bei jeder solchen Entdeckung,

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wenn sie genutzt werden sollte, sich die Regierung immer kompromittierte; so verordnete sie ausdrücklich, den Angaben des Kaufmanns zu trauen, und gab dagegen jedem Zollbeamten das Recht, die angegebenen Waren um den von dem Kaufmann selbst bestimmten Preis mit Vergütung von 20 Prozent an sich zu nehmen. Über die Missbräuche, die auch aus dieser im Ganzen sehr billigen Verordnung entstanden sind, werde ich ihnen ein andermal schreiben. Letzte setze ich nur in Rücksicht auf die Postmissbräuche hinzu, dass das Erbrechen der Kaufmannsbriefe doch nicht unterbleibt, und aller Wahrscheinlichkeit nach, zu manchem Unfug Gelegenheit gibt. Ich habe wenigstens darüber klagen hören, dass die kaufmännischen Spekulationen vor den Eingriffen der Post nicht sicher sind, und das durch ihre Vermittlung manche vorteilhafte Handlungsverbindung zerrissen wird. Wenn ich bisher von den Missbräuchen gesprochen habe, welche die Post sich zu Schulden kommen lässt, so versteht sich von selbst,


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dass nicht das ganze Postpersonal Anteil nimmt. Immer sind nur einige Personen berechtigt, verdächtige Briefe zu erbrechen; und selbst unter diesen sind achtungswürdige Männer, die sich an den Buchstaben der Verordnung halten, und weit entfernt ihr Amt zur Befriedigung der Neugierde, Geldgier oder anderer Leidenschaften zu gebrauchen, oft gern der unsäglichen und undankbaren Mühe überhoben wären, die ihnen um eines einzigen Briefes Willen aufgelegt wird. Ist ein Mensch seiner ehemaligen Verhältnisse oder seiner undurchdringlichen Absichten wegen verdächtig; so wird er bei der geheimen Postkommission angezeigt, und diese aufgefordert, die Briefe zu untersuchen, die er bekommt oder abschickt. Die ersten machen wenig Mühe; um aber den letzten auf die Spur zu kommen, müssen oft einige hundert Briefe erbrochen werden. Hat man nun endlich einmal den gesuchten gefunden, so hat man doch für die folgenden keine anderen Zeichen als das Sigel und die Hand; und wer wird das eine

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und die andere nicht verändern, wenn er wirklich die Absicht hat, seine Briefe den Nachforschungen zu entziehen? Da ich einmal von den Postwesen so vieles geschrieben habe, will ich alle meine Bemerkungen, die dasselbe betreffen, in diesem Briefe zusammenfassen. Zuerst also noch etwas über die Briefe, welche an die Monarchin gerichtet sind. Diese hat, im Ganzen genommen, erlaubt, das man sich unmittelbar in Briefen an sie wende. Dabei sind nur folgende Bedingungen zu erfüllen. Erstlich muss man keinen Brief auf der Post in Petersburg an sie abgeben. Wahrscheinlich hat dies den Grund, dass derjenige, welcher sich in der Residenz selbst aufhält und sonst ein Gesuch hat, wohl Personen finden werde, welche der Kaiserin unmittelbar die Bittschrift übergeben, oder auch eine Audienz verschaffen. Das Letzte hält freilich für Leute, die nicht zu den höheren Klassen gehören, schwer, und bei besonderen Gelegenheiten mit einer Bittschrift die Kaiserin zu überraschen, wird als ein Verbrechen angesehen.

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Als ich in Petersburg war, erzählte man, ein Collegienassessor habe bei einem, zu Ehren des neuvermählten Großfürsten angestellten, Hofball der Monarchin eine Bittschrift übergeben und sei dafür auf der Stelle arretiert worden. Auch fand man dies so natürlich, dass ich keinen Zweifel haben kann, es sei durchaus verboten, unerwartet die Monarchin mit Bitten zu belästigen. Dies ist nur durch Briefe erlaubt, die ausser der Residenz auf die Post gegeben werden. Daher denn mancher von Petersburg nach Narwa wandert, um von da wieder nach Petersburg zu gehen. Eine zweite Bedingung, unter welcher allein die Post einen solchen Brief annimmt ist die, dass die Person, welch ihn schickt, sich nenne und bekannt sei. Dadurch soll wohl den anonymen Schmähschriften vorgebeugt werden. Um endlich die Monarchin nicht mit Kleinigkeiten oder gar Albernheiten zu behelligen, soll die geheime Postkommission noch den Auftrag haben, die Briefe zu untersuchen, ehe sie an die Behörde abgegeben werden. Wenn dieser

