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Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756- 18o1)

Die literarischen Erzeugnisse von A.B. Bernhardi

Züge zu einem Gemälde des Russischen Reichs unter Catharina II.
gesammelt bey einem vieljährigen Aufenthalte in demselben. In vertrauten Briefen 1799.

2. Sammlung 1799, 294 Seiten, Brief IX - XIII

XII. Brief

Günstige und ungünstige Darstellung des Charakters der Russen. Ungrund des Vorwurfs der Trägheit. Wahrscheinliche Ursachen dieses Vorwurfs. Bemerkungen über andere beigelegte Charakterzüge: den knechtischen Sinn, die Feigheit, die grobe Sinnlichkeit und die Eigennützigkeit. S. 176 - 247.

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Sie wissen wahrscheinlich, das man sowohl den ursprünglichen als den noch jetzt herrschenden Charakter der Russen nicht immer von schönen Seiten gezeigt hat. Alte und neue Schriftsteller schreiben denselben Trägheit, knechtischen Sinn, Mangel an seinem Gefühle und an Mut, grobe Sinnlichkeit und Eigennützigkeit zu, und finden in dem, was dagegen von den Lobrednern des russischen Charakters angeführt wird, entweder Vorurteil oder gar absichtliche Parteilichkeit. Diesen Streit zu entscheiden ist schwer, wie es überhaupt schwer ist, das Ursprüngliche von dem Zufälligen zu scheiden, und den Charakter eines ganzen Volks zu bestimmen. Wie leicht setzt man nicht aus den zufälligen Zügen einer gewissen Klasse von Menschen, mit denen man lebt, ein Gemälde zusammen, das gar nicht auf alle Klassen eines Volks passt! wie leicht man sich,

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von den Bewohnern großer Städte auf die des ganzen Landes zu schließen, oder das, was man zur Erklärung gewisser moralischer Erscheinungen aus seinem Kopfe nimmt, als Tatsache aufzustellen! Schon in der Charakterbestimmung von Völkern, mit denen man mehr Verbindung hat, als mit den Russen, irrt man sich nicht selten. Wie schief werden oft die Deutschen von den Franzosen beurteilt! Und auch diese habe ich in ihrem Lande mehr oder weniger anders gefunden, als ich sie mir zuvor nach gedruckten Schilderungen der dortigen Sitten, und nach der herrschenden Meinung vorstellte.*) Selbst die Sittenschilderungen einheimischer Schriftsteller sind nicht selten einseitig und ungerecht.**) Wie sollte dies alles in Rücksicht auf Russland anders, wie nicht noch stärker sein?

*) Ein Deutscher, der nach Frankreich zum Teil wohl deswegen ging, weil er da ungescheut seinem Leichtsinne nachhängen zu können glaubte, wurde da eben so beurteilt, wie er in seinem Vaterland beurteilt worden wäre, wenn er hier alles getan hätte, was er sich dort erlaubte.

**) Dies sagt die Gräfin von Genlis in den Veillees Du Chateau (freilich an einem sehr unschicklichen Orte,) besonders von den Schilderungen der großen Welt; und sie belegt diesen Tadel mit Beispielen, die ich sehr gegründet gefunden habe.

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Was die Franzosen in ihrer Beurteilung der Deutschen so lange missleitete, musste natürlicher Weise beide in Beurteilung der Russen missleiten --- der spätere Anfang der Kultur, und die frühe Schilderung des Volkes. Wenn einmal der Charakter der Barbarei aufgedrückt ist, so sticht er selbst aus den schon sehr verwischten Zügen noch in die Augen, oder wird in solchen gesucht, die bloß eigentümlich, nicht barbarisch sind. Aus diesen allgemeinen Bemerkungen werden sie mit Recht schließen, das ich mich der Russen gegen manchen Vorwurf anzunehmen gedenke; irren würden Sie sch aber, wenn sie eine unbedingte Apologie derselben erwarteten. Das noch vieles zu tun sei, ehe Russland mit den kultiviertesten Ländern von Europa in eine Klasse gesetzt werden könne, folgt schon aus verschiedenen Betrachtungen, die ich Ihnen mitgeteilt habe;

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und hierzu werde ich noch manches, was teils den Mangel an Kultur selbst, teils die Hindernisse derselben zeigt, sowohl in diesem als in dem folgenden Briefe setzen. Auch lasse ich mich nicht auf die allgemeine Untersuchung ein, wie viel oder wie wenig bei dem, was den Russen zu wünschen übrig bleibt, auf die Rechnung des ursprünglichen Charakters oder der Zeit und der Mittel, ihn zur Humanität zu bilden, gesetzt werden müsse. Bringe ich darüber hier und da einige Bemerkungen bei, so sollen diese Sie nur vor Einseitigkeit bewahren. Natürlich ist es aber freilich, den Ton der Apologie gegen solche Beschuldigungen anzunehmen, die ich für ganz grundlos halte. Zu diesen rechne ich den Vorwurf der Trägheit, wenn man sie als Grundzug in dem Charakter der Russen darstellt. Wie kann man ein Volk träge nennen, dachte ich oft, das sich so leicht in alle Arten von Geschäften fügt, so viele Arten von Industrie wechselweise treibt, ohne nur eine ordentliche erlernt zu haben,

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bei dem die Beispiele von kleinem und großem selbst erworbenen Vermögen sehr häufig sind, bei dem die Gewohnheit herrscht, hundert und mehrere Meilen zu Fuss zu machen, um auf ein halbes Jahr in irgend einer Stadt oft nichts als Lebensunterhalt zu erwerben, bei dem so wenig Bettelei statt findet, als wahrscheinlich bei keinem andern in Europa? ---Und alles, was man diesen Tatsachen entgegen setzt, tut mir auf keine Weise genüge.*)

*) In zwei ganz neuen Schriften wird die Trägheit der Russen mit sehr starken Zügen geschildert. In den Zeichnungen eines Gemäldes von Russland heißt es S. 102 der Russe schläft zwei Drittel des Tages, und ist das beste Drittel; und in Meiners Vergleichung des älteren und neueren Russlands werden Th. I. S. 288 u.f. die gleich folgenden Beweise der Trägheit zusammen gestellt. Eben dies hatte derselbe schon in einer Abhandlung über die Natur der slawischen Völker getan.

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Man sagt, die Russen im Durchschnitt lassen sich nicht durch Belohnungen zur Arbeit reizen, sondern durch Züchtigungen dazu zwingen, verrichten sie nur halb oder schlecht, nehmen weder die besseren Methoden, noch die besseren Instrumente fremder Arbeiten an, treiben insbesondere den Ackerbau nachlässig oder geben ihn gar auf, um die leichteren städtischen Gewerbe zu treiben, schränken ihre Wünsche und Bedürfnisse ein, weil sie lieber entbehren als arbeiten wollen, und würden ohne eine allgemeine Trägheit sich als Herrn nicht mit so vielen entbehrlichen Faulenzern, den Bedienten, beladen, oder als solche nicht so arbeitslos ihr Leben hinbringen können --- Was von allem diesen wahr oder falsch in meinen Augen ist, will ich Ihnen schon sagen. Ich hoffe dabei manches mit zu sagen, was auch an sich nicht uninteressant sein dürfte. Wenn man die Russen als Menschen vorstellt, die durch Strenge zur Arbeit angehalten werden müssen; so finde ich diese Darstellung teils mit den oben angeführten Tatsachen, teils mit manchen Eigenschaften, die man ihnen ebenfalls zuschreibt,

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als der Unempfindlichkeit gegen körperliche Strafe und einer gewissen Eigennützigkeit, schwer zu vereinigen. Mag auch in älteren Zeiten von der niederen Volksklasse wenig ohne große Strenge zu erhalten gewesen sein, welches ich unausgemacht lasse; so ist sie doch n meinen Augen jetzt in Russland bei Billigkeit nicht mehr nötig, als in anderen Ländern, in so fern auf die Zahl der zu bestrafenden Rücksicht genommen wird. Aber diese Billigkeit ist eben nicht die herrschende Eigenschaft der höheren Stände, und deswegen hört man noch immer häufig, dass ohne Prügel oder doch die Furcht vor denselben, nicht durchzukommen sei. Das man sie z. B. bei den Postknechten für notwendig hält, habe ich Ihnen in meinem ersten Briefe gesagt. Jetzt setze ich noch hinzu, das sie auf meiner Reise nirgends notwendig waren, und das unser gewöhnlich humanes Benehmen gar sehr geschätzt wurde.

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Wenn es heißt: die Russen machen schlechte Arbeit und nehmen weder die besseren Methoden noch die besseren Instrumente fremder Arbeiter an; so ist dies zwar zum Teil wohl wahr, hat aber seinen Grund, nicht in einer diesem Volke eigentümlichen Trägheit. Teils wird es den Menschen überall schwer, seine Gewohnheiten in einem gewissen Alter aufzugeben, teils sind die ausländischen Handwerker und Künstler eben nicht sehr bereit den Russen ihre Vorzüge mitzuteilen. Einen Leibeigenen ordentlich auszulernen, streitet mit den Innungs Gesetzen der Deutschen; und da freie Russen niedrigen Standes selbst nach der Gründung vieler neuer Städte selten sind, so können auch nur wenige in dem Handwerksstande gesucht werden. Dieser Schwierigkeiten ungeachtet sind die Arbeiten der Russen bei weitem nicht so durchaus schlecht, als man vorgibt. Vieles, was sie machen, passiert für deutsche Arbeit, indem sie als Gesellen bei deutschen Meistern arbeiten, von denen man alleinbedient sein will. Dieses Vorurteil ist den Fortschritten der Industrie sehr schädlich.

