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Ambrosius Bethmann Bernhardi (1756- 18o1)

Die literarischen Erzeugnisse von A.B. Bernhardi

Züge zu einem Gemälde des Russischen Reichs unter Catharina II.
gesammelt bey einem vieljährigen Aufenthalte in demselben. In vertrauten Briefen 1798.

Brief II.
Geldmasse in Silber, Kupfer und Banknoten. Geldmangel. Einfluss desselben auf das Verkehr und besonders den Zinsfuß. Reichtum des Staats, mitten in der Armut. S. 49-80

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Sie haben wahrscheinlich neuerlich eben so oft, als ich ehedem, von einem Jahre zum andern gehört, dass Russland Friede machen müsse, weil seine Finanzen den Krieg nicht länger aushalten könnten. Man sieht das Geld als den schlechterdings notwendigen Kriegshebel, und Russland als ein an sich armes und jetzt vollends an Geld erschöpftes Land an. Indessen werden Sie wohl auch bemerkt haben, dass dieser Armut ungeachtet der Krieg noch manches Jahr gedauert hat, nachdem man die Fortdauer desselben schon für unmöglich hielt. Da überdies in den neueren Zeiten erst Amerika* und dann Frankreich bewiesen hat, dass man auch mit wenig Geld tun kann; so sollte man freilich auf einen solchen Mangel nicht mehr so viel rechnen, als man noch immer tut. Ist denn aber Russland wirklich so geldarm, dass es in Rücksicht

* Versuch die Staatsverfassung des russischen Reichs darzustellen, von A.W. Hupel, Seite 321

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auf die Mittel zum Kriege der amerikanischen und französischen Republik an die Seite gesetzt werden kann? Herr Hupel wird ihnen darauf antworten, das die Geldmasse eines Landes, nie an sich, sondern nur im Vergleich mit einem andern, gross oder klein genannt werden, und dass selbst bei einer vergleichungsweise geringen Masse der Staat an wahrer Macht und Stärke den Vorzug vor demjenigen haben könne, welcher mehr Geld besitze; es komme dabei auf die Bedürfnisse, Einrichtungen und Verfassungen eines jeden Staates an, weil manches Reich mit weniger Geld weit mehr ausrichte, als andere mit ihren weit größeren Massen; und Papiergeld sei so gut wie klingende Münze, ja um der Bequemlichkeit willen noch besser. Dies alles hat auch in mancher Rücksicht seine gute Richtigkeit; wenn Herr Hupel es aber auf das russische Reich anwendet und überdies, gleichsam als ob er sich vor dem Resultate der Untersuchung über die Geldmasse in

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Russland fürchte, behauptet es sei unmöglich dieselbe zu ergründen: so scheinen mir da mancherlei Fehlschlüsse und solche Schwierigkeiten gemacht zu sein, die in der Tat bei solchen Fragen von keinem großen Belange sind. Schritt vor Schritt jene aufzudecken, und diese haben, würde ein lästiges und langweiliges Geschäft sein. Finden sie die Tatsachen, auf die ich mein Urteil über die absolute und zirkulierende Geldmasse in Russland gründe, hinlänglich, so werden Sie mir jenes Geschäft gern erlassen. Nach den zuverlässigen Angaben des Hofrat Herrmann in seine statistischen Schilderungen von Russland, sind von 1763 bis 1788; 76 Millionen Rubel in Silber und Gold und 54 Millionen in Kupfer geprägt worden. Da nun die noch vorhandene geringe Menge der vor 1763 geschlagene Silber- und Goldmünzen nur wenig in Betrachtung gezogen zu werden verdient, wie jeder weiss, der in Russland


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gewesen ist; *) so darf man nur für die Zeit von 1789 bis 1794 die jener Angabe verhältnismäßige Summe von 13 Millionen an Silber und Gold und 13 Millionen an Kupfer hinzusetzen, um die ganze im Reiche möglicher Weise vorhandene Summe von geprägtem russischen Geld zu haben. Läuft man dabei nicht Gefahr sich zu irren, so liegt der Irrtum gewiss nicht darin, dass man zu den bestimmten Angaben zu wenig, sondern darin, dass man zu viel gesetzt hat. Denn in jenen Jahren, wovon die Angaben bestimmt sind, wurde das schon vorhandene Silbergeld umgeprägt, und in den übrigen ist nur vom Zuwachse die Rede.**)

*Aus Erfahrung kann ich dies nur von dem europäischen Russland behaupten, nach dem Zeugnis von Personen aber, die in Sibirien gewesen sind, auch von diesen.

**Für das Kupfergeld kommt auch höchstens die angeführte Supplement-Summe heraus, wenn man mit Herrn Storch (f. dessen Gemälde des russischen Reiche) den jährlichen Ertrag der Kupferbergwerke auf 200.000 Pud* und den ganzen Anteil der Krone daran zu Münze geprägt annimmt.