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Auftrag unmittelbar von der Kaiserin ausgegangen ist, so kann er wohl keine andere als die angeführte Absicht haben. Und mir ist es überdies wahrscheinlich, dass die Postbeamten nur befehligt wurden, solch Briefe zu erbrechen, deren Aufschrift schon Albernheit anzeigt. Gehen sie weiter, und lassen keinen Brief, der nicht von einem Großen kommt, ununtersucht, wie mir versichert worden ist, so verliert die Freiheit, sich an die Monarchin zu wenden, fast allen Nutzen.
Alle diese Missbräuche bei der Post treffen nur die Briefe. Nun ein Wort von denen, welche die Reisenden treffen. Auch in Deutschland ist es nichts seltenes, dass die Reisenden sich über die Postmeister zu beschweren haben. Mancher fordert, wenigstens in teurer Zeit, mehr für die Pferde, als er nach dem Gesetz fordern soll, oder erklärt geradezu, dass er keine Pferde für das bestimmte Geld schaffen könne. In einem Striche geschieht eben dies häufig, ob man gleich auf der anderen Seite sagen muss, dass es weniger den Menschen, als der Lage der


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Dinge zur Last fällt, und noch eher als bei uns entschuldigt werden kann. Die Rechtfertigung dieser Behauptung werde ich mit meinen Bemerkungen über die Einrichtung des Postwesens verbinden.
Was wir ordinäre fahrende Post nennen, gibt es im ganzen russischen Reiche nicht. Das Fuhrwerk, welches Briefe und Pakete regelmäßig von einem Orte zum anderen schafft, enthält nur für eine einzige Person hinlänglichen Raum, und diesen nimmt gewöhnlich ein Postbedienter ein, der, wie im Preußischen der Schaffner bei den Postkutschen, und in Frankreich der Courier, zur Sicherheit der Sachen mitgegeben wird. Nun ist es zwar erlaubt, dieselben aber auch einem anderen sichern Manne anzuvertrauen, und es ist nichts seltenes, dass Personen, um ohne Kosten zu reisen, das Amt des Schaffners übernehmen. Dies geht aber nicht anders an, als dass sie seine Stelle auf einem sehr langem Wege vertreten. Von Riga nach Petersburg, so wie von da bis Moskau, kann

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die Person des Schaffners nicht gewechselt werden. Um der daher entstehenden Beschwerlichkeit Willen reisen auf solche Art, der Ersparnis ungeachtet, nur herrschaftliche Bediente, oder etwa arme Militärpersonen. Dies ist auch um soviel weniger zu verwundern, da die Kosten für Extrapost verhältnismäßig geringe sind. Man zahlt für ein Pferd auf die Werst nicht mehr als zwei Kopeken. Dies macht auf drei geographische Meilen vierzig Kopeken, oder nach sächsischen Geld ungefähr acht Groschen. Ich sage geographische Meilen; denn im Vorbeigehen muss ich erinnern, dass wenn man gewöhnlich zwanzig Werst auf drei deutsche Meilen rechnet, dies nur in so fern richtig ist, als man unter denselben geographischen versteht, von denen fünfzehn nur zwölf von jenen ausmachen. Wenn nun zwei Personen zusammen reisen und, wie ihnen bei einem leichten Fahrzeug gestattet ist, nur eben so viel Pferde nehmen; so kommt die Extrapost nicht einmal so hoch zu stehen, als bei uns die ordinäre. Selbst das Trinkgeld

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macht bei der ersten nicht so viel aus als bei der letzten. Im Postreglement ist darüber gar nichts bestimmt; und der Postillion im russischen Reiche ist gewöhnlich außerordentlich zufrieden, wenn er für eine Station zehn Kopeken erhält. Es ist daher wohl kein Reich in Europa, wo man so wohlfeil mit Extrapost reisen kann, und ehedem reisten viele Leute um die Hälfte wohlfeiler. Noch vor ungefähr zehn Jahren gaben alle angesehene Personen und solche, die in Kronsgeschäften reisten, nur eine Kopeke für ein Pferd auf die Werst, wie ausdrücklich in dem Postreglement bestimmt war. Um aber so zu reisen, musste man eine ausdrückliche Erlaubnis von der Regierung haben. Wer diese nicht hatte, musste der Regel nach das Doppelte, wie jetzt jeder Mann, bezahlen. Nun geschah es aber auf der Seite, dass man jene Erlaubnis auch Personen erteilte, denen sie nicht gebührte (eigentlich hätten wohl nur solche Personen sie erhalten sollen, die wirklich in Kronsgeschäften Extrapost nahmen)