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Man denkt, russische Arbeit tauge nicht viel, und will deswegen auch nicht viel dafür geben, da doch die Arbeit eben deswegen schlecht bleiben muss, weil man sie schlecht bezahlt. Wie sehr immer der innere Wert der Arbeit fällt, wenn man den Geldwert derselben herabsetzt, habe ich sehr deutlich in Lyon gesehen. Die Kaufleute aus Deutschland handelten von einem Jahre zum anderen etwas von dem Preise der dortigen Fabrikat ab, und brachten es endlich so weit, das ordentliche Klassen unter den Fabrikanten entstanden. Wer für Deutschland arbeitete, konnte nicht mehr für Paris arbeiten; so weit hatte es die deutsche Solidität gebracht! Sank sonach in Frankreich die Güte der Ware, durch den nach und nach herabgesetzten Preis; so ist es in Russland noch viel schwerer, jene in die Höhe zu bringen, da dieser einmal ohne Unterschied niedrig bestimmt ist.*)

*) Den Schaden dieses Vorurteils tragen auch Ausländer. Ein Engländer, eben der, welcher jenen Buchbinder zum Aufseher seiner Kinder annahm legte, zum Teil mit Arbeiten aus seinem Vaterlande, eine Lederfabrik an, musste aber, um seine Waren nach dem wahren Wert unterzubringen, Italien zum Debirplatz wählen, während man so viel englisches Leder nach Petersburg schaffte, und teurer bezahlen ließ, als er das seinige verkaufte. Er war mit einer Schiffsladung unglücklich, und ließ also seine Fabrik wieder eingehen, weil seine anderen Spekulationen einen sicheren Gewinn brachten.

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Ja man muss sich bisweilen wundern, das bei dem sehr niedrigen Preis die Arbeit noch so gut ist. Ich habe in Moskau sehr wohlfeil Dinge gekauft, denen man nur mit Mühe ihren Ursprung ansah. Für ein paar Pantoffelschuhe von seinem Leder und schön gesteppten Rahmsohlen, gab ich nicht mehr als 75 Kopeken Kupfer, d.h. ungefähr 12 Groschen sächsisch, und für ein paar silberne Schnallen der größten Sorte, von künstlichem Muster, nicht mehr als 8 Rubel in Banknoten. Auch manche eigentliche Manufaktur ist von der Art, das sie große Mühsamkeit voraussetzt. Der russischen Stickerinnen gibt es in Petersburg sehr viele, und ihre Arbeit wird häufig für französische verkauft. Man denke ferner an die Hautelisse- und Basselisse Tapetenfabrik, in welcher nach Storch und Hupel lauter russischer Arbeiter angestellt sind.

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Habe ich dies nicht genau untersuchen können, so weiß ich doch so viel, das ich bei meinem Besuche unter denselben keinen fand, mit dem ich deutsch oder französisch sprechen konnte. Auch habe ich gerade hier bemerkt, das man auf russische Kunstprodukte zu wenig achtet. Ein deutscher Gelehrter, der zehn Jahre in Petersburg war, hatte jene Fabrik nicht gesehen, ja er wußte nicht einmal, das sie noch bestand --- und doch lieferte sie Arbeiten, die in Verwunderung setzen können. Sagt man dagegen etwa noch, das die Russen doch immer nur nachahmen, so ist dies wohl bloß in einer Einschränkung wahr, die nicht übersehen werden darf, wenn nicht auch der deutsche Kunstfleiß in einem schlechten Licht erscheinen soll;*) und Mangel an Erfindungskraft ist doch etwas ganz anderes als die eigentliche Trägkeit.

*) Schon Reutenfels sagt, das die nach Russland gekommenen Künstler nicht nur glücklich nachgeahmt, sondern auch durch neue zu Erfindungen übertroffen würden.

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Hieraus schon können Sie beurteilen, ob die Russen ihre Bedürfnisse und Wünsche einschränken, mit einem niedrigen Gewinn zufrieden sind, und keinen Wohlstand suchen, um nur in Trägheit vegetieren zu können. Doch muss ich bei dieser Genügsamkeit, die man ihnen zum Vorwurf macht, einen Augenblick stehen bleiben. Wenn man zum Beweis desselben angibt, *) das keine Nation so viel Häute und Leder, so viel Talg und Lichter ausführe, als die russische, und doch meistenteils Schuhe von Lindenbast trage und Späne statt der Talglichter brenne: so ist dies zwar als Tatsache gegründet, beweist aber schwerlich was es beweisen soll. Denn auch Bauern, die im Wohlstand nach ihrer Art leben, und wovon einer z. B. seinen Sohn mit sieben hundert Rubeln vom Soldatenstand loskaufen konnte,

S. Meiners Vergleichung, Th. I. S. 151, N.

*) Eben daselbst, Th. I. S. 292

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brennen eben so Späne als die übrigen; und wie häufig werden diese nicht auch in Deutschland auf dem Lande gebrannt! Selbst reiche Rittergutsbesitzer geben der Gesindestube nur Späne zur Beleuchtung. Soll übrigens etwa der Überfluss an Talg gegen den russischen Bauern beweisen, so sagt man wohl mit Recht dagegen, das dieser Überfluss bloß scheinbar sei. Eben weil so viel Späne gebrannt werden, kann man viel Talg ausführen: er würde sonst nicht einmal zum einheimischen Gebrauch zureichen. Denn die ziemlich streng gehaltenen Fasten machen über drei Monate im Jahr aus, und die Lage des Bauers erlaubt in der übrigen Zeit schwerlich einen häufigeren Fleischgenuss als in andern Ländern.*) Gleiche Anmerkung kann man in Beziehung auf das Leder machen.

*) Das die gewöhnliche Speise der Bauern, die Suppe von Kohl (Kraut) fast immer mit einem Stück Fleisch begleitet sei, wie mehrere Schriftsteller sagen, habe ich nicht gefunden. Die Suppe selbst stand zwar gewöhnlich in den Häusern, wo ich einkehrte, für Fremde bereit, aber Fleisch darin war selten sichtbar.


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Doch muss ich anmerken, das der Gebrauch desselben verhältnismäßig stärker ist, als der des Talgs, Lichter von diesem findet man fast in keinem einzigen Dorfe, das nicht nahe an großen Städten liegt:*) auf ordentliche Stiefel hingegen hält jeder nicht ganz arme Bauer, wenigstens zum Sonntagsstaate, wie ich teils selbst gesehen, teils von Personen gehört habe, die sich lange mitten in Russland auf dem Lande aufgehalten haben. Überhaupt halten die wohlhabenden Bauern auf gute Kleidung, und begnügen sich jetzt selten bloß mit derjenigen welche sie selbst verfertigen.

*) Ich habe folgende Gradation gefunden. Auf dem Wege von Pleskow nach Moskau konnte man anfangs in Bauernhäusern nicht einmal immer einen Leuchter erhalten, dann fand man diesen gewöhnlich, nachher auch Licht zum Kauf, und endlich selbst dieses bisweilen bei dem Bauer im Gebrauch. Mir dieser Gradation stand auch das Dasein der Spiegel in Verhältnis. Von der völligen Abwesenheit derselben ging man zu Stückchen, dann zu ganzen, sehr kleinen, und endlich zu solchen über, wie sie auch bei unseren wohlhabenden Bauern angetroffen werden.

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Sie haben öfters Röcke von sehr feinem Tuche. Eine gewisse Genügsamkeit kann man übrigens allerdings als einen Zug des russischen Charakters ansehen. Wenn der Soldat z. B. von seinen Obern das erhält, was er haben soll, so ist er zufrieden, und behält gewöhnlich seinen natürlichen Frohsinn, so beschwerlich auch sein Stand und so gering sein Genuss ist. Ob sie aber diese Genügsamkeit mit mir für einen guten, oder mit andern für einen schlechten Zug ansehen wollen, überlasse ich Ihrer eignen Beurteilung, und kehre zu den vorgeblichen Beweisen der Trägheit zurück. Das der Ackerbau hier und da den städtischen Gewerben aufgeopfert und überhaupt nicht so gut betrieben werde, als er betrieben werden könnte, will ich gar nicht in Abrede sein; das aber dieses und jenes bloß aus einer Trägheit geschehe, die man als charakteristisch anzusehen berechtigt sei, bezweifle ich stark, weil ich zweifle,

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das ein sorgfältigerer und ausgebreiteter Ackerbau in Russland gewöhnlich der darauf verwandten Mühe lohne. Eine eichte Bestellung reicht hin, um der fetten Erde Früchte abzugewinnen; und würde sie auch bei einer besseren Bestellung noch mehr tragen, so fragt sich doch, ob diese auch einen verhältnismäßigen Gewinn verspreche? Die Antwort darauf kann schwerlich bejahend sein für alle Provinzen, denen nicht eine leichte Ausfuhr offen steht. Die gewöhnlichen Ernten sind in der Regel zum Unterhalt der Einwohner mehr als hinreichend. Selbst in einigen Jahren der Teuerung ist, so viel ich gehört habe, kein Getreide vom Ausland in die Mitte von Russland geführt worden;*) und wurde dann von da weniger in die Provinzen geführt,

*) Die Teuerung war dann nicht nur da groß, wo nie hinlänglich Getreide gebaut wird, und doch durch Fleiss und Mühe sehr vermehrt werden könnte, z. B. in Ingermanland, sondern auch da, wo es gewöhnlich im Überfluss ist, in Weissreussen (Anm. Weißrussland). Dies hat mich in der Meinung bestärkt, das nirgends, wo sich nicht der Staat durch besondere Anstalten ins Mittel schlägt, Teuerung nach Misswachs zu vermeiden ist, wenn auch der Ackerbau noch so hoch getrieben wird. Wer Getreide aufschüttet, hält es ja in der Regel auf hohe Preise; und diese treten also nach Misswachs ein, ohne das es eigentlich an Getreide zum Bedürfnis fehle.

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die nie ohne Zufuhr bestehen können: so kann man doch schwerlich von dem russischen Bauer verlangen, das er auf große Vorräte halte, damit selbst bei dem, mitten in Russland selten eintretenden Misswachs nie Teuerung entstehe. Er wird so nicht verhältnismäßig für seine Mühe belohnt, und deswegen hauptsächlich, wie ich glaube, nicht aus einer ihm eigentümlichen Trägheit, schickt er lieber seine Söhne in die Städte, als das er sie das Feld in größerem Maße und besser bestellen lasse, als es jetzt geschieht. Denn wenn ich gleich gern zugestehe, das ein Teil der in die Städte wandernden Bauern Gewerbe treibt, die viel leichter sind als der Ackerbau; so treiben sie doch auch häufig solche, die entweder noch mühsamer, oder doch eben so mühsam sind.