* Anm. Pud war ein russisches Gewichtsmaß. 1 Pud = 40 Pfund (russisch) = 16,38 Kilogramm;

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Zu der ganzen Masse des Geldes in Russland muss man freilich noch sowohl das ausländische, welches hauptsächlich aus holländischen Dukaten und Thalern besteht, als die Bankassignationen rechnen, welche die Stelle des Geldes vertreten. Allein da teils die Masse der fremden Münzen allerdings schwer zu bestimmen ist, und die etwaigen Bestimmungsgründe die gegenwärtige Betrachtung unterbrechen würden, teils der Umlauf jenes Geldes sich hauptsächlich auf einen kleinen Strich in Liefland einschränkt: so bleibe ich hier bei der Masse des russischen Geldes stehen, und setze zu den obigen Angaben nur noch hinzu, das nach der Versicherung der Kaiserin nicht über hundert Millionen Banknoten ausgegeben werden sollen. Folglich beträgt die ganze mögliche Masse des russischen Geldes an 261 Millionen Rubel. Wie viel ist aber von dieser Summe wirklich noch im Reiche? Diese Frage bezieht sich hauptsächlich auf das Gold und Silber. Denn die geprägte Kupfermasse ist durch die Ausfuhr um weniger vermindert, wie die Natur des

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Kupfergeldes schon von selbst einsehen lässt, und die Banknoten haben auswärts um so weniger Kurs, da sie nicht wieder nach Russland gebracht werden dürfen. Bei den edleren Metallen könnte man zwar auch das Verbot sie ein- und auszuführen entgegen setzen, allein man weiss ja was ein solches Verbot vermag, wenn es nicht von der Natur der Sache unterstützt wird; und gesetzt die Strenge, mit der man in Russland darüber hält, sei hinreichend, so war doch die Krone in ihren langen Kriegen genötigt, sich über ihr eignes Gesetz zu erheben. Selbst die Truppen, die bei dem letzten polnisch russischen Kriege in Curland standen, wurden nicht wie gewöhnlich mit Kupfermünze oder Banknoten sondern mit russischen Silbergeld bezahlt. In solchem wurde auch dem General Fersen nach der Vertreibung der Russen aus Warschau die nötige Hilfe geschickt. Bei den langen Kriegen mit den Türken bedurfte die Krone ebenfalls des Silbers und Goldes, wenigstens zu den nötigen Mundvorräten, die sie aus

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Polen zog. Und wollte man annehmen, dazu wären bloss holländische Dukaten oder Thaler gebraucht worden; so liess sich gar nicht einsehen, woher denn der große Mangel an Silber- und Goldmünzen in Russland entstanden sein sollte. Woher aber auch dieser Mangel entstanden sei, so lässt sich wenigstens nicht bezweifeln, dass er da ist. Wer in den Jahren 1791 bis 1793 nach Petersburg oder Moskau gekommen wäre, ohne zu wissen, dass es russische Silber- und Goldmünzen gebe, der hätte sich leicht zu Monaten dort aufhalten, und viel Aufwand machen können, ohne etwas von der Existenz jener Münzen zu erfahren. In Kupfermünze oder den ihr gleichgestellten Banknoten wird der Handel im Großen wie im Kleinen getrieben, werden mit sehr wenigen Ausnahmen die Staatseinkünfte erhoben und die Gagen ausgezahlt, so das man gewiss nicht zu viel sagt, wenn man den Gebrauch des Silbers und Goldes zu dem des Kupfers und der Banknoten in dem Staate selbst wie Eins zu Fünfzig setzt. Gleichwohl war

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in den angeführten Jahren das Silber und Gold so schwer zubekommen, dass das Aufgeld, welches bei Einführung der Banknoten nur fünf bis sechs Prozent gewesen war, auf 40 bis 45 stieg. Mir ist es daher sehr wahrscheinlich, dass nicht fünf Millionen Rubel an Silber und Gold im Innern des Reichs zirkulieren; und rechnet man jetzt eben so viel für den Gebrauch der Krone im Ausland, so heisst dies gewiss sehr viel annehmen. Will man ferner nicht die wirklich vorhandene, sondern die zirkulierende Geldmasse bestimmen, so ist von167 Millionen in Kupfer und Banknoten, die nach obiger Angabe überhaupt im Reiche sind, ein großer Teil abzuziehen. Bei einer Bank, wie die russische, die zu jeder Zeit und in vielen Städten bereit, ist Noten zu realisieren oder für Münze zu geben, muss doch wohl stets ein großer Fond tot liegen. Und lässt sich nicht genau bestimmen, wie groß er sei, so nimmt man doch gewiss nicht zu viel an, wenn man die Summe der zirkulierenden

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russischen Silber- und Goldmünzen gegen den in den Häusern der Bank tot liegenden Fond aufgehen lässt. Ich hasse selbst den Schein von Übertreibung; sonst würde ich diese Summe wenigstens viermal höher angeben, und behaupten, dass höchstens 150 Millionen Rubel im Umlauf sind. Nimmt man aber auch die Zahl 167, so ist die für ein so ungeheures Reich immer sehr klein. Bei der letzten Umschmelzung des Goldes in Frankreich fand sich nur an diesem Metalle eine Summe von mehr als 764 Millionen Livres;*) und die ganze dort umlaufende Geldmasse belief sich nach einer wahrscheinlichen Berechnung auf mehr als 2000 Millionen Livres.