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und die Postkommissäre (Posthalter) zu klagen veranlasste; und auf der andern Seite brandschatzten; diese wiederum gewöhnlich die Reisenden, welche jene Erlaubnis nicht hatten, und veranlassten dadurch ebenfalls Klagen. Um diesen doppelten Jeremiaden abzuhelfen, wurde das Postgeld ohne Unterschied auf zwei Kopeken gesetzt. Hätten damit, dem Anscheine nach, beide Parteien zufrieden sein können, so behalten doch manche Postkommissäre, gewohnt, überall wo nur eine Möglichkeit stattfand, sich vier Kopeken fürs Pferd bezahlen zu lassen, dieses Erwerbsmittel noch jetzt bei, oder suchen doch auf irgendeine Weise von den Reisenden mehr zu ziehen, als das Gesetz erlaubt, besonders wenn die Reisenden eilig sind. Auf jeder Station wird verfassungsmäßig nur eine bestimmte Anzahl von Pferden gehalten. Nun sind zwar die Bauern in der Nachbarschaft gehalten, ihre Pferde für das gewöhnliche Postgeld herzugeben, wenn jene Anzahl nicht zureicht. Aber teils hat der


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Postkommissär doch Mittel genug in Händen sein Fortkommen zu verzögern, ohne der Verantwortung ausgesetzt zu sein, wenn er beweisen kann, dass alle Pferde, die er unterhalten soll, ausgegeben sind; und dies ist zu gewissen Zeiten häufig der Fall, weil die bestimmte Anzahl der Pferde zu gering ist. Auf demjenigen Teile des Weges von Riga nach Moskau, der nicht mehr mit der Straße nach Petersburg eins ist, sind auf jeder Station nur zehn Pferde. Davon müssen immer zwei für die möglichen Couriere im Stalle bleiben, zwei bis vier sind meistenteils der ordinären Post wegen entweder schon auf der Straße oder doch dafür inne zu behalten, und die übrigen sind im Winter, wo am meisten gereist wird, auch selten im Stalle. Selbst an den Orten, wo vierzig Pferde unterhalten werden, ist nicht selten Mangel daran, da oft eine einzige reisende Herrschaft zehn bis zwanzig Pferde braucht. So musste die Gesellschaft, in der ich einmal von Riga nach Petersburg reiste, in Narwa sechzehn Stunden liegen bleiben und doch am Ende noch Fuhrleute

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bezahlen, wann sie, wie der Postkommissär sagte, nicht noch vierundzwanzig Stunden warten wollte. Gleichwohl war die Hauptperson der Gesellschaft von Range und mit einem Unteroffizier zur Bedeckung und zum bequemen Fortkommen versehen. Wie mag es andern Reisenden gehen? So sehr sich aber auch diese zu beschweren haben mögen, wenn sie bloss auf den Buchstaben des Gesetzes Rücksicht nehmen; so ist doch auf der anderen Seite nicht zu leugnen, dass die Lage der Dinge die Postkommissare gewissermaßen nötigt, zu jener anscheinenden Unbilligkeit ihre Zuflucht zu nehmen. Sie können sonst schwer bei den Bedingungen bestehen, unter welchen sie angenommen werden. Diese Bedingungen sind zu einer Zeit festgesetzt worden, als das Futter noch einmal so wohlfeil war als jetzt, und für außerordentliche Fälle gar nicht berechnet. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die Posthalter in einem Teile des eigentlichen Russlands, gewissermaßen aber auch auf die in Liefland. Denn so sehr man sonst hier eine durchgängig

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einförmige Einrichtung liebt; so findet doch dieselbe bei dem Postwesen aus begreiflichen Ursachen gar nicht statt. In einem Teile des alten Russlands finden sich gar keine besonderen Posthalter; sondern es sind die Bauern gewisser Kronsdörfer (Jam genannt) gehalten, nach der Reihe herum die ordinären Posten sowohl als die Extraposten für den oben bestimmten Preis zu fahren; für welche Beschwerde (denn als solche sieht man allerdings jene Verbindlichkeit an) sie fast von allen Abgaben befreit sind. Hier kann schon der Einrichtung wegen kein unbilliges Verlangen von Seiten der Fahrenden statt finden; und hier würde es am wenigsten zu entschuldigen sein. Bei dem immer höher steigenden Preise des Futters gewinnen gerade die Bauern; und der Verlust, den sie in Vergleich mit ihrer vorigen Lage bei den Postfuhren haben, ist unbeträchtlich, da jene Dörfer gewöhnlich sehr gross sind, und folglich einem jeden Bewohner Zeit genug übrig bleibt, teils sein Feld zu bestellen, teils durch Fuhren mit seinen Pferden

-- 27 -- Geld zu verdienen. Auch findet man in diesen Jam so gute Postpferde, als wohl nirgends in Europa, und eine fast eben so schnelle Bedienung, als in Frankreich. sobald eine Extrapost ankommt, kein geringer Lärm und Streit unter zwanzig bis dreißig Bauern, die sich sogleich um das Fuhrwerk versammeln; die Furcht aber, die man etwa Anfangs dabei haben könnte, dass dieser Streit eine Verzögerung nach sich ziehen werde, verschwindet sehr bald. Ehe man noch denkt, dass ausgemacht sein könne, wer denn eigentlich fahren solle, kommen schon die Pferde. In keinem einzigen solchen Dorf wurde ich je über eine halbe Stunde aufgehalten. Oft waren in zehn Minuten die Pferde angespannt, ohne das man sie vorher bestellt hatte. Eine solche Geschwindigkeit erhält man schwerlich in Deutschland, wenn auch gleich die Post schon den Tag vorher angesagt ist. Die angeführte Einrichtung ist wahrscheinlich so alt, als das ganze Postwesen in Russland, und sehr gut. Auf manche Provinzen aber konnte