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De zahlreichen Zimmerleute, Maurer, Bäcker, Lastträger, Tagelöhner u.s.w. verdienen doch gewiss nicht ihr Brot mit Müßig gehen. Einen noch beschwerlicheren oder doch eben so beschwerlichen Stand haben zum Teil diejenigen, welche zum Gartenbau für ein Halbjahr in die Städte ziehen. Die Mühsamkeit dieser Leute kann zum Muster der Tätigkeit vorgestellt werden. Ob sie gleich erst gegen das Frühjahr nach Riga kommen, so haben sie doch in der Regel fast alles früher, als die Deutschen und Letten, und manches, was in einem Klima, wie das bei Riga, viel Sorgfalt erfordert, z. B. Melonen in größerer Menge. Auch gibt der einwandernde Russe mehr Pacht für ein Stückchen Erde, als der einheimischen Gärtner, und kann nur deswegen mehr geben, weil er mit seiner Genügsamkeit große Tätigkeit verbindet. Am Tage gräbt und pflanzt er, oder trägt seine Produkte rastlos umher, und des Nachts bewacht er noch das gepflanzte. Gewöhnlich hat er bei solchen Pachten keine andere Wohnung als die, jedes Frühjahr von ihm selbst leicht zusammengesetzte Hütte.

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Die Klage darüber, dass das Landvolk so häufig in die Stadt wandere, ist alt. Schon in der Instruktion für die Gesetzkommission stellt es Katharina II. als höchst notwendig vor, dem Adel Gesetze vorzuschreiben, das er von dem Bauer nicht sowohl Geld als solche Abgaben fordere, die diesen am wenigsten von seinem Hause und seiner Familie entfernen.*) Mit ihrem Beispiel ist die Gesetzgeberin selbst nicht vorgegangen. Im Gegenteil entrichtet der größere Teil der Kronsbauern immer noch nur Geldabgaben. Auch würden die Gesetze gegen diese höchst schwierig sein. Die Städte können eines solchen Zufluss vom Lande nicht entbehren, da nach Herrmanns statistischer Schilderung von Russland 1782 im ganzen Reiche nur 344,091 männliche Köpfe des eigentlichen Bürgerstandes gezählt wurden.*)

*) Storch führt in seinem Gemälde des russischen Reichs (Th. II. S. 365) diese Stelle deswegen an, weil auch er der angeführten Meinung beitritt.

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Wie soll nun die Zahl der in den Städten notwendigen Bauern überhaupt, oder verhältnismäßig nach den Gütern gesetzt werden? Ein Gut, dessen überflüssiges Getreide schwer abzusetzen ist, müsste doch in dieser Rücksicht Vorzüge vor andern haben; und wie schwer ist es, das Maß derselben zu bestimmen! Außer dieser Schwierigkeiten ist noch zu bedenken, das die eingeführten Geldabgaben und die daher entstehende Freiheit des Bauers, nach Gefallen seine Kräfte anzuwenden, die Leibeigenschaft sehr mildern. Würde der Edelmann bei einer neuen Einrichtungseine Bauern nicht mehr wie zuvor nützen können; so wäre sehr zu fürchten, das er noch häufiger täte, was er schon jetzt nicht selten tut, sie nämlich zu selbst angelegten Fabriken zu gebrauchen. Diese versetzen aber fast überall schon den gedungenen gemeinen Arbeiter gewöhnlich eben nicht in sonderlichen Wohlstand; und wie kann man also denselben für einen gezwungenen in der Regel hoffen?

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Unter dieser Voraussetzung würde selbst der Staat wenig bei jenen projektierten Gesetzen gewinnen. Was er etwa an der größeren Anzahl der Menschen erhielt, würde er an ihrer Kraft und Lebensdauer verlieren, wenn es ja gegründet sein sollte, das die Abwesenheit des Bauern von seinem Weibe der Bevölkerung nachteilig wäre. Ich bezweifle es, da solche Abwesenheiten meistenteils auf Monate oder auf ein Jahr um das andere eingeschränkt sind. Das ich übrigens für jedes ohne Nachteil des ganzen mögliche Mass von Freiheit und Wohlstand der niedrigen Volksklassen streite, werden Sie mir nicht verdenken; und das jetzt bestehende Maß, das durch solche, die Tätigkeit der Leibeigenen einschränkende Gesetze vermindert würde, ist gewiss ohne Schaden für den Staat möglich, so lange Russland noch so viel rohe Produkte des Ackerbaus ausführt. Nehmen diese ab, so wird sich alles leicht von selbst fügen.*)

*) Die jetzigen Zeitumstände sind der vermehrten Getreideausfuhr sehr günstig. Die Ukraine kann für Konstantinopel leicht die Stelle von Ägypten ersetzen. Aus jener ging schon viel Getreide nach Frankreich, als dieses vor sechs Jahren so großen Mangel daran litt --- wenn gleich alle Ausfuhr dahin verboten war.

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Vielleicht wird auch dann die Klage über so viele unnütze Bedienten weniger gerecht, als jetzt. Ihre Zahl muss indem Verhältnisse abnehmen, in welchem ihr Unterhalt kostbarer wird. Das sie jetzt zu groß und größer als in andern Ländern ist, werden Sie schon in vielen Schriften gelesen haben. Wie Hupel behaupten kann,*) das der größte Teil des russischen Adels keine große Dienerschaft halte, begreife ich nicht anders als unter der Voraussetzung, das er denjenigen Teil meine, der keine große Dienerschaft halten kann, und diesen für den größten ansehe, wie er es wohl auch in der Tat ist, zumal wenn man dazu alle Beamten und Offiziere rechnet, die nur für ihre Person zu dem Adel gerechnet werden. Bei dieser Auslegung wäre se überflüssig, weitläufig meine Erfahrungen jener Behauptung entgegen zu stellen.

*) S. Staatsverfassung des R. R. Th. II. S. 351.

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Nur so viel will ich anführen, das selbst öffentliche Einrichtungen auf die Sitte, viel Bedienten zu halten, werfen. Ein Kapitän, der sonst eben nicht vorzüglich gut besoldet wird, bekommt selbst bei der Infanterie zwei Denschick von der Krone. In andern Ländern behilft er sich, wenn er nicht großes Vermögen hat, sehr gut mit einem Bedienten, oder hält wohl gar keinen. Eigentlich ist dies alles auch nur eine Abschweifung. Sagen sollte ich Ihnen vielmehr, in wie fern es nach meiner Meinung gegründet sei, das ohne allgemeine Trägheit nicht so viel Bedienten gehalten werden würden. Ich verweise Sie aber der Hauptsache nach nur auf das, was sie wohl selbst teils aus eigener Erfahrung wissen, teils schließen, das nämlich die zahlreiche Dienerschaft der Großen in keinem Lande zu der arbeitsamen Klasse der Einwohner zu rechnen ist, und das man den Leibeigenen schwerlich eine Trägheit zur Last legen kann, zu der sie gezwungen sind.

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Auch werden Sie aus den verschiedenartigen Arbeiten, die man häufig den Bedienten in Russland auflegt, und von denen ich im vorigen Briefe gesprochen habe, schließen, das sie, im Durchschnitt, kaum so müßig gehen, als in andern Ländern. Nur eine einzige Erfahrung will ich noch hinzusetzen: In einem und eben demselben Hause gebrauchte ein Kutscher seine müßige Zeit zum Tabakstampfen, und ein Bedienter war froh, das er aufs Land geschickt worden war, ob man ihn gleich da bloß zu grober Arbeit gebrauchte. Nach diesen Gegenbemerkungen will ich Ihnen noch sagen, wie es mir leicht möglich scheint, dass noch jetzt selbst unparteiische Reisende mit dem Gedanken herrschender Trägheit aus Russland zurück kommen, wenn sie sich da nicht lange aufhalten und nicht sehr sorgfältig prüfen. Außer mehreren schon angeführten Tatsachen, die, bloß von einer Seite betrachtet, allerdings diesen Gedanken begünstigen, findet man unter den höheren Ständen noch andere, welche es nicht minder tun.

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Ohne mich jetzt hierauf einzulassen, will ich vielmehr voraussetzen, das man, wie billig, den eigentümlichen Charakter des Volkes in den niederen Klassen desselben, und besonders unter den Bauern, suche. Wenn man nun im Sommer nach Riga kommt, welches gewöhnlich der Eingang ins russische Reich ist, dort die ehemals polnischen Bauern in jener kraftlosen Gestalt erblickt, die ich Ihnen beschrieben habe, und sie zum Maßstab für die eigentlich russischen Bauern nimmt, so ist es leicht möglich, das man ein Bild von denselben fasse, das sich bei einem kurzen Aufenthalt schwerlich wieder verwischen lässt. Auf dem Wege von Riga nach Petersburg hat man keine große Veranlassung, dasselbe zu mildern, wie Sie aus meinem vorigen Briefe von selbst schließen werden; und erhalt man etwa gar Bekanntschaft mit Edelleuten, die ihr hartes Benehmen gegen die Leibeigenen und das Elend derselben beschönigen wollen, so wird man noch mehr in der Vorstellung der herrschenden Trägheit bestärkt.

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In Petersburg denkt man vielleicht nicht dran, das der größere Teil der arbeitenden Einwohner aus russischen Leibeigenen oder Bauern besteht,*) sonst würde man diese freilich wenigstens etwas anders beurteilen. Denn obgleich manches von ihren dortigen Geschäften dem Müßiggang sehr nahe kommt, so herrscht doch im ganzen eine große Tätigkeit, die man schwerlich verkennen kann, und leicht stärker, als an andern großen Orten findet. Mit welcher Geschwindigkeit nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Quartiere hervorgehen, werden Sie Storchs Gemälde von Petersburg wissen.

*) Nach Herrmanns statistischer Schilderung von Russland sind in dem ganzen Petersburgischen Gouvernement nicht mehr als 11,25 t männliche Köpfe des eigentlichen Bürgerstandes. Wenn man nun auch das Militär, den dienenden Adel, die Jugend in den verschiedenen öffentlichen Instituten, die Geistlichen, die Fremden u.s.w. noch so hoch anrechnet, so kommen doch wahrscheinlich auf Petersburg 50,000 Menschen, welche zu den Leibeigenen gehören.