* Nach Posselts Annalen 1797, S.314, ist bei der Umschmelzung für 764,358144 Livres Gold in Münze geliefert worden. Da nun eben daselbst angegeben wird, dass von 1726 bis 1785 für 986,643388 Livres Geld geprägt worden ist, so sind mehr als zweihundert Millionen unumgeschmolzen geblieben. Rechnet man diese ganze Summe für die im Auslande vorhandenen französische Louis d'or und eine verhältnismäßige auch vom Silbergeld ab, das seit 1726 bis 1785 in Frankreich geprägt wurden ist, welches gewiss sehr viel ist: so kommt die Summe von zwei tausend Millionen Livres heraus, denn es wurden in der angegebenen Zeit über 1951 Millionen an Silber geprägt. Hierbei ist die große Masse des Kupfergeldes noch gar nicht gerechnet.

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Diese übersteigen das Vierfache der russischen Geldmasse, wenn man auch den Rubel zu drei Livres, das heißt, höher als nach dem jetzt gewöhnlichen Cours annimmt. Das angegebene Missverhältnis zwischen der Grösse des russischen Reichs und der Grösse der Geldmasse wird auch wenig vermindert, wenn man dazu die ausländischen Münzsorten rechnet, welche in Liefland zum gewöhnlichen Gebrauche dienen, in Reval und Petersburg zur Einrichtung eines Teils des Zolls notwendig sind und unter den grossen Kaufleuten des ganzen russischen Reichs zirkulieren. Bei diesen darf man nicht viel suchen. Die Städte an der Grenze von Polen ausgenommen, wo die holländischen

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Dukaten zum Teil im Handel gebraucht werden, bei der grossen Beschränkung desselben aber nicht in grosser Menge anzunehmen sind, kann man im innern Russlands keinen weiteren Gebrauch davon zu machen als den, die Reisenden damit einigermaßen zu versorgen, und das geschieht noch selten genug. Wer über Riga reist, versorgt sich an diesem Orte mit Dukaten. In Petersburg und Reval bedarf man zwar der holländischen oder Alberts-Thaler auch zum Zolle; aber nur ausländische Kaufleute, das heißt, die nicht Bürger sind, müssen die Hälfte desselben in dieser Münze bezahlen, und gleichwohl hat man oft so grosse Not auch die dazu gehörigen mittelmäßigen Summen in Petersburg selbst aufzubringen, dass man deswegen seine Zuflucht zu Riga nehmen muss. In einem Teil des rigaischen Gouvernements ist es freilich anders; da ist ohne Unterschied der ganze Zoll in Alberts Thalern zu bezahlen, da sind sie, was die Hauptsache ist, das gewöhnliche Geld. Allein erstlich erstreckt sich diese Art der Zahlung

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nur auf einige zwanzig Meilen von Riga nord- und ostwärts, und zweitens wird selbst in diesem Bezirk auf dem platten Lande sehr häufig nach Rubeln gerechnet. Wird ferner bei den Kaufleuten gewöhnlich die Rechnung nach Alberts Thalern bestimmt, so müssen doch diese sehr oft in Banknoten verwandelt werden. Alle Kronsbeamten bekommen in diesen ihren Gehalt, und selbst die Stadt erhält jährlich von der Krone 120 000 Rubel für ihren Anteil an dem Zolle, die ebenfalls angegeben werden. Ob daher gleich in Riga russisches Geld als Ware behandelt wird, deren Wert steigt und fällt, so kann man doch mit Grund behaupten, dass umlaufende Geld in Riga sowohl als dem eigentlichen Liefland wenigstens zur Hälfte russische Münze ist; und dies um so sicherer, da der Kurs derselben gegen holländische seit vielen Jahren schlecht steht. Bedenkt man endlich, das auf dem platten Lande überhaupt wenig Geld ist, und dass man bei der Berechnung der Geldmasse nur hauptsächlich auf Riga Rücksicht

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zunehmen hat: so wird man eine Annahme von fünf Millionen Alberts Thaler, oder nach dem jetzigen Kurs reduziert, von zehn Millionen Rubel an ausländischen Geld gewiss nicht zu klein sind. Und will man den Vergleich mit Frankreich fortsetzen, so muss man bedenken, dass daselbst bei den vorhergehenden Angaben das ausländische Geld auch nicht gerechnet ist und eine ansehnliche Masse ausmachte. Wie viel Piaster zirkulierten nicht bei dem Handel im grossen!
Wenn man aber bei einen solchen Vergleich Russland geldarm nennen kann, so fragt sich immer noch, ob diese Armut auch in Beziehung auf das Bedürfnis des Landes anzunehmen sei. Was Herr Hupel in dieser Rücksicht sagt, hat allerdings einigen Schein. Der grössere Teil der Nation bedarf keiner grossen Summen. Der gemeine Mann hat eingeschränkte Bedürfnisse, macht sich vieles selbst, was er in andern Ländern kauft, und der Kaufmann treibt oft grossen Handel durch bloßen Warentausch. Die Bedürfnisse der Krone ferner werden in