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sie aus mehr als einer Ursache nicht wohl angewandt werden. Denn es fehlt da entweder gänzlich an hinlänglich großen Dörfern in der gehörigen Entfernung, oder sie bestehen, wie in Liefland, in weit zerstreuten Bauernhöfen, und sind folglich gar nicht geschickt der Geschwindigkeit der Post Genüge zu leisten. In dem letztern Lande bestand überdies zur Zeit, als es von Russland erobert wurde, schon eine Einrichtung, welche der Krone noch weniger Kosten verursacht, als die erwähnte. Es muss nämlich da der Adel, als Besitzer des Landes, noch eben so gut die Post unterhalten, als zu der Zeit, wo er zugleich als Herr des Landes, wenigstens indirekt, auch die Einkünfte davon zog, und nicht nur für die Erbauung und Erhaltung der Posthäuser sorgen, sondern auch das Futter für soviel Pferde liefern, als auf jeder Station sein sollen. Dafür hat er das Recht die Posthalter zu setzen, welches pachtweise geschieht. Ehedem hatte der Adel von dieser Einrichtung eben keinen großen Schaden. Er nahm nicht nur ein

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ansehnliches Pachtgeld ein, sondern hatte sich auch ausbedungen, für das Pferd nur ein Kopeke auf die Werst zu bezahlen.*) Allein seit einigen Jahren hat er nicht nur dies Recht aufgeben müssen, sondern auch einen immer geringeren Pacht bekommen. Dies scheint wunderbar, ist es aber nicht; denn das Futter, welches zur Unterhaltung der Postpferde geliefert wird, reicht auf keine Weise zu. Es wird für das Pferd wöchentlich ein Lot, das ist 55/83 eines Dresdners Scheffels, gerechnet, welches bei den großen Strapazen nicht genug ist; und überdies fällt diese Lieferung auch noch für vier Monate des Jahres weg, weil dann die Pferde auf die Weide gehen sollen.

*) Wenn Herr Snell in der Beschreibung der russischen Provinzen an der Ostsee S. 139 sagt, die Krone habe den Adel in Lievland die Post gelassen, weil sie nicht viel einbringe; so sollte man glauben, sie bringe doch etwas ein, und dabei denkt man natürlich an den Ertrag des Porto. Dies erhebt aber der Adel gar nicht, und die angeführten Vorteile haben nie den Aufwand überwogen.

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Das Gras allein gar nicht die gehörigen Kräfte gibt, weiss jedermann; an manchen Orten aber ist noch überdies gar keine Weide für die Postpferde zu finden, wie z. B. bei den ersten beiden Stationen von Riga nach Petersburg. Wie soll also der Posthalter bei der gegenwärtigen Teuerung des Futters, noch eben so hohe Pacht geben? Endlich ist er seit zwei Jahren eines Vorteils beraubt, der von Belang ist. Es war nämlich von alten Zeiten her die Einrichtung, dass auf jeder Post zum Schutze derselben mehrere Soldaten unterhalten wurden. Der Regel nach waren es Invalide, die so zur Ruhe gesetzt wurden, und die gewünschte Ruhe selbst noch dann fanden, wenn sie sich als Postknechte gebrauchen ließen. Waren sie dazu eigentlich nicht bestimmt, so reizte doch das Trinkgeld; und da überdies die Posthalter den zu Postknechten gebrauchten Soldaten noch manche Vorteile zufließen ließen, so sah man keinen Postillion anders als in militärischer Uniform. Seit zwei Jahren ist es nicht mehr so. Man hatte die Posten nicht nur

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mit Invaliden, sondern auch mit jungen zum Dienst brauchbaren Soldaten versehen, und so lange als daran überhaupt kein Mangel war, über diesen Missbrauch keine Rüge zu fürchten. Als aber im letzten schwedischen Krieg der Mangel eintrat, und selbst für den Fall gesorgt werden musste, wenn Preußen gegen Russland die Waffen ergriff, berief man die militärischen Postknechte zum Dienst im Felde. Dadurch sind die Posthalter nicht nur in große Verlegenheit versetzt, sondern auch zu großen neuen Aufwand genötigt worden. Freie Leute entschließen sich hier schwerlich zu einer so mühseligen Lebensart, und sind auch gar nicht in hinlänglicher Menge da. An Erbleuten oder Leibeigenen ist ebenfalls kein Überfluss und ihre Herren, wenn sie gleich einen Teil des jährlichen Lohns erhalten können, erteilen doch nur sparsam die Erlaubnis zum Postdienst.*)

*Ich begreife nicht wie Herr Storch in dem Gemälde des russischen Reichs, unter die Menschen, welche bei der Volkszählung unter keiner Rubrik stehen, auch die Postknechte rechnen kann. Nicht nur in Liefland, sondern in dem größten Teile des eigentlichen Russlands sind leibeigene Personen von freien Menschen gefahren werden, sind es doch solche, die in einer allgemeinen Rubrik vorkommen.