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Doch ich gehe weiter. --- So wie man nun vielleicht nicht daran denkt, das Bauern den größten Anteil an jener Tätigkeit haben, so ist es leicht möglich, das man auch keine Spuren von einer ähnlichen in ihrer Heimat entdeckt. Gewöhnlich wird die Reise von Petersburg nach Moskau im Winter gemacht. Der tätige Bauer, ist dann auf der Straße, da, wie bekannt, der Winter die eigentliche Handelszeit im Norden ist. Übersieht man dies wiederum, und hält sich nur an die Menschen, die entweder wirklich aus Trägheit weder handeln noch fahren, oder von ihren weiten Reisen etwa zu Hause einmal ruhen wollen, so stellt sich das Bild der Untätigkeit wieder in seiner ganzen Stärke dar. Man sieht dann wohl die Bauern zu jeder Tageszeit auf der Ofenbank, oder gar auf den Ofen, der nicht ungewöhnlichen Schlafstätte liegen. Was sollen sie auch im Winter tun, wenn sie gedroschen, oder die Arbeit bei Hanf und Flachs vollendet, das Kraut eingemacht haben, und nicht in Städten oder auf Reisen sind?

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Der hohe Schnee erlaubt wenig oder keine Feldarbeit, und die Beschickung der Pferde erfordert nicht viel zeit.*) Es bleibt ihnen also fast nichts zu tun übrig, als ihr Geräte zu machen, oder ihre Kleidung zu weben. Dies tun sie wohl zwar oft, aber gerade der wohlhabende am wenigsten, und so viel ich bemerkt habe, in den Dörfern von Petersburg bis Moskau gar nicht. Auch in vielen Gegenden Deutschlands ruht dann der Bauer, wenn er nicht zur Stadt fährt. Nur fällt es bei diesen weniger auf, teils weil er häufig in seiner größeren, und anders eingerichteten Wirtschaft mehr zu tun hat, teils weil er weniger besucht wird. Das viele Schlafen allein haben die Russen wider sich, und ich will Ihnen nicht bergen, das mir dies nicht nur bei den Bauern, sondern auch bei den Bedienten aufgefallen ist.

*) Die Pferde werden zu großer Härte gewöhnt. Nie machten die Fuhrleute, die uns von Pleskow nach Moskau fuhren, den ihrigen eine Streu; und als ich fragte, warum sie es nicht täten, gab mit einer zur Antwort: Da würden sie sich legen, und das Fressen vergessen. In der Tat legte sich nie eins.

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Jede Stunde des Tages ladet sie zur Ruhe ein, wenn sie nichts zu tun haben. Seitdem ich aber einen Gelehrten kenne, der bei der größten Lebhaftigkeit doch zu jeder Zeit schlafen kann, und sich dadurch zu neuer Arbeit stärkt, so hüte ich mich, jene große Schlaffähigkeit der Russen als einen Beweis natürlicher Trägheit anzusehen. Warum sollte nicht bei einem ganzen Volke eben das statt finden können, was sich bei einzelnen Menschen findet? zumal da solche, dem Anschein nach schlafsüchtigen Menschen, auch wiederum sehr alert sind. Ich machte die Reise von Pleskow nach Moskau mit Fuhrleuten, die jeden Morgen zu der bestimmten Zeit, gewöhnlich um zwei Uhr zum Fahren bereit waren, wenn sie des Tages zuvor auch noch so viel Strapazen gehabt hatten. Man sollte fast glauben, das diese Menschen auf viele Tage den Schlaf voraus genießen oder nachholen könnten. Bei ihren weiblichen Hälften, die fast nie einer so großen Konsumtion der Kräfte ausgesetzt sind,

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findet man auch keine so große Schlaffähigkeit oder Schlaflust. Immer waren sie beschäftigt, oder doch munter, wenn ich in ihre Hütte trat. Freilich fehlt es ihnen aber auch nicht so, wie den Männern, an Beschäftigung. Außer der häuslichen Wirtschaft haben sie gewöhnlich ihren Spinnrocken bei der Hand. Ob dies im ganzen aus Zwang oder freiwillig geschehe, kann ich nicht entscheiden.Nur bei einer sehr tätigen Frau sah ich einen unzweifelhaften Beweis, dass sie ihrem Gemahl nicht bis zum Sklavensinn unterworfen war. Sie machte ihm wegen einer kleinen Unbilligkeit harte Vorwürfe, und trieb ihn bis zum stillschweigenden Eingestehen seines Fehlers. Mir viel sowohl hierbei, als bei andern Gelegenheiten ein, das, wenn jemals die Weiber Schläge von ihren Männern als Zeichen der Liebe angesehen haben, woran ich doch übrigens sehr zweifle, die Sitten hierin eine große Änderung erlitten haben müssen. Oder erwiderte jener Mann die bitteren Vorwürfe etwa eben deswegen nicht mit Schlägen, weil diese Zeichen der Liebe und nicht der Herrschaft sind?

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Sie mögen sich diese Frage selbst beantworten. Ich will Ihnen dagegen noch etwas über den knechtischen Sinn, den man den Russen vorwirft, überhaupt sagen. Manche Beweise, die man aus den älteren Zeiten dafür anführt, haben in meinen Augeneben so wenig Grund als der, welcher aus der Liebe zu Schlägen gezogen wird. Wenn man z. B. einen darin sucht, das die Diener, welche durch den Tod ihrer Herren oder sonst frei wurden, sich gleich wieder verkauften; so vergißt man teils, das in einem Lande, wo eine gewisse Kaste alle Ländereien an sich gezogen hat, und für den gemeinen Mann zum Unterhalt fast nichts als Dienstbarkeit übrig bleibt, diese aus Notwendigkeit gewählt werden muss, teils, das der Kontrakt, welchen die menschen aus den niederen Volksklassen mit den höheren machten, häufig nicht sowohl ein Verkauf als eine Miete genannt werden muss. Höchstens können unter die erste Rubrik diejenigen gezogen werden, welche ihre Dienste auf ihre eigene, oder die Lebenszeit der gewählten Herren verkauften.

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Wer wird bei uns von den Dienstboten, die sich auf mehrere Jahre vermieten, sagen, das sie sich verkauften? oder wer wird denjenigen, die fast ihre ganze Lebenszeit von einer Herrschaft zur anderen übergehen, dieses beständige Dienen zum Vorwurf machen? Und würden nicht viele sich gern auf Lebenszeit bei einer und eben derselben Herrschaft vermieten, wenn sie diese als gut kannten, die Erlaubnis zum Heiraten, und Unterhalt für ihre Kinder erhielten? Dies Letzte fand aber nach den Nachrichten der älteren Reisebeschreibungen wirklich statt, und der erste Punkt wurde von der dienenden Klasse nach eben denselben allerdings gar sehr beachtet. Wer seine Diener nicht gut hält, sagt Herberstein, wird gewissermaßen ehrlos und bekommet keine wieder.*)

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Indessen soll dieses Beispiel nur zeigen, das man die spuren von Sklavensinn, die man wirklich fand, zu weit verfolgte, und auch noch da sah, wo bloß der allgemeine Gang der menschlichen Natur herrschte. Auch will ich Ihnen nicht leugnen, das in den neueren Zeiten bis jetzt noch manche Tatsache und manche Sitte als ein Beweis eines sklavischen Charakters angesehen werden kann. Die Geduld, mit der häufig die Untergebenen ein hartes Verfahren ihrer hohen Oberen, besonders sehr begünstigter Personen ertragen, und ihre Kriecherei gegen dieselben sollen sehr stark sein. Man erzählt, selbst ein General ... Chef habe sich eine Ohrfeige von dem Fürsten Potemkin gefallen lassen, und dieser sei gegen seine kriechenden Landsleute weit despotischer als gegen die freier gesinnten Fremden gewesen. Sein ehemaliger Adjutant General M... wagte es, nach einer erhaltenen Beleidigung nicht eher wieder zu ihm zu gehen, als bis er geholt wurde, und doch kam er, seiner stark ausgedrückten Empfindlichkeit ungeachtet, gleich wieder auf guten Fuss mit ihm.

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Als eben dieser Fürst in Riga war, bezeigte er sich gegen die frei, und ohne Ängstlichkeit sprechenden Magistratspersonen sehr human, aber sehr barsch gegen die Personen von seiner Suite, welche erstaunten, wie Bürger so ungescheut mit einem Potemkin umgehen könnten. Selbst in Moskau, wohin sich doch so viele Leute begeben, um freier als in Petersburg zu atmen, vermied man auf das angelegentlichste, nicht etwa bloß dem Fürsten selbst, sondern jeder Person, die nur in dem entferntesten Zusammenhang mit ihm stand, durch die geringste Kleinigkeit zu nahe zu treten. Bei einem kleinen Verstoße gegen die moskowische Etikette, der einem, mit derselben unbekannten jungen Menschen ein entsetzliches Wetter auf den Hals zog, wurde ein großes Gewicht darauf gelegt, das die Dame, gegen die de Verstoß geschehen war, eine Verwandte von Potemkin sei. Sieht es nun so unter den höheren Ständen aus, was kann man wohl von den niederen erwarten, die gar keinen Rückenhalt haben? Die Kaiserin Katharina II. hielt es für gut, ausdrücklich zu verbieten, das sich jemand dem Adel leibeigen mache;*)

*) Auf den Kronsdörfern kann man sich als Bauer einschreiben lassen, und so leicht ein Leibeigener des Adls wider Willen werden, da die Krone so viele Güter verschenkt.

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und als die Kaiserin Elisabeth allen Menschen, die kein rechtes Gewerbe trieben, gebot, sich entweder in den Städten zu fixieren, oder einen Erbherrn zu wählen, so zog mancher das Letzte dem Ersten vor. Sieht man endlich auf die orientalische Sitte, sich vor seinem Herrn niederzuwerfen, so kann man wohl den Sklavensinn als einen hässlichen Zug in dem Charakter der Russen betrachten; und ich selbst habe ihn lange so betrachtet. Gar sehr hat sich indessen meine Ansicht, der Hauptsache nach, geändert, seitdem ich teils diese mehr in Überlegung zog, teils das Volk von mancher Seite kennen lernte, die der oben angeführten entgegen steht. Ein so allmächtiger Mann wie Potemkin, der jeden General bei seiner Armee ohne alle Untersuchung degradieren, oder gar nach Sibirien schicken konnte, wie er selbst gelegentlich gesagt haben soll,*)

*) Man erzählt, das er bei dem letzten Türkenkrieg Blankets mit der Unterschrift der Kaiserin zu jeder Bestrafung gehabt habe. So schreiend eine solche Vollmacht an sich ist, so darf sie doch deswegen allein nicht bezweifelt werden. Konnte doch der Feldmarschall Münich aus ähnlicher Machtvollkommenheit Generale bis zum Gemeinen herab degradieren.