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manchen Stücken auf ähnliche Weise befriedigt. Die Armee z. B. wird zum einen mit Mundprovision in Natura versorgt. Dies hat alles seine Richtigkeit. wenn man aber daraus schließt, das Russland keiner großen Geldmasse bedürfe --sollte das, was zum Grunde angegeben wird, nicht viel mehr zum Teil eine Folge sein? Sollte man nicht mit Recht sagen können, die Naturalumtauschung der Waren und die Gewohnheit des gemeinen Mannes Bauer, Weber, Zimmermann, Maurer u.s.w. zugleich zu sein, komme eben daher, weil man nicht im Stande sei, zu dem Handel und der Bezahlung der Handwerker hinlängliches Geld aufzutreiben? Dieser umgekehrte Schluss bekommt auch um so vielmehr Wahrscheinlichkeit, da jene Gewohnheit, Handel oder vielerlei zugleich zu treiben, selbst in Russland in eben dem Maße abgenommen hat, in welchem das Geld vermehrt worden ist. Überhaupt ist es sonderbar zu behaupten, ein Land sei nicht arm an Gelde, weil es dessen genug zu seinen Bedürfnissen habe; denn nach dieser Art zu schließen,

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ist gar kein Land geldarm. Die Not zwingt es wohl, seinen Bedürfnissen auch ohne Vermittlung des allgemeinen auch ohne Vermittlung des allgemeinen Zeichens allen Wertes abzuhelfen. Die Frage ist aber eigentlich, ob dies eben so gut geschehe, als durch Geld? und ein Land ist dann arm daran, wenn die geringe Masse desselben den Handel erschwert, die Fortschritte des Kunstfleißes hemmt und die Annehmlichkeiten des Lebens im Ganzen vermindert. Wie viel von allen diesen Folgen der Armut eines Staates in Russland sichtbar ist; will ich nicht weitläufig auseinander setzen; nur dies will ich anführen, dass dort der Geldmangel den Verkehr im Großen erschwert und manchen Schaden nach sich zieht. Die Schwierigkeit Geld aufzutreiben ist oft sehr gross und der Zinsfuss, auf welchem es ausgeliehen wird, sehr hoch, wie aus Tatsachen erhellet.
Nach den Gesetzen sollen nur fünf Prozent Interessen genommen werden; um diesen Preis aber wird in dem eigentlichen Russland sehr wenig Geld ausgeliehen.

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In Petersburg wurde mir versichert, das zwölf Prozent unter den besten Handelsfreunden genommen würden, und genommen werden könnten; der Handel bringe dies reichlich wieder ein. Dieser Zusatz macht den Schluss von den hohen Interessen auf den Geldmangel allerdings schwierig. Auch in Batavia, einem der reichsten Orte der Erde, kann man einwenden, steigen die Interessen bis zu zehn von Hundert; die Höhe derselben kommt nicht vom Mangel an Geld, sondern von dem Überfluss der Spekulanten und dem ungeheuren Gewinne her, der bei dem Handel gemacht wird. Wenn man aber den Unterschied der Lage des Handels in Batavia und in Petersburg in Betrachtung zieht, so lässt sich schwerlich das, was für eine Stadt wahr ist, auch auf die andre anwenden. In Petersburg hat der Kaufmann nicht wie in Batavia ein Handelsmonopolium, und überall, wo der Handel frei ist, bringt die Konkurrenz der Kaufleute den Preis der Waren und folglich auch des Geldes herunter, wenn nicht ein verhältnismäßiger Mangel daran ist.

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Es hat also für Russland die allgemeine Regel wohl ihre gute Richtigkeit, dass da, wo hohe Interessen genommen werden, auch verhältnismäßig wenig Geld ist. Gesetzt aber man fände doch bei diesen Ausspruch noch Schwierigkeiten, in sofern er sich bloss auf die hohen Zinsen stützt, die von Kaufleuten gegeben werden, gesetzt man schriebe dieselben weniger dem Mangel an Geld, als der Klugheit der Menschen zu, die ihr Vergnügen nicht unsichern Händen anvertrauen wollen: so wird man auch diese Einwendung aufgeben müssen; da nicht nur bei großer Sicherheit überhaupt, sondern auch bei der, welche aus gerichtlicher Verpfändung liegender Gründe entsteht, im eigentlichen Russland gewöhnlich sieben bis zehn Prozent bezahlt werden. Überdies verbindet man nicht selten großen Gewinn mit großer Sicherheit auf eine besondere Art. Man lässt sich nämlich ein Gut unter der Bedingung verpfänden, dass es bei ausbleibender Zahlung dem Gläubiger zufalle, und während der Zeit, für welche das Kapital geborgt ist, statt der

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Interessen die Einkünfte des Gutes gerechnet werden. Ein solcher Kontrakt, der bei uns null und nichtig sein würde, hat nicht nur in Russland seine Gültigkeit, sondern auch oft seinen Erfolg, so gross der Schaden ist, der daraus für den Notleidenden entsteht, und für so unbillig der Vorteil angesehen wird, den der Gläubiger aus der Verlegenheit des Schuldners zieht. Wäre bei uns ein solcher Kontrakt auch nicht durch die Gesetze verboten, so würde er doch schwerlich jetzt einen Erfolg haben. Es fehlt weder an Liebhabern zu Gütern, noch an Gelde dazu. An jenen fehlt es auch in Russland nicht, wohl aber an diesem. Ich habe mit eignen Augen gesehen, wie viel Mühe es in Moskau kostete, zehntausend Rubel aufzubringen, um der Habsucht ein so verpfändetes Gut zu entreißen; und doch wurde es noch mit Schaden verkauft. Die Schwierigkeit Geld zu erhalten fällt Anfangs noch mehr auf, wenn man weiss, das die Bank in Petersburg und das mit dem Findelhause zu Moskau verbundene Lombard zu fünf Prozent auf Güter leiht.