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Daher man jetzt auf manchen Stationen bisweilen wohl Pferde aber keine Knechte dazu antrifft. Und wenn am Ende der Posthalter auch die gehörige Menge von Knechten auftreibt, so muss er doch für Lohn und Kost einige hundert Thaler mehr ausgeben, als zuvor. Denn was er den Soldaten gutwillig zufließen ließ, kommt in keinen Vergleich mit dem was er nun geben muss. Es ist also gar nicht zu verwundern, wenn selbst bei der Niedrigkeit des Pachtpreises der Posten von den Posthaltern manche Unbilligkeit gegen den ohnmächtigen oder gutmütigen Reisenden begangen wird; und dies um so viel weniger, da umgekehrt gegen sie von mächtigen und übermütigen Reisenden auf eine Weise verfahren wird, die das Gefühl empört.

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Bei uns hat man keine Vorstellung von den Ungerechtigkeiten, die gegen die Postbedienten in Russland verübt werden. Bei uns kehrt der Postillion gewöhnlich um, wenn er nur mit Schlägen bedroht wird; dort bekommt er sie nicht selten wirklich, und muss doch fahren. Hätte ich dies gewusst, als ich nach Moskau reiste, so würde ich mich nicht gewundert haben, dass die Postknechte davon liefen, als sie unsere Schlitten in Windwehen und hohle Wege so verfahren hatten, dass sie sich nicht zu helfen wussten. Sie kamen nicht eher zurück, als bis wir ihnen versicherten, es solle ihnen kein Leid wieder fahren. Ja sogar der Posthalter ist nicht immer vor Schlägen sicher, wenn er das Unglück hat, diesem oder jenem Großen nicht auf der Stelle Pferde schaffen zu können; und entgeht er auch den Schlägen, so verliert er doch nicht selten seine Pferde. Fallen diese durch Schuld der Reisenden, so müssen sie zwar, dem Gesetze nach, bezahlt werden; aber teils ist der bestimmte Preis, vierzig Rubel für ein Pferd, viel zu

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gering, teils ist er oft nicht einmal zu erhalten. Als vor einigen Jahren der venezianische Gesandte zurück ging und auf einer Station schon die Pferde für seine Wagen erhalten hatte, kam der Oberste Graf T.... Schwiegersohn des Fürsten W.... auf eben der Station an, und lies, als er hörte, dass keine Pferde für ihn augenblicklich geschafft werden konnten, dem Gesandten die Pferde von seinem Wagen wieder ausspannen. Alle Vorstellungen von Unbilligkeit waren umsonst. Aufgebracht auf seiner Seite zwang nun der Gesandte den Posthalter, Pferde einzuspannen, die eben von der Reise ganz ermattet zurück kamen, und ließ nicht einmal zu, dass sie zuvor gefüttert wurden. Selbst die Vorstellung, dass die Pferde fallen würden, war umsonst. Die Pferde fielen wirklich, und der Herr Gesandte, ohne sich weiter um den zugefügten Schaden zu bekümmern, reiste weiter. Zum Glück war der Posthalter auf einem Gut, das dem General Gouverneur gehörte, und geschwind genug, denselben von seinem Unfall zu unterrichten,

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ehe noch der Gesandte wieder von Riga abreiste. Nun wurde dieser freilich angehalten, hundert und fünfzig Rubel zu bezahlen, ehe er einen Pass über die Grenze bekam. Aber teils würde dies unter andern Umständen schwerlich geschehen sein, teils hatte eigentlich der Herr Graf die meiste Schuld, und diesem wurde kein Haar gekrümmt. Gegen einen Mächtigen in Russland ist in einem solchen Falle schwer Gerechtigkeit zu erhalten. Die Schwierigkeiten, die sich auch in andern Ländern finden würden, werden noch durch den weiten Umfang des Reichs vergrößert. Auf einer Reise fand ich einst in dem Posthause zu Rob die Kinder in Trauer, den Vater krank und alles in einer großen Zerstörung, und erfuhr bald die Ursache derselben.
Der Graf S.... war vor einigen Wochen durchgefahren, hatte ungefütterte und abgemagerte Pferde mit Gewalt weggenommen und so entsetzlich zufahren lassen, dass ihrer fünf gefallen waren. Auf die Nachricht davon, war die Frau des Posthalters auf