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würde wohl überall gerade unter denen, die ihn am nächsten waren, eine sehr große Furcht eingedrückt, und nur wenigen Kraft zu einer gewissen Freimütigkeit gelassen haben. Wie schwer ist diese überhaupt bei der strengen Subordination im Militär und der gewöhnlichen Untertänigkeit an Höfen zu erhalten und nun noch einem solchen Manne gegen über, wie Potemkin! Gleichwohl wagte es doch ein Russe, der Etatsrat Ratischeff ihn anzugreifen. Er stellte unter versteckten Namen Potemkins Geschichte mit allen schrecklichen Folgen für den Staat dar, hatte aber das Schicksal. das er erwarten musste, wenn seine Darstellung nicht die Wirkung hervorbrachte, die er beabsichtigte.

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Er wurde in Fesseln gelegt, und, wie man sagte, nach Sibirien bestimmt. Von jenen befreite man ihn indessen, wie hinzugesetzt wird, in einiger Entfernung von Petersburg wieder, und führte ihn statt nach Sibirien, nur auf seine Güter.*) Man hatte ihm Potemkins Rache vorausgesagt, er aber die Vorstellung seiner Freunde mit der Äußerung abgewiesen, das wenn eine solche Furcht abschrecken sollte, sich nie ein Mensch dem allgemeinen Schaden entgegensetzen könnte.

*) Der Verfasser von Potemkins Leben in der Minerva 93. B. II. S. II. sagt zwar geradezu Ratioscheff sei nach Sibirien geschafft worden, und hat, wie ich sehr wohl weiß, nach den Verhältnissen, in denen er gestanden, eine große Autorität für sich; da ihm aber doch das endliche Schicksal jenes Mannes entgangen sein könnte, so habe ich die Art, wie mir es stets in und außer Petersburg erzählt worden ist, nicht ganz mit Stillschweigen übergehen wollen; und setzte noch hinzu, das die Kaiserin einen geheimen Befehl gegeben haben soll, jene Strafe auf die angeführte Art zu mildern, weil sie gar nicht geneigt gewesen sei, Potemkins Rache zu befriedigen, und ihm doch nicht geradezu habe entgegen sein wollen.

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Ähnliche, wenn auch nicht eben so starke, Freimütigkeit, haben noch mehrere Russen bewiesen, deren Schriften und Personen nach öffentlichen Anzeigen in Beschlag genommen wurden.Was ferner die niederen Volksklassen betrifft, so ist mir gar nichts vorgekommen, das jetzt eine Neigung zur Leibeigenschaft fürchten ließe. Im Gegenteil hält man es für notwendig, jeden Einfall zur Freiheit mit Strenge zurück zu drängen, wie jener Befehl der Kaiserin zeigt, auf den sich nach meinem letzten Briefe der Gouverneur in Riga bei Gelegenheit berief, und aus welchem allein ich mir das Benehmen der dortigen Polizei bei folgenden Vorfall erklären kann. Der Sohn eines Mannes, der sich nach dem oben angeführten Befehl der Kaiserin Elisabeth selbst Leibeigen gemacht hatte, glaubte seine Freiheit vindizieren zu können, weil die Kaiserin Katharina II. das eigene Hingeben in die Leibeigenschaft verboten, und auf alle Fälle den Kindern freiwilliger Leibeigenen eine solche Vindikation vorbehalten habe.

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Er wollte dabei den Weg Rechtens gehen, und sagte selbst seiner Herrschaft, das er sich bei dem Generalgouverneur seiner Freiheit wegen melden werde. Das Hindernis, welches ihm die Herrschaft darauf in den Weg legte, war freilich nicht geschickt, ihm seinen Glauben zu benehmen; und da er darauf bestand, so musste sie die Sache bei der Polizei angeben. Diese sprach wider ihn, wie natürlich, da die angeführte Ukase der Kaiserin nicht auf Fälle unter ihrer Vorgängerin zurück zu ziehen war, und lies ihn, wie ohne einen neuen Befehl, in solchen Fällen mit Strenge zu verfahren, unnatürlich gewesen sein würde, mit Stockschlägen bestrafen. Im Grunde wurde doch ein bloßer Anachronismus so hart geahndet. Auch verlangte die Herrschaft nicht nur keine Strafe, sondern suchte sie sogar abzuwehren, erhielt aber die Bedeutung, dass, da die Sache einmal bei der Polizei angebracht worden sei, sie auch tun müsse, was Rechtens sei.

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Jener Strenge Befehl gegen jede Äußerung von Freiheitsgeist, war an den Gouverneur in Riga ergangen, das er auch an andere in dem eigentlichen Russland ergangen sei, weiss ich freilich nicht. Auch ist mir es wahrscheinlich, das er gegen ein bloßes Phantom erlassen worden wäre. Denn ich glaube in der Tat nicht, das die russischen Bauern im Ganzen jetzt geneigt sein, ihre Freiheit mit Gewalt zu erringen. Aber die Befehle gehen doch in der Regel durch das ganze Land;*) und ich habe nur sagen wollen, das die Regierung bei Ihren Maßregeln weit entfernt, eine volle Gleichgültigkeit gegen die Freiheit, oder gar einen eigentümlichen Sklavensinn vorauszusetzen, es als möglich annahm, das ein unbedeutender Funke von Freiheitsliebe den ganzen Staat in Flammen setzen könne.

*) Das Generalisieren lässt die Befehle bisweilen in einem sonderbaren Licht erscheinen. Als einst ein Gerichtspräsident, der Husaren Offizier gewesen war, seine ehemalige Mütze auch in dem Gerichtshof trug und die Regierung dies unschicklich fand, erging durch ganz Russland der Befehl, die Gerichtspräsidenten sollten keine Husaren Mützen tragen. Lange wußte man nicht, worauf sich ein so sonderbarer Befehl bezog.

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Eine ähnliche Voraussetzung habe ich bei Privatpersonen mitten in Russland gefunden. Man fürchtete z. B. das die Anlegung von Schulen indirekte die Liebe zur Freiheit nähren, und unsägliches Elend über das ganze Land verbreiten könne. Dagegen habe ich nie eine Spur von dem Glauben gefunden, das der gemeine Russe seinem eigentümlichen Charakter nach durchaus mit der Leibeigenschaft zufrieden sei. Ist mancher weiter nicht lüstern nach Freiheit, so ist er es deswegen nicht, weil er sich wirklich wohl befindet, wenn er seinen Obrock entrichtet, tun und lassen kann, was er will, und doch manchen Vorteil von der Leibeigenschaft hat. Denken Sie aber hierbei ja nicht, das ich die Nahrung meine, die der Herr auf alle Fälle geben müsse. Davon findet man wenig oder keine Spur in eigentlichen Russland. Der Bauer muss sich der Regel nach selbst helfen, und hilft sich auch selbst.

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Alles was die Herrschaft in dieser Rücksicht bei Unglücksfällen tut, besteht darin, das sie auf ein oder mehrere Jahre die Gefälle vermindert oder erlässt. Der Vorteil, den ich meine, ist der, welcher aus dem Verhältnis des Klienten zum Patron entsteht. Als solcher schützt der Herr seinen Bauer gegen manche Beeinträchtigung, oder hilft ihm gar zu großem Verdienste. Bei öffentlichen Anstalten z. B. wird fast alle Arbeit im Ganzen verdungen; und zu guten Kontrakten dabei kann ein Herr direkte oder indirekte seinen Bauern leicht verhelfen.*) Ich habe zu Petersburg in einem Hause gewohnt, das über 50,000 Rubel geschätzt wurde, und durch solche Kontrakte von einem Bauer Potemkins erworben worden war.

*) Allein könnte der Bauer solche Kontrakte selten schließen, nicht nur weil, um sie zu erhalten, eine gewisse Protektion nötig ist, sondern auch weil dabei eine Kaution geleistet werden muss, die sein ursprüngliches Vermögen oft weit übersteigt. Übrigens ist es Gesetz, das dem Bauer nicht mehr als zehn Rubel geborgt und folglich wohl auch keine größere Gewähr zugemutet werde.

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Ohne frei zu sein, hielt er sich seine Leute, einen Portier, einen Aufseher u.s.w. wie ein Herr, und schloss selbst die Hausmieten nicht in eigener Person ab. Man sagte, er wäre nun gern frei, aber vom Fürsten über diesen Punkt nicht gehört, und durch allerlei Vorspiegelungen zur Ruhe verwiesen worden. Überhaupt sind die Herren gar nicht geneigt ihre Leibeigenen, selbst vermittelt ansehnlicher Summen, frei zu lassen. Teils setzen sie eine Ehre darin (welches in der Tat sehr gut ist) recht wohlhabende Bauern zu haben, teils wollen sie nichts von ihrer Herrschaft fahren lassen. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, das sie ihre reichen Leibeigenen als ein sicheres Kapital betrachten, das sie, bei der Unbestimmtheit der Abgaben, im Notfall wenigstens, so hoch nutzen können als sie wollen.*)

*) Bisweilen wird auch um gewisser Dienste willen oder aus Anhänglichkeit an der Person, ein Leibeigener nicht frei gelassen. Ich habe schon bei anderer Gelegenheit gesagt, das mancher Advokaten Dienste tut; und dies sind nicht so leicht zu ersetzen.

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Daher darf man sich eben nicht wundern, wenn es bei aller Wohlhabenheit der Bauern im ganzen verhältnismäßig nur wenig freigelassene Leibeigene gibt, ohne eben anzunehmen, das diese sich in ihren engen oder weiten Fesseln gefallen. Was endlich das Betragen der Leibeigenen gegen ihre Herrn betrifft, so ist jetzt die Niederwerfung zwar nicht ungewöhnlich, aber doch auch nicht alltäglich. Nur bei besondern Gelegenheiten, als dem ersten Begrüßen der Herrschaft und dem Abschied nehmen von derselben, oder bei Abbitten von Vergehungen geschieht sie, und, den letzten Fall etwa ausgenommen, selbst dann nur von derjenigen Klasse der Leibeigenen, die überhaupt noch ganz den alten Sitten anhängen.*)

*) Wenn Merkel selbst das Rockküssen der Herrschaft als eine tiefe Herabwürdigung der Letten anführt, so scheint er nicht zu wissen, das vor gar nicht langer Zeit auch in Deutschland hohen Personen der Rock von Leuten aus den mittleren Ständen geküsst wurde, und noch jetzt von Kammerdienern und Kammerdienerinnen, die sich doch gewiss sehr über den Bauernstand erhaben dünken, geküsst wird.