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Bei näherer Überlegung und bei eingezogener Erkundigung fällt aber freilich die Verwunderung. Ehe die Bank errichtet und das Papiergeld eingeführt wurde, waren die Interessen noch viel höher als jetzt. Ich weiss das ein Mann, der ansehnliche, schuldenfreie Güter besaß, und so pünktlich in Erfüllung seines Wortes war, als man es nur immer sein kann, einst dreißig Prozent Interessen geben musste, als er einer mäßigen Summe bedurfte, um das Kaufgeld eines neuen Guts aufzubringen.
Als die Bank sich erbot zu niedrigen Interessen Geld auszuleihen, wurde wahrscheinlich bald ihr ganzer, zum Verborgen bestimmter Fond erschöpft. Ob nun wohl jährlich außer den Interessen auch drei Prozent vom Kapital abzutragen und überdies Gelder, besonders von dem Vermögen der Unmündigen, bei der Bank niedergelegt werden:*) so waren sie

*) Anfangs betrugen diese Gelder 5 Prozent und folglich war die erste Einrichtung bloß zum Vorteil des Borgenden gemacht. Jetzt soll sie aber etwas abwerfen, oder wenigstens die Kosten der Bank decken helfen; daher werden jetzt nur vier und ein halber Prozent.

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doch nicht hinreichend, jedes Begehren zu erfüllen. Die Konkurrenz der Bittenden wurde stark, und man bedurfte der Gunst, um ein Kapital zu erhalten. Wenn man aber einmal der Gunst bedarf, so scheut man auch keine Mittel sie zu erhalten. Es wurde Gebrauch durch Geschenke ein Kapital aus jenen öffentlichen Fonds auf gesetzmäßige Interessen zu erlangen. Wogen diese Geschenke anfangs nicht ganz den Vorteil auf, den man erhielt, so wurden sie doch nach und nach so erhöht, dass die Interessen der Tat nach zu sieben bis acht Prozent stiegen. Da man nun überdies jährlich, wie gesagt, einen Teil des Kapitals abtragen musste, so machte dies in der Benutzung der Bank eine Schwierigkeit mehr.
Was das Lombard bei dem Findelhause in Moskau anbelangt, so hatte es wahrscheinlich nur deswegen auch große Summen auf Güter zu verleihen sich erboten, weil es zu

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einer gewissen Zeit fürchtete, nicht seinen ganzen Fond auf bewegliche Pfänder anlegen zu können. Denn Gelder auf diese bringen allerdings mehr ein. Es ist da Gebrauch, wenn auch nicht Gesetz, dass mehr als fünf Prozent genommen werden; wie viel eigentlich, habe ich nicht erfahren können. Auch mag es wohl nicht recht bestimmt sein. Wenigstens scheint das mit dem Findelhause zu Petersburg verbundene Lombard gar keiner bestimmten Regel zu folgen. Ich weiss von Leuten, die sich mehrere Male desselben bedient hatten, dass ihnen bald mehr bald weniger Interessen abgefordert worden waren. Überdies herrscht auch noch der Glaube, das in Moskau die Pfänder, wenn sie nicht zu gehöriger Zeit eingelöst werden, gänzlich verfallen. Zur Ehre des Findelhause, das in der Tat eine schöne Anstalt ist, und in mehr als einer Rücksicht gut verwaltet wird, halte ich jenen Glauben für unbegründet. Indessen ist er, selbst bei seinem Ungrunde, geschickt, das Findelhaus zu bereichern, und die Willfährigkeit, große Summen

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auf liegende Gründe auszugeben, zu vermindern. Denn so viel ist gewiss, dass die zu einer bestimmten Zeit nicht eingelösten Pfänder verkauft werden, und das dann bei jenem Glauben die Eigentümer sich nicht weiter darum bekümmern.
Bis jetzt habe ich nur von dem eigentlichen Russland gesprochen. In Liefland ist es mit den Interessen etwas anders beschaffen. Ehedem waren sie da gesetzmäßig auf sechs Prozent eingeschränkt; und bei Hypotheken wurde wohl nie mehr bezahlt. Als ferner im Jahre 1786 der Zinsfuss auf fünf Prozent herunter gesetzt wurde, überschritt man ihn so offenbar nicht, als in dem eigentlichen Russland. Nur bei kleinen Summen und zwischen Personen, die kein Misstrauen in einander setzen, wurde es bei dem alten gelassen. Dagegen kündigten viele Personen, welche mit den geringeren Interessen nichtzufrieden waren, ihre Kapitale auf, und nahmen mancherlei Massregeln, um ihr Geld noch eben so hoch als zuvor zu nutzen. Sie kauften sich Güter, oder schafften ihr