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der Stelle vom Schlage gerührt worden und gestorben, ihre Schwester, die eben zum Besuche da gewesen, die Nacht darauf ebenfalls gestorben und der Posthalter so krank geworden, dass er nach Wochen noch kaum herumschleichen konnte. Der Herr Graf aber war weiter gefahren, ohne nur an Schadenersatz zu denken. Auch war es dem Posthalter nicht eingefallen, den selben zu hoffen. So schwierig indessen bisweilen die Lage der liefländischen Posthalter ist, so steigt die Not der russischen in teuren Zeiten doch noch höher. Sie bekommen gar keine Naturalfourage, und erhalten dafür ein Äquivalent, das zu einer Zeit festgesetzt worden ist, wo das Futter wenigstens um die Hälfte niedriger im Preise war. Ein Posthalter der zehn Pferde, sechs Winter- eben so viel Sommerfahrzeuge und sechs Knechte halten soll, bekommt, alles in allem, selbst die Wohnung mit einbegriffen, 400 Rubel, oder ungefähr eben so viel sächsische Gulden. Rechnet man nun noch 1200 Rubel als Einnahme

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des Postgeldes für Pferde, welches sehr viel ist; so sieht man kaum die Möglichkeit, wie in Zeiten, wo das Futter so hoch im im Preise steigt, als es in Deutschland gewöhnlich steht, dabei auszukommen ist. Gleichwohl steigt es um Petersburg herum nicht selten noch höher. In dieser Stadt selbst lässt sich noch am ersten auskommen; denn da muss man wie in großen Städten Frankreichs, doppeltes Postgeld bezahlen. Aber drei Meilen davon ist es nicht, und doch der Preis des Futters in Verhältnis mit dem in der Residenz. Auch waren, nach der Sage, vor einigen Jahren neun Meilen umher alle Posthalter davon gegangen. Ob dies eine Veranlassung zur Verbesserung der Lage ihrer Nachfolger gewesen ist, wie man sagt, weiss ich nicht; aber so viel weiss ich, dass auf dem Wege von Riga nach Pleskow im Jahre 1792 keine Änderung deswegen getroffen war.
Hier fand ich einen Posthalter in einer elenden Hütte, seinen Sohn als Knecht, und seine Tochter als Magd.

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Er war aus Schlesien und Lieutenant gewesen. Froh schien er zu sein, dass er nun doch ein eignes Häuschen und einen ordentlichen Schornstein hatte. Fast zwanzig Jahre hatte er sich in den Rauchstuben der Bauern beholfen und rote triefende Augen bekommen. Auf der nächsten Station lebte freilich der Posthalter viel besser, ob er gleich keinen bessern Gehalt hatte. Allein sein erlaubter und sein unerlaubter Nebenverdienst musste bestimmt das beste tun. Er hatte sein Haus zum Bewirten eingerichtet, und ließ sich gut bezahlen. Dabei gab man ihm wohl mit Recht Schuld, dass er immer noch vielen Reisenden doppeltes Postgeld nehme. Auch wir mussten wahrscheinlich zwei Pferde mehr bezahlen, als wir hätten bezahlen sollen. Denn er drang sie uns ohne Not auf, und gab uns doch, wie wir nachher erfuhren, meist Bauernpferde. Nun ist es aber fast allgemein, dass der russische Bauer drei Pferde vorspannt, wenn er auch nur ihrer zwei bezahlt verlangt. Jener ließ sich also wahrscheinlich bezahlen, war dieser übriges hat.


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Überhaupt war dieser Posthalter ein so dreister, unverschämter Mensch, als der vorhergehende gutmütig und redlich schien. Es war auch ein verabschiedeter Lieutenant, aber aus Österreich gebürtig. Ich komme auf die Bedrückung zurück, welche die russischen Großen bei ihren Reisen ausüben. In denjenigen Gegenden, wo die Bauern nach der Reihe die Postpferde hergeben müssen, haben sie freilich nicht nötig. um geschwind weiter zu kommen, ungefütterte und kraftlose Pferde mit Gewalt wegzunehmen. Gleichwohl geschieht es nicht selten, dass sie dieselben zu Grunde richten. So schnell der russische Bauer zu fahren gewohnt ist, so wird er doch noch von den Reisenden angetrieben, oder er fährt auch von selbst, um nur zu befriedigen, mit einer Geschwindigkeit, welche selbst das beste Pferd nicht aushalten kann. Wie oft hat man nicht als bewundernswürdig die Schnelligkeit angeführt, mit der man sich besonders im Winter von Petersburg nach Moskau versetzen kann!