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Auch kann man das Niederwerfen als eine bloße Zeremonie eben so gut betrachten wie etwa die, bei uns gewöhnlichen Titulierung: gnädiger Herr und gnädige Frau, welche fast überall entweder nichts, oder das Gegenteil von dem bedeuten, was sie dem Buchstaben nach ausdrücken, und in Russland zwar auf und in Briefen gebräuchlich, aber bei den Anreden, selbst von Seiten der Leibeigenen, fast ganz unbekannt sind. Mit Herr und Herrin (Frau scheint mir hier nicht adäquat) ohne weiteren Zusatz reden sie zwar ihre Herrschaft bisweilen an, ihre gewöhnlichsten Titulaturen aber sind: Väterchen, Mütterchen, welche nicht nur an sich, sondern auch nach dem Tone in Russland eine gewisse Vertraulichkeit und Gleichheit anzeigen. Und nicht nur diese Vertraulichkeit habe ich die russischen Leibeigenen gegen ihre Herrschaft sowohl, als gegen andere Personen hohen Standes beweisen sehen, sondern sogar eine Freimütigkeit, mit Gehorsam verbunden, die stark gegen den Sklavensinn absticht, den man aus jener orientalischen Sitte deduziert.

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Es ist nicht recht, was Sie tun, hörte ich einst einen leibeigenen Bedienten seinen Herrn, der sich von der Hitze übereilen ließ, wiederholend zurufen, obgleich dieser Mensch seines Herrn Willen nicht nur überhaupt, sonder selbst dann sehr pünktlich tat, als er sich über ihn zu beschweren hatte. So gut fühlte er, was ihm als Menschen gebührte, und was er zu tun verbunden war. Ich bin kein Hund, sondern ein Mensch, sagte ein anderer, dem etwas zugemutet wurde, das zwar weiter nicht zu billigen, aber doch auch nicht von sehr starker Art war. Einzelne Beispiele beweisen freilich nicht hinlänglich. Wenn man aber ihrer zwei in einem und eben demselben Hause von der angeführten Art findet, so ist man wenigstens versucht, das was andere doch ebenfalls zum Teil nur aus einzelnen Beispielen beweisen, nicht so gerade zu auf den allgemeinen Charakter zu beziehen;

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und ist man einmal so weit, so findet man auch den allgemeinen Tatsachen andere eben so allgemeine entgegen zu setzen, oder eine Auslegungen zu geben, die der Wahrheit näher zu kommen scheint. Wenn z. B. auf die Geduld verwiesen wird, mit der die niederen Volksklassen ihr Elend tragen sollen, so halte ich erstlich dies Elend , wenn es als sehr gemein gedacht wird, als Phantom, das leicht zu ertragen ist. Ich zweifle, das der Mangel an den notwendigen Lebensbedürfnissen in irgend einem Lande weniger herrsche, als im eigentlichen Russland. Was zweitens die Gemütsstimmung betrifft, mit welcher wirklicher Mangel oder Druck getragen wird, so ist sie höchstens als Unterwerfung unter die Notwendigkeit anzusehen. Außer dem, was ich Ihnen bei anderer Gelegenheit von dem Streben der Bauern gegen ausländische Verwalter gesagt habe, will ich hier nur etwas über die vorgebliche Geduld anführen, mit welcher die Soldaten den Druck der Oberen, und den Mangel an allem ertragen sollen.

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Wehe den Offizieren im Kriege, die zuvor ihre Gewalt missbraucht haben; sie sind ihres Lebens nicht sicher, hörte ich von Personen sagen, die sich auf ihre eigene und fremde Erfahrung berufen konnten. Als ferner in dem letzten Türkenkrieg manche Armee großen Mangel litt, wurde als bekannt vorausgesetzt, das in solchen Fällen die Offiziere noch übler stehen als die Gemeinen, indem für diese zuerst gesorgt werden müsse. Auch ist es wohl schwerlich zu bezweifeln, das in den letzten Türkenkrieg Potemkin, um seine seht übel stehende Armee zu beruhigen und willig zu erhalten, ihr Dinge nach gesehen habe, die man einem geduldigen Heere sonst schwerlich nachsieht.*) Zugleich können durch den traurigen Zustand der Belagerungsarmee von Oczakow die Vorstellungen derjenigen berichtigt werden, welche zu der gerühmten oder auch getadelten Geduld des Geistes, die Fähigkeit des Körpers alles auszuhalten setzen.

*) S. Archenholz Minerva 1799, S. 168.

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Das Sterben durch Kälte und schlechte Nahrung bei dieser Armee wurde allgemein als überaus groß vorgestellt. Einen dauerhaften gegen Strapazen abgehärteten Körper kann man wohl dem Russen mit Recht zuschreiben. Außerdem aber, dass diese Härte überhaupt nicht so weit gehen dürfte, als man sich bisweilen vorstellt, so schützt sie gerade am wenigsten gegen die Folgen des Mangels an Bedeckung, und an ordentlicher Nahrung. An einen solchen Mangel ist selbst der gemeine Russe nicht gewöhnt, und kann sich wahrscheinlich eben so wenig als andere Menschen gewöhnen. Auch ist dies nicht etwa erste neuerlich so geworden. Man sieht es den Pelzen, welche vielen Schildwachen gegeben wurden, an, dass sie sehr alte Inventarstücke sind.

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Doch ich kehre zu dem inneren Charakter der Russen zurück, und komme natürlicher Weise auf ihre Tapferkeit. Ihnen diese in unseren Tagen absprechen zu wollen, fällt wohl keinem Menschen ein, fragen kann man aber dabei immer, ob sie ein Ereignis äußerer Notwendigkeit, oder eines inneren Drangs sei. Ist es dabei schwer, genau zu unterscheiden, was der einen oder dem andern zugeschrieben werden müsse, so ist es doch möglich, gewisse Tatsachen als charakteristisch aufzustellen. Das der gemeine Mann keinen Drang zu Kriegstaten fühlt und lieber sein bürgerliches Gewerbe treibt, als zur Armee abgeht, habe ich Ihnen schon in einem meiner vorigen Briefe gesagt. Mit den höheren Ständen im Allgemeinen hat es, nach dem,was ich gehört habe, fast gleiche Bewandtnis. Es dient zwar wohl der größte Teil des Adels bei der Armee, aber schwerlich in anderer Absicht, als dadurch Unterhalt, Anwartschaft auf Zivilstellen, Rang oder Reichtum zu erwerben, und zeichnet sich durch Tapferkeit weniger aus, als der gemeine Mann. Sie besinnen sich vielleicht auf die Frage, die einst in der Hamburger Zeitung stand; woher es wohl komme, das in den Totenlisten nach einer Schlacht oder der Einnahme einer Festung immer mehr ausländische als russische Namen zu finden wären.

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Wahrscheinlich offiziell wurde darauf geantwortet, das dies ganz natürlich zugehe, da so viele Deutsche und andere ursprünglich Fremde jetzt russische Untertanen wären, welche häufig in den Armeen Offiziersstellen erhielten. Diese Antwort würde man wohl nicht gegeben haben, wenn man gewusst hätte, das jene Frage von einem (nun verstorbenen) Liefländer kam, welcher eben den Vorzug seiner Landsleute ins Licht stellen wollte. Befriedigend war überdies jene Antwort gar nicht. Denn so groß auch die Menge der Offiziere von fremden Nationen sein mag, so ist denn doch die der russischen umstreitig viel größer, ob sich gleich diese eben nicht scheuen, gerade dann ihren Abschied zu nehmen, wenn sich Gelegenheit zu ernstlichen Diensten zeigt. Bei dem Ausbruch des letzten Türkenkrieges sollen ihrer drei hundert den Abschied begehrt und erhalten haben. Die Kaiserin war, wie man sagt, sehr unwillig darüber, und befahl, keinen dieser Feigen in einem Zivilamt. anzustellen.

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Nach dem Gange der menschlichen Natur kann man ihr diesen Unwillen wohl nicht verdenken. Wer sich in Friedenszeiten mit der Uniform brüstet, sollte dann, wenn er sie eigentlich verdienen kann, wenigstens so viel Scham haben, seine eigentlichen Gesinnungen zu verbergen. Indessen kann man auch manches zur Entschuldigung jener Uniformoffiziere anführen. Da einmal der Weg zu allen hohen Würden fast nur durch die Armee geht, so werden die jungen Leute oft, teils wider ihren Willen von den Eltern zum Militärstand bestimmt, teils von selbst genötigt ihn zu ergreifen, um dadurch dahin zu gelangen, wohin sie ihr guter Wille und ihre Fähigkeiten treiben. Hierzu kommt noch, das bei der allmählichen Aufklärung wohl mancher das Kriegshandwerk in so fern verabscheut, als es nicht zum Schutz des Vaterlandes, sondern zum Werkzeug, dasselbe über alle Maße mit Hinansetzung aller Gerechtigkeit zu vergrößern. Ich selbst habe einige junge Leute gekannt, die hauptsächlich deswegen ihre frühe Neigung zum Soldatenstand verloren.

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Auch kann ich den Russen keinen Vorwurf daraus machen, das se in alten Zeiten nicht begriffen, wie man um eines kärgliche Soldes willen in fremden Ländern Dienste nehmen könnte, und das sie auch jetzt dies schwerlich tun würden, wenn sie gleich in ihrem eignen nicht volle Gelegenheit hätten, durch Kriegsdienste alles zu erhalten, was sie nur gewähren können. Sie wissen, das Rousseau solche fremde Dienste sogar als verwerflich darstellt. Ohne ihm gerade unbedingt beizutreten, kann man wohl mit Grund so viel behaupten, das die Triebfeder, welche man als die edelste zu solchen fremden Diensten annimmt, das Streben nach Kriegsruhm, so unbedingt als es gemeiniglich genommen wird, eine sehr gefährliche Schwärmerei sei. Überdies wird wohl niemand leugnen, das der Mangel derselben dem russischen Reiche nicht sehr schädlich gewesen sei. Als es darauf ankam, sich von dem Loche der Tataren und der Polen zu befreien, hatte die Nation doch den gehörigen Mut, ohne die mancherlei Hebel zu gebrauchen, die man neuerlich gebraucht, um Russland zum Herrn des Nordens und des Südens zu machen.