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Geld nach Curland, wo sechs Prozent gesetzmäßig blieben. Auch bei den Kaufleuten in Riga konnten sie es so hoch, ja noch höher ohne Gefahr von Seiten der Gesetze nützen; denn unter diesen blieb alles auf dem alten Fuss, der sogar gewissermaßen von der Regierung bestätigt wurde. Bei denselben war es nämlich, wie an manchen andern großen Handelsplätzen, gewöhnlich, sich bei Geldern die nur auf Monate aufgenommen werden, an die eingeführten Gesetze wegen der Interessen nicht zu binden. Als nun diese Observanz von dem neuen Gesetz, das allgemein fünf Prozent bestimmte, aufgehoben schien, entstand kein kleines Missvergnügen unter den Kaufleuten. An gesetzmäßige Aussprüche bei den Gerichten gewohnt, fürchteten sie, dass viele Personen, welche bisher ihr Geld auf dem Platze gegen ansehnliche Zinsen hatten laufen lassen, die Bereitwilligkeit dazu verlieren möchten, wenn sie nachdem Rechte mit dem Verluste ihrer Kapitale bedroht wären. Sie wandten sich also mit Vorstellungen an den damaligen Gouverneur

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und dieser erklärte, jenes Gesetz träfe den Umlauf des Geldes bei dem Handel gar nicht; dabei käme es, nach seinem eignen Ausdrucke, auf Kontrakte an, und diese würden keinen neuen Bedingungen unterworfen. Es ist daher nicht seltenes, dass sieben bis acht Prozent auch jetzt noch von den Kaufleuten bezahlt werden. Aus dieser Möglichkeit sein Geld hoch zu nutzen, und aus den vorher angeführten Mitteln dazu, entstand für die Besitzer von liegenden Gründen manche Verlegenheit. Ich weiss Beispiele, das auf ganz unverschuldete Güter nach langem suchen doch nicht anders, als auf sechs Prozent, mäßige Summen zu bekommen waren. Und dies alles zeigt doch wohl, dass auch in Liefland ein gewisser Mangel an Gelde ist. Ich kann mich nicht enthalten, hier noch einige Anmerkungen über die Einschränkung der Zinsen zu machen. Man kann wohl mit Grunde fragen, ob sie gerecht sei? Anfangs wenigstens begünstigt sie offenbar den Vorteil des einen Teils zum Schaden des andern; und dies gar nicht nach den Regeln

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der Billigkeit. Wie oft geschieht es nicht, dass eben der Reiche, welcher nie genug hat, und indem er Kapital aufnimmt, um seine Besitzungen oder seinen Handel zu erweitern, selbst bei den hohen Interessen, die er bezahlt, großen Vorteil zieht? Dieser wird durch des Zinsfußes noch vermehrt, während viele Personen, die von den ausgeliehenen Kapital schon sparsam leben müssen, um einen Teil desselben gebracht werden; denn ob sie einen Teil des Kapitals oder einen Teil der jährlichen Interessen verlieren ist im Grunde eins. Es ist bei Teilung von Erbschaften, und bei dem Verkauf von Gütern schon schlimm genug, das zufällige Umstände den Anfangs gleichscheinenden Wert oft sehr ungleich machen -- und vermehrt nicht die plötzliche Herabsetzung der Zinsen durch ein Gesetz jene Ungleichheit noch um vieles? Überdies trifft gewöhnlich der durch das Gesetz verursachte Verlust meistenteils nur redliche Staatsbürger. Die unredlichen wissen auf mancherlei Weise sich dem Gesetz zu

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entziehen. Sie schaffen das Geld allen Verbotes ungeachtet aus dem Lande, oder wissen auch solche Maßregeln zu nehmen, dass selbst innerhalb desselben ihr Vorteil gesichert wird. Ja eben die Gefahr, die dem Anschein nach mit dem Vertrag widerrechtlicher Interessen verbunden ist, veranlasst noch zu höheren, als außerdem gefordert werden würde. Es ist offenbar, dass die von dem Wucherer schon deswegen erhöht werden können, weil er keine solche Konkurrenz zu fürchten hat, als bei völliger Freiheit im Zinsfusse statt finden würde. Bei dieser setzen sich die Vorteile des Schuldners und Gläubigers leicht in ein angemessenes Verhältnis. Ist mit dem Gelde im Handel oder bei dem Ankauf von Gütern viel zu gewinnen, so teilt diesen Gewinn auch derjenige, welcher Kapital ausleiht; denn bei großem Gewinne wird es nicht an einer Menge Leute fehlen, die Geld suchen und es dadurch kostbar machen. Am Ende soll die Einschränkung der Zinsen doch nur denjenigen schützen, welcher zur Zeit der Not Geld aufnehmen muss,

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oder den Unbedachtsamen, der nicht rechnen gelernt hat, vor der Gefahr der Verschwendung bewahren. Schützt sie denn aber jenen und bewahrt sie diesen wirklich? Die bejahende Antwort widerspricht aller Erfahrungen. Könnte man auch alle Kunstgriffe des Wuchers durchdringen, wenn sie vor Gericht gebracht werden, so wäre denn doch nur wenig dabei gewonnen. Gegen einen Fall, wobei es einmal dahin kommt, gibt es ihrer hundert, die in der Verborgenheit bleiben. Man lasse also die Wuchergesetze ganz bei Seite. Im Großen wird sich der Zinsfuss schon von selbst nach dem Vorrat von Geld und dem Vorteil, der daraus zu ziehen ist, richten, und im Kleinen wird den Unbilligkeiten am besten nicht durch Wuchergesetze, sondern durch ein Leihhaus gesteuert. Sollte man auch da entweder gesetzlich oder durch Umwege etwas mehr Interessen nehmen, als bei großen Kapitalen genommen zu werden pflegt; so ist dieses Übermass doch eine Kleinigkeit gegen den ungeheuren Raub, den die Gewinnsucht jetzt