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Der Prinz Heinrich von Preußen machte diesen Weg von ungefähr 110 Meilen, wie man sagt, in anderthalb Tagen; und die gewöhnliche Zeit beträgt, bei vieler Bequemlichkeit, die sich der Reisende erlaubt, drei Tage. Dass aber diese Schnelligkeit sehr nachteilige Folgen hat, habe ich nirgends angeführt gefunden.*) Dies ist ganz natürlich; im Fluge kann man nichts bemerken. Ich fuhr nicht so schnell, und hörte daher laute Klagen über die unbilligen Forderungen der Reisenden. Fast zu eben der Zeit, als ich von Moskau nach Petersburg reiste, machte ein Herr v. N.... denselben Weg. Er war schon seines Fliegens wegen bekannt, und veranlasste überall die Klage, das die Pferde welche er gebraucht hatte, in 24 Stunden nicht fressen. Auch sah ich noch zwei andere Beispiele von einer solchen Barbarei gegen Menschen und Tiere.

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Einige Schlitten eilten uns einmal wie Pfeile vorbei -- und einige Stunden darauf kamen Boten in das Dorf, wo wir unser Nachtlager hielten, um frische Pferde zu holen, weil die ersten gefallen waren. In einem andern Dorfe fanden wir zwei bettelnde Bauern an große Klötzer gekettet, die sie vor sich her schleppen mussten, und wir erfuhren, dass sie geborgte Pferde zu Tode gejagt hatten. Ihre ganze Habseligkeit war nicht hinreichend gewesen, den Schaden zu ersetzen. Sie erbettelten nun für sich, für ihre Weiber und Kinder ein Kummer Brot, und hatten keine andere Aussicht, als bei der nächsten Rekrutierung als Soldaten weggeschickt zu werden. Eben deswegen hatte man sie angekettet. Ob an ihrem Unglück die Reisenden, welche von ihnen gefahren worden waren, unmittelbar Schuld gewesen sind, weiss ich nicht. Aber so viel ist wahrscheinlich, dass es nicht entstanden sein würde, wenn nicht allgemein eine übertriebene Geschwindigkeit gefordert würde. Außer der daher entstehenden Ungerechtigkeit, ist

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eine noch offenbarere nichts seltenes. So gering nämlich das Postgeld ist, so wird es doch von mächtigen Personen oder ihren Ausgebern nicht immer ordentlich bezahlt. Ich habe schon oben angemerkt, das der Bauer überflüssige Pferde anspannt, die er gar nicht bezahlt verlangt. Wir selbst bekamen fast immer ihrer drei, wo wir nur zwei verlangt hatten, ohne zur Bezahlung des dritten mit einem Worte aufgefordert zu werden. Diese Bereitwilligkeit wird schon dadurch missbraucht, dass man immer weniger Pferde fordert, als eigentlich nötig sind. Aber dies ist noch nicht genug. Selbst die geforderten Pferde werden oft nur zur Hälfte bezahlt. Auch davon sah ich ein Beispiel. Der Graf B.... bezahlte von 34 Pferden nur 14. Die Bauern regten sich bei dieser Unbilligkeit nicht, und schienen nach ihren Äusserungen zu urteilen, daran gewöhnt zu sein. Hieraus kann man sich erklären warum Lessep für großmütig gehalten wurde, als er für 12 Schlitten mit Rentieren

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bespannt, bei 185 Werst sieben Rubel vierzig Kopeken bezahlte. In den Gegenden, wo dies geschah, mögen die auf Befehl der Krone fortzuschaffenden Reisenden wohl wenig oder nichts bezahlen, da sie selbst in dem kultivierten Teile vom Russland sich den ausdrücklichen Gesetzen entziehen.
Eine ähnliche Ungerechtigkeit geht bei Estaffetten vor (Anm.: eine ausserordentlich, oder extraordinär reitende Post). Diese müssen gleich bei dem Postamte, von dem sie ausgehen, bezahlt werden. Dies kann aber nicht heißen, dass die Posthalter oder die Bauern ihre Pferde umsonst zu den Estaffetten hergeben sollen. Die Krone selbst verlangt weder für die ordinären Posten, noch für die Couriere so etwas. Gleichwohl klagte mir ein Posthalter, dass ihm in zwanzig Jahren auch nicht eine Kopeke für die Estaffetten zugekommen sei.
Ehe ich das Postwesen verlasse, muss ich noch einige Anmerkungen über das Briefporto hinzusetzen. Es ist, allgemein genommen, nirgends so gering als im russischen Reiche.