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Viel Anlage zu irgend einer Art von Schwärmerei haben die Russen überhaupt nicht, und wenn Sie etwa glauben sollten, das eben der Mangel an Fähigkeit leicht in Enthusiasmus zu geraten, auf die große Eigennützigkeit des russischen Charakters hinweise, so würde ich diesen Glauben sehr verzeihlich finden. Man ist allerdings nicht wenig versucht, in der Regel, bei Mangel an warmen Gefühl überhaupt, vorzüglich Mangel an demjenigen zu denken, welche zur Uneigennützigkeit treibt; und das diese keine herrschende Tugend bei den Russen sei, haben alte und neue Schriftsteller direkte oder indirekte behauptet. Mehrere Tatsachen, die sie anführen, zu widerlegen, fällt mir nicht ein. Das es vor der neuen Ordnung der Dinge mit der Gerechtigkeitspflege schlecht gestanden hat, sagt die Kaiserin selbst in einer Ukase von 1762; und das es auch nach ihrer neuen Einrichtung nicht viel besser geworden sei, werden Sie aus meinen vorigen Briefen vermuten.

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Es ist ferner sehr wahr, das die Kaufleute, vom herumziehenden Zwiebelkrämer an bis zum eigentlichen Kaufmann, sehr häufig teils zu übersetzen, teils offenbar zu betrügen suchen. Man kann sich selten vor ihnen genug in acht nehmen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Überdies könnte ich das Gemälde von russischer Eigennützigkeit noch mit manchem sonderbaren Zuge versehen. Abgerechnet aber, das es einzelne sehr gerechte und edle Männer unter den Großen gibt, wie ich ebenfalls aus Erfahrung weiß, und das wohl auch unter den Kaufleuten Treu und Glauben nicht ganz verbannt ist, wie ich nicht nur vermute, weil überhaupt das Böse mehr als das Gute bemerkt wird, sondern wohl auch daher demonstrieren könnte, weil sonst aller Handel zwischen Russen und Ausländern aufgehört haben müsste --- abgerechnet sage ich, das von dem als herrschend angenommenen Grundcharakter immer Ausnahmen zugestanden werden müssen;

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so scheint mir, selbst unter einer solchen Voraussetzung, doch das gewöhnliche Gemälde nicht volle Wahrheit zu haben, zumal wenn man die Züge dazu aus dem innersten Wesen der Nation genommen zu haben vermeint. In dem vorliegenden Punkte, wie in manchen andern, der den Russen zur Last fällt, finde ich den Grund des Fehlers wenigstens zum Teil in äußeren Ursachen, und überdies, ihn selbst bei der ganzen Nation gar nicht in dem Maße, in welchem man den selben darzustellen sucht. Nach meiner Meinung muss man, wie überhaupt, so auch besonders in Rücksicht auf die Eigennützigkeit die Landleute nicht mit den Städtern in eine Klasse setzen. Da bei den letzten die innere Kultur noch weniger als in manchem andern Lande mit der äußeren, mit ihren Gewerben, Versuchungen und Genüssen in Verhältnis steht, so tragen sie auch häufiger die Spuren von einem solchen Missverhältnis. Unter den eigentlichen Bauern haben die Schriftsteller selten die Belege zu der vorgeworfenen Eigennützigkeit gesucht.

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Sie legen vielmehr denselben Eigenschaften bei, die schwerlich mit großer Eigennützigkeit bestehen können. Doch halte ich mich bei diesem Widerstreite nicht auf, sondern gehe zu meinen eigenen Erfahrungen über. Zur Zeit des großen Unterschieds zwischen den verschiedenen Geldnoten, machten sich mehrere Bauern auf mäßigen Gütern zur Ehre, ihren Kopfzins noch in Gold zu bezahlen, als es gegen Papier, worin schon längst die Abgaben gewöhnlich erlegt wurden, um zwanzig bis dreißig Prozent gewann. In meinen ersten Briefen habe ich schon angeführt, das die russischen Postknechte ein sehr kleines Trinkgeld bekommen und, die in den Städten etwa ausgenommen, verlangen. Eben so genügsam habe ich auch die Fuhrleute gefunden, mit denen ich in Gesellschaft zwei Reisen machte, und alle Bauern bei denen wir einkehrten. Wir waren elf Personen, die ohne etwas mehr als etwa Licht und Rahm zu kaufen,

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wovon der Verdienst sich über zwei Kopeken schwerlich belief, für eine Nachtherberge, für Holz zu mancherlei Feuerung des Abends und des Morgens und für Schuppenraum auf fünf Schlitten in der Regel zehn Kopeken Kupfer, an einigen Orten noch weniger, und, so viel ich weiß, nur einmal fünfzehn Kopeken geben mussten. Auch war der Preis gleich, wir mochten mit Post oder Fuhrleuten kommen, so das nicht etwa auf die Fütterung der Pferde mit gerechnet war. Und für eine solche Kleinigkeit ließ sich die ganze Familie aus ihrer Ordnung und Ruhe stören. Stets waren wir mit derselben in einer Stube, und doch zu zahlreich, zumal wenn wir fünf Fuhrleute mitbrachten, als was wir derselben hinlänglichen Raum zu Schlafstellen übrig gelassen hätten. Die Bänke waren von der Herrschaft, der Fussboden und der Ofen nebst der Pritsche von den Bedienten und Fuhrleuten besetzt. Auch legte sich der weibliche Teil der Bauernfamilie selten ordentlich schlafen. Man vergleiche nun den angeführten Preis mit dem, was der Reisende den Landsleuten in der Schweiz für Herberge bezahlen muss, und urteile, wo mehr Eigennutz herrscht.

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Wenn etwa die Schweizer sagen sollten, die Russen wären dumm, weil sie ihren Vorteil nicht besser verstünden, wie nach dem, was mir einst in einem ähnlichen Falle eine gemeine Schweizerin sagte,*) wohl geschehen könnte; so darf ich doch hoffen, das Sie einem solchen Verstande nicht unbedingt das Wort reden werden. Fragen dürften Sie aber vielleicht noch, ob nicht für die russischen Bauern zehn Kopeken eben so viel, als zehn Batzen für den Gebirgsbewohner der Schweiz wären. Hierauf wird es genug sein zu antworten, das einer von unsern Wirten jener Bauer war, der seinen Sohn mit sieben hundert Rubeln vom Soldatenstande losgekauft hatte. Wenn übrigens die Deutschen den Russen Arglist und Unredlichkeit beilegen, so erfahren die Altdeutschen in Moskau von den letzten gleichen Vorwurf.

*) Ich machte Sie auf den Unterschied der ehemaligen und der heutigen Schweizer halb im Ernste, halb im Scherze, aufmerksam. "Ja, sagte sie, jetzt sind sie nicht mehr so dumm wie sonst."

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In wie fern er gegründet sei, kann ich nicht sagen; hinzusetzen aber muss ich noch, das mancher Zug von Eigennützigkeit und Ungerechtigkeit, den ich Ihnen in meinen vorigen Briefen mitgeteilt habe, von Deutschen hergenommen war. Aus diesen bestand das ganze Zollamt in Riga, das lange so großen Widerwillen gegen sich erregte. Was endlich die grobe Sinnlichkeit und den Mangel an Delikatesse anlangt, so ist freilich davon die russische Nation so wenig als irgend eine andere, die mit ihr auf gleicher Stufe der Kultur steht, ganz frei zu sprechen. Ja ich will Ihnen nicht bergen, das ich selbst unter den höheren Ständen mehrere ausfallende Züge teils gehört, teils gesehen habe. Nur kann man gemeiniglich denselben andere entgegenstellen, die das allgemeine Urteil sehr einschränken müssen. Ich sah selbst unter den höheren Ständen manche auffallende Spur von Schmutz, und einst eine Stube, die demselben zum Originale dienen könnte.

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Auch findet man bei den Bauernhäusern höchst selten eine ordentliche Gelegenheit zur Entladung. Aber dies findet auch in manchen Gegenden Deutschlands und Frankreichs statt; und die Bauernstuben sind mitten in Russland, wie ich schon angeführt habe, reinlicher als in Liefland, Polen und bisweilen in Deutschland und Frankreich. Bei dem Körper lässt übrigens der häufige Gebrauch des Bades die Unreinlichkeit nicht aufkommen. Selbst die vornehmen Freuden- oder Jammerhäuser sollen oft in Petersburg eine Einrichtung haben, die den zwar nicht moralischen aber doch gewissermaßen delikaten Mann abschrecken; und in Moskau sah ich von einem äußerlich sehr seinem Manne, in Beziehung auf das Geschlecht, ein Benehmen, das mich empörte. Ein Weib nämlich, das männliche Kleidung angelegt hatte, um bequemer mit gewissen Kunststücken in den Häusern umher gehen zu können, kam auch in das Haus jenes Mannes, als er Gesellschaft bei sich hielt.

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Nachdem er einige Künste hatte zeigen lassen, fiel er entweder von selbst oder durch seinen Kammerdiener, auf den Gedanken des verdeckten Geschlechts, und gab, nachdem darüber gescherzt worden war, seinen Bedienten einen Wink, auf welchem sie eine brutale Verifizierung des Verdachts in einem Augenblick vornahmen --- und das in einem Zimmer, in oder bei welchem mehrere junge Leute von fünfzehn Jahren und sehr feine Damen sich befanden. Doch bei diesem hässlichen Zuge selbst war etwas, das hiervon keinen Schluss auf das allgemeine erlaubt. Das bitter klagende Weib versicherte, das es ein solches unanständiges Betragen noch in keinem Hause erfahren habe, und ließ sich schwer beruhigen. Auf gleiche Weise wird das Urteil, das sich auf die in jenen Häusern herrschende ekelhafte Wollust gründet, durch mancherlei Umstände sehr eingeschränkt. Sie hat nur einen engen Kreis. Selbst einen Kosaken hörte ich Abscheu davor ausdrücken. Überdies will man bemerkt haben, das die höheren Stände eben so gierig nach deutschen Mädchen sind, als etwa die englischen Nabobs in Indien nach europäischen.