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an den Bedürftigen, aller Gesetze ungeachtet, begeht. Es werden in Moskau wie in Petersburg bei dem Leihhause höhere Zinsen genommen, als gesetzmäßig sind, und doch findet man dieselben sehr billig. Auch haben diese Leihhäuser an jenen Orten die Privatwucherer auf Pfänder fast gänzlich vertrieben. Ich komme auf den Hauptgegenstand zurück. Russland ist arm an Geld nicht um in Vergleich mit andern Ländern, sondern auch in Beziehung auf die Bedürfnisse seiner Einwohner. Ist es denn aber auch arm in Beziehung auf die Bedürfnisse, welchen es als Staat unterworfen ist? -- Man hört nicht selten sagen: dieser oder jener Staat ist arm, aber seine Einwohner sind reich; und sollte man nicht auch umgekehrt behaupten können, ein Staat sei reich, wenn gleich die Einwohner desselben arm sind? Jener ist nur dann offenbar arm, wenn er nicht die Mittel enthält, die Einrichtungen zu unterhalten, die zur Sicherheit teils der einzelnen Bürger, teil des Ganzen notwendig sind. In beiden Rücksichten ist Russland

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eher reich als arm. Die Staatseinkünfte sind höchstwahrscheinlich mit den Ausgaben in Friedenszeiten nicht nur in Gleichgewicht, sondern überwiegend, nachdem sie auf einmal größtenteils um die Hälfte höher angesetzt sind, als sie noch im Jahre 1792 waren. Denn sollten die erhöhten Einkünfte nicht das ehemalige Defizit mehr als hinlänglich decken; so ließe sich gar nicht begreifen, wie es mitten in einem langwierigen Krieg hindurch hätte ertragen werden können, ohne, halt sehr sichtbar zu werden.*) Eben deswegen ist auch gar

*) Ich sage bald; - denn am Ende des letzten Türkenkriegs zeigten manche Finanzoperationen und denselben vorhergehende Umstände allerdings, dass die Krone um Geld verlegen war. Die Matrosen bekamen ihren Sold nicht ordentlich ausgezahlt; die Anweisungen auf die Kronskasse verloren gegen vierzehn Prozent; die Stellung der Rekruten wurde erstmal in Geld verwandelt, der Mann zu 400 Rubel gerechnet; und der Preis des Branntweins noch einmal so hoch gesetzt als er zuvor stand. Erst nach diesen Finanzoperationen, die das Defizit nicht hinlänglich deckten, wurden die Abgaben erhöht.

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nicht zu fürchten, dass es dem russischen Staat je an Geld in Kriegen fehlen werde, welche bloß darauf zwecken, sich gegen auswärtige Mächte zu schützen. Ein großer Staat kann überhaupt nur dann aus Mangel an Geld zu einem nachteiligen Frieden gezwungen werden, wenn er die Bedürfnisse des Krieges von dem Ausland in großem Maße ziehen muss, oder die schon sehr hohen Abgaben nicht hinreichen, selbst wenige außerordentliche Ausgaben zu decken. Dies ist aber in Russland nicht der Fall. Es hat Getreide und Eisen, Leder und Tuch, Hanf und Holz, kurz alles was zum Land- und Seekrieg erfordert wird; und die Abgaben scheinen selbst zu außerordentlichen Ausgaben hinreichend.*)

*) Man ist versucht hinzu zu setzen, dass die Abgaben auch noch vermehrt werden könnten, ohne drückend zu werden, wenn man bedenkt, dass sie geringer sind als in allen europäischen Staaten, die Türkei ausgenommen. Allein man muss dagegen auch die geringe Geldmasse in Betrachtung ziehen. Wenn ein Staat schon ein Drittel des ganzen vorhandenen Geldes in seine Kassen zieht, so ist es wenigstens nicht ausgemacht, ob er die anziehende Kraft ohne Nachteil der Untertanen und folglich des Ganzen vermehren kann.

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Sechs Millionen Rubel, als wie hoch jetzt die Einkünfte der Krone angenommen werden können, sind freilich bei weiten nicht so viel, als verhältnismäßig bei anderen großen europäischen Staaten von den Untertanen erhoben wird. England erhebt gegen 200 Millionen, und Frankreich erhob vor der Revolution fast nicht weniger. Bedenkt man aber wie viel bei diesen Staaten für die Zahlung der Interessen abgeht oder abging; bedenkt man um wie viel höher jenen Mächten die Unterhaltung der Staatsbeamten und der Armee zu stehen kommt, und wie viel Kriegsbedürfnisse sie aus fremden Ländern ziehen müssen, so wird man nicht zweifeln, dass Russland, selbst bei einem viel geringeren Einkommen, doch weit besser im Kriege und im Friede steht. Es werde daher sehr lächerlich sein, wenn man behauptete, Russland könne gar keinen neuen Krieg aus Mangel an Geld aushalten.