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Ein Brief, der über fünfzig Meilen weit geht, z. B. von Riga nach Petersburg, zahlt nur zwölf Kopeken Kupfergeld oder zwei Groschen sächsisch. Wenn sich gleichwohl die Ausländer über das hohe Postgeld für Briefe die nach Russland aus Deutschland gehen, beschweren; so liegt die Schuld nicht an dem ersten, sondern an den Staaten, durch welche die Briefe passieren müssen, ehe sie auf dem russischen Boden ankommen. Diesem wird die Schuld des hohen Postgeldes nur deswegen beigemessen, weil vermöge einer besondern Einrichtung, alle Briefe die aus Russland gehen, bis zu einen gewissen Ort in Deutschland ganz frankiert werden müssen, und von da aus bis dorthin, mit einem geringen Geld abgefertigt werden können. Aus diesem letzten Umstande ist sogar die Meinung entstanden, dass immer 11/12 des Porto in Riga abgegeben werden müssen. Selbst Herr Hupel hat diese offenbar falsche Meinung. Sie ist offenbar falsch, sage ich, denn was gewöhnlich geschieht, ist deswegen keine Notwendigkeit. Man kann ja von Deutschland

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aus bis Memel die Briefe markieren. Wenn man nun weis wie viel bis dahin gegeben wird, und wie viel noch in Riga nachbezahlt werden muss; so kann es keinem Zweifel unterworfen sein; das eigentlich ein kleines Ländchen, Curland, die Briefe so kostbar macht und die Kommunikation erschwert. Bis Memel gibt man von Wittenberg aus nur zehn Groschen, und von Memel bis Riga, kostet jeder Brief noch zwölf Groschen. Das ist eine ungeheure Ungleichheit. Nun ist zwar wahr, dass dieses Geld der russischen Post zufällt, aber erst seit ungefähr zwölf Jahren, das heißt, seit der Zeit, als der Herzog von Curland sich hat müssen gefallen lassen, das Postregale in seinem Lande mit Russland zu teilen, und die Einkünfte sowohl für diejenigen Briefe abzutreten, welch aus Russland kommen, als für diejenigen, welche dahin bestimmt sind. Durch den deswegen geschlossenen Vertrag ist das Postgeld nicht erhöht, sondern nur dem Herzog entzogen worden. Ja man kann sagen, dass selbst

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an diesen Vertrag vielleicht nicht gedacht worden wäre, wenn nicht ein auffallendes Missverhältnis zwischen dem russischen und curländischen Postvertrag statt gefunden hätte.*) Von Riga bis Mietau kostet ein Brief mehr als einer von Riga bis Petersburg. Indessen sie die Ursache jenes Vertrags welche sie wolle, so ist so viel gewiss, das Russland jetzt den größten Teil des hohen Postgeldes zieht, worüber sich der Inländer wie der Ausländer beschwert, und das es daher ganz falsch ist, wenn Herr Hupel behauptet, die russischen Postämter müssten jenes Geld größtenteils an die Auswärtigen berechnen.

*) Nur in Rücksicht auf Zeitungen ist ein Unterschied zwischen den curländischen und russischen Postforderungen. Als daher bei den letzten polnischen Unruhen die curländischen Posten frei durchgelassen, die russischen aber so oft weggenommen wurden, ließ man die Hamburger Zeitungen aus Mietau kommen, und hatte sie eben so wohlfeil als für gewöhnlich in Riga, ob man gleich von Mietau bis dahin das Postgeld besonders bezahlen musste, welches keinen kleinen Gegenstand ausmacht.

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Noch ein anderer Fehlblick dieses Mannes besteht darin, dass er das hohe Postgeld nur für den Inländer, aber nicht für den Ausländer als lästig ansieht. Freunde und Bekannte lassen sich freilich nicht entschädigen. Wird denn aber nicht der Ausländer teils sich scheuen, so oft zu schreiben als er es sonst getan haben würde, teils nicht so oft Nachrichten verlangen und bekommen? Und wird denn nicht bei Handlungsverbindungen das Postgeld dem interessierten Teile oft in Rechnung gebracht, wo es auch immer bezahlt werde?
Endlich muss ich noch eine Sonderbarkeit bemerken. Ein Brief von Moskau oder Petersburg nach Deutschland kostet jetzt nicht so viel, als einer von Riga dahin. Ja es würde oft vorteilhaft sein, die Briefe von Riga nach Petersburg, und von da wieder über Riga zurück gehen zu lassen. Ich sage; jetzt und oft; denn es kommt dabei auf den Wechselkurs an. Dieser stehe wie er wolle, so wird in den russischen


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Städten, wie billig, alles nach russischer Münze gerechnet, und die Zahl der Kopeken für einen Brief bleibt unverändert. Sie ist aber zu einer Zeit festgesetzt worden, wo der Wechselkurs der russischen Münze weit vorteilhafter war, als seit ungefähr zehn Jahren. In Riga ist die Sache umgekehrt. Da ist das russische Geld Ware und das holländische die gangbare Münze. In dieser muss man also auch das Postgeld für Briefe nach Deutschland und zwar mehr, oder doch eben so viel bezahlen als nach russischen Gelde in Moskau oder Petersburg. Dies führt mich zu den Bemerkungen über das Geld in Russland überhaupt. Doch ich erspare dieselben auf den künftigen Brief. Es ist Zeit, dass ich diesen schließe.

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