--238--
Von einem nur gewöhnlich hübschen aus niedrigem Stande, und ohne alle erworbenen Talente, sagte mir ein Mann, der selbst aufgefordert worden war, für solche Ware zu sorgen,*) das es auf einen jährlichen Unterhalt von tausend Rubel rechnen könnte, wenn es sich den Lüsten eines Großen Preis geben wollte. Sehen sie übrigens dies zugleich als einen Beweis grober Sinnlichkeit an, so haben Sie wohl ganz Recht, nur das Sie ähnliche Beweise in jedem Lande finden werden. Bei den niederen Volksklassen habe ich ebenfalls, in Rücksicht auf den Geschlechtstrieb, nichts gefunden, das sie vor denen in andern Ländern sehr zum Nachteil auszeichnete, wenn ich nicht etwa dahin die, für eine Stadt, wie Moskau, überaus große Menge der im dasigen Findelhaus aufgenommenen Kinder rechne.

*) Dieser mann erfüllte die unbilligen Wünsche seines Patrons nicht --- sah aber auch die seinigen, die sehr billig waren, nicht erfüllt.

--239--
Man sollte in der Tat glauben, das bei der großen Leichtigkeit, Weib und Kind zu ernähren, und bei der Sitte, sich früh zu verheiraten, gegen das sechste Gebot im ganzen weniger gesündigt werde, als anderwärts. Führen Sie mir etwa dagegen die blutschänderischen Verbindungen an, die aus der Verheiratung unmündiger Knaben mit reifen Töchtern zwischen diesen und den Schwiegervätern entstehen sollen; so will ich zwar nicht leugnen, das sich hier und da solche Beispiele finden mögen; so allgemein aber, als sie vorgestellt werden, kann ich sie nicht annehmen. Nach dem, was ich gehört habe, werden die Bauernsöhne zwar sehr früh verheiratet, aber doch nicht in einem Alter, das Stellvertreter in der Ehe von einer oder der anderen Seite wünschen ließe. Endlich muss ich noch anmerken, das unter den niedrigen Volksklassen im ganzen das weibliche Geschlecht sich vor der Schande einer unehelichen Leibesfrucht eben so sehr, als in andern Ländern fürchtet, obgleich die Gesetze alles getan haben, was sie tun können, um jene Schande zu mildern.

--240--
Weder Strafe noch Untersuchung hat eine geschwängerte ledige Weibsperson zu befürchten. Auffallend ist manchen Fremden vielleicht das Kostüm, in welchem große und kleine Herren, sich nicht nur von ihren Klienten, sondern auch von ihres Gleichen, aufwarten lassen, oder Besuche annehmen. Sie halten der Tat nach, was die Könige und Fürsten in der Regel nur dem Namen nach halten --- Lever.*) Ein Brigadier z. B. der von Petersburg aus zur Revue nach Riga geschickt worden war, ließ erst das ganze versammelte Offizierskorps der Garnison und des dasigen Feldregiments bis gegen neun Uhr auf sich warten, und verrichtete dann in Gegenwart desselben alles, was des Morgens zur Reinlichkeit und zum Anzug gehört.

*) Von der Regel soll der verstorbene König von Schweden eine Ausnahme gemacht und stets das Lever in dem Augenblick eröffnet haben, wenn er sich das Hemd zum Anziehen reichen ließ.

--241--
Ein anderer Herr vollendete sogar seine Toilette in Gegenwart einer Dame, die im Range über ihn war. Dagegen weiß ich nichts zu setzen. Diese, in meinen Augen unanständige Sitte ist wahrscheinlich in Russland so allgemein, als man sagt. Anführen will ich aber ein Beispiel, welches zeigt, wie vorsichtig man sein muss, um nicht unbegründeten Sagen Glauben beizumessen. Ich hörte einst, ein russischer gebildeter Großer habe zu einer Gräfin, die mancherlei Tiere sehr liebte, scherzend gesagt, er wolle einen Beitrag zu ihrer Menagerie mit einem niedlichen Tierchen liefern, und dann eines vom Kopf genommen, um es ihr zu überreichen. Die Anekdote wurde von mehreren Personen, die sonst Glauben verdienten, mit dem Zusatz erzählt, das der Russe doch, ehe man sich versehe, zum Vorschein komme. Ich hatte Zweifel, wandte mich an die Gräfin selbst, und sagte ihr etwas ganz Neues.

--242--
Das der Hang zum Trunk unter den sogenannten gesitteten Ständen in Russland gar sehr geschwächt und, wie ich nach meinen Erfahrungen hinzusetzen muss, jetzt schwerlich viel stärker, als in manchen andern Ländern ist, werden Sie wohl schon aus Storchs Materialien wissen. Bloß die allgemeine Sitte, vor jeder Mahlzeit ein Gläschen gebranntes Wasser zu sich zu nehmen, ist etwas auszeichnendes, und wird es wohl lange noch bleiben. Wer einmal daran gewöhnt ist, hat außerdem keinen Appetit, vielleicht auch keine Verdauungsfähigkeit; und nicht nur die Eingeborenen sondern auch die meisten Ausländer gewöhnen sich daran, ohne im geringsten zu denken, das sie sich Schaden dadurch tun. Ja selbst einsichtsvolle Ärzte denken so wenig daran, das sie sogar jene Sitte als zweckmäßig in Norden ausdrücklich gut heissen.
Auch in den niederen Ständen herrscht der Hang zum Trunk gar nicht mehr in dem Grade, in welchem er sonst geherrscht haben soll. Das es nicht so leicht ist, ihn zu befriedigen als man denkt, habe ich Ihnen schon in einem anderen Briefe gesagt.

--243--
Hier will ich noch zweierlei bemerken: erstlich, das im eigentlichen Russland höchst wahrscheinlich bei weitem nicht so viel Branntwein getrunken wird, als in Liefland; zweitens, das ein großer Unterschied zwischen den Provinzen ist, nach dem die Menschen in großen Städten zusammen gedrängt oder auf dem Lande zerstreut leben. In Liefland hat nicht nur jedes Gut eine eigentliche Schenke, sondern auch bisweilen Nebentrinkörter, worunter z. B. die Mühlen gehören, die von manchem Gutsbesitzer eben deswegen angelegt werden, weil es da erlaubt ist Branntwein zu schenken. In Riga ferner sah ich häufigere Spuren des tollen Trinkens unter den gemeinen Russen männlichen und weiblichen Geschlechts, als in Petersburg und Moskau. Auch darf man nur die in Liefland verbrauchte Menge Branntweins gegen die in russischen Provinzen halten, um von der geringeren Konsumtion in diesen zu überzeugen.


--244--
Nach Storchs statistischen Tabellen (S. 23) werden in der Statthalterschaft Riga jährlich gegen 2,400,000 Wedro Branntwein konsumiert, und nach authentischen Nachrichten brauchte in gewissen Jahren die permische Statthalterschaft nur 164,831 Wedro, die pleskowsche 127,000 und die petersburgische 583,126.*) Welcher Unterschied in der Konsumtion bei fast gleicher Volksmenge! Diese ist sogar in der permischen Statthalterschaft noch um 250,000 Köpfe stärker --- Eben diese Angaben zeigen auch hinlänglich, was für einen Unterschied große Städte in dem Verbrauch des Branntweins machen. Nimmt man diese, die überall nicht als Muster guter Sitten aufgestellt werden können, und den erwähnten Gebrauch des Branntweins vor jeder Mahlzeit aus; **) setzt man hinzu,

*) S. Hupels Versuch, Th. I. S. 411.
**) Rechnet man auf jeden Menschen der diesen Gebrauch hat, wöchentlich nur eine halbe Dresdner Kanne und z. B. in der pleskowschen Statthalterschaft 20,000 Menschen, die so viel Konsumtion gegen 40,000 Wedro. Die übrigen 87,000 Wedro sind wohl nicht vielmehr ist, verbraucht wird. Und das der Gebrauch von diesem in Russland gering ist, verbraucht wird. Und das der Gebrauch von diesem in Russland gering ist, kann man schon aus den Zoll Listen sehen. Im Jahre 94 wurde nach Storchs Tabellen S. 125 für 734,565 Rubel Wein in Petersburg eingeführt. Selbst wenn man diese Summe wegen der unrichtigen Angaben verdoppelt, so ist sie sehr klein in Verhältnis mit den in andern Ländern. In einer sächsischen Stadt von ungefähr 10,000 Einwohnern wurde wenigstens für 9000 Rubel Wein getrunken. Hiernach kommen auf eine Million Menschen 900,000 Rubel für Wein. Der in Petersburg eingeführte aber ist wenigstens die Hälfte von dem, der in ganz Russland getrunken wird.

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das dagegen viel weniger Wein und selbst Bier getrunken wird; so kann man es wohl wahrscheinlich finden, das der Russe im ganzen entweder schon jetzt dem Trunke nicht mehr nachhänge als der Deutsche, Engländer, Franzose, oder doch mit gleichen Grad der Nüchternheit erhalten werde.

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Nach der Erfahrung gibt es keinen Fehler, der im allgemeinen so gewiss der Kultur weiche, als der Hang zur Völlerei. Wie sehr überdies man sich sonst demselben in Deutschland! Noch vor ungefähr dreißig Jahren tranken die Hammerherren in Sachsens Erzgebirge zum Schlaftrunk häufig einige Kannen Franzbranntwein, und bei Hochzeiten, Kindstaufen und anderen Gastmälern, in kurzer Zeit so viel, das sie schon nach dem ersten Gericht sämtlich vom Tische entfernt werden mussten. Mit solchen Trunkenbolden kann doch jetzt selten ein Mensch in Deutschland verglichen werden. Eben so findet sich in Moskau fast keine Spur mehr von der entsetzlichen allgemeinen Völlerei, wovon uns die alten Schriftsteller über Russland die ekelhaftesten Bilder entwerfen. Wie viel lässt sich also nicht hoffen, wenn die Kultur höher und allgemeiner sein wird!

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