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So lange es nur verteidigungsweise geht, wird es alle Nachbarn, so wie in vielen andern Punkten, so auch im Punkte des Geldes, überwiegen. Ob dies auch bei einem sehr entfernten Kriegsschauplatz noch statt finde, ist eine andere Frage. Schon bei den Kriegen mit den Türken und Polen war viel Silbergeld notwendig; und das kann Russland freilich, ohne auswärts zu borgen, jetzt nicht in großer Menge aufbringen. Will man in dieser Rücksicht Russland, als Staat, arm nennen, so hat man allerdings Grund dazu; man hat aber auch Grund diese Armut glücklich zu nennen, glücklich für das Inland und für das Ausland. Ist sie auch nicht immer eine unüberwindliche Schutzwehr gegen Verheerung weit entfernter Länder und Menschen, so ist sie es doch oft. Mit diesen trostreichen Gedanken schließe ich den gegenwärtigen Brief, und verspare meine übrigen Bemerkungen über den Geldstand in Russland auf den künftigen.

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Ich habe an mehreren Orten beiläufig gesagt, dass jetzt der Wechselkurs für Russland sehr nachteilig ist. Woher kommt dieser Fall des russischen Geldes? Ist denn nicht der Kurs jedem Land günstig, wo die Handelsbilanz vorteilhaft ist; und liest man nicht überall, dass Russland viel mehr aus als einführt? Hierauf antworte ich ihnen zuerst, dass, wenn gleich die Handelsbilanz vorteilhaft im Ganzen sein mag, sie es doch bei weitem nicht in dem Grade ist, welchen man anzunehmen pflegt. Man legt dabei gewöhnlich die Angaben der Kaufleute bei den Zollämtern zu Grunde, welche aber in einem hohen Grade unsicher sind. Bei den auszuführenden Waren kommt es meistenteils zur Bestimmung des Zoll auf Mass und Gewicht an; dieses kann ohne große Weitläufigkeit nicht falsch angegeben werden, wird

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es um so weniger, da eine Unrichtigkeit nur selten großen Gewinn verschafft. Bei den eingeführten Waren hingegen dient in vielen Fällen der Preis zur Bestimmung des sehr hohen Zolls; und da kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass nicht der volle Einkaufspreis angegeben wird.*) Ferner können die auszuführenden Waren, welche große Massen ausmachen, als Holz, Hanf u.s.w. und aus dem Hafen keine Schleichwege finden, selten den Zoll ganz übergehen, diejenigen hingegen, welche eingeführt werden, sind größtenteils viel leichter zu verbergen.

*) Hr. Herrmann in der statist. Schilderung von Russland, S. 429 und Herr Storch in dem Gem. v. P. Th II S. 29, behaupten zwar, dass die Kaufleute ihre Waren nicht selten sogar über den Einkaufspreis angeben, um sie vor der Anmaßung der Zollbedienten zu schützen. Allein dagegen gibt es ein anderes Mittel, und die Fälle sind wohl höchst selten, wo der Kaufmann nicht gern eine große Partie Waren auf einmal mit einem Gewinne von 20 Prozent absetzen. Überdies sind jener Behauptung meinen Beobachtungen, wo ich noch in einem anderen Briefe etwas sagen werde, ganz zuwider.

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Die Schiffe haben ihre geheimen Gemächer, die sie der Untersuchung der Zollbeamten mit und wider ihren Willen zu entziehen wissen. Und wie viel unverzollte Waren kommen nicht unmittelbar nur aus Mietau? Es fährt selten jemand von Riga dahin, ohne bei der Rückkehr etwas einzuschleifen, und manche Person hat bei dieser Fahrt keine andere Absicht als diese. Eine gewisse Generalin machte sonst jährlich diese Reise, um sich nicht nur mit Kleidung sondern sogar mit Zucker und Kaffee zu versorgen, bis sie einmal, aller Versuchung auf Generalparole ungeachtet, angehalten und gestraft wurde. Überdies ist mir versichert worden, das es auf den Grenzen von Polen und Curland ganze Banden von Schleichländler gibt, die selbst großen Massen Eingang zu verschaffen wissen. Daher in manchen Gegenden der Franzbranntwein z.B. nicht einmal so viel kosten soll, als an Zoll dafür zu bezahlen ist. Zu diesen Bemerkungen füge ich noch eine, welche das aufgestellte Resultat zu keiner geringen Wahrscheinlichkeit bringt.


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Der Ertrag der konfiszierten Waren fällt in Riga dem Kollegium der allgemeinen Fürsorge zu. Als nun im Jahre 92 eine Ukase befahl, dass alle französische eingeschlichenen Waren nicht verkauft, sondern vernichtet werden sollten, verlor das Kollegium, nach der Versicherung eines Glieds desselben, jährlich an Einnahme wenigstens 10000 Thaler Alberts, eine Summe, wenn man bedenkt, dass viele französische Waren durch andere ersetzt werden mussten, und die Summe der entdeckten gewiss weit übersteigt. Eine etwas sichere Berechnung der Handelsvorteile für das ganze Land, als die nach den Angaben der Zollbücher ist, würde vielleicht nach der Masse des eingeführten Goldes und Silber in Verbindung mit der Masse des zirkulierenden Geldes gemacht werden können. Da nämlich in Russland, Liefland ausgenommen, ausländisches Geld sehr wenig oder gar nicht im Umlauf ist, und bei einer vorteilhaften Handelsbilanz doch am Ende allen Überschuss in Gold und Silber abgetragen

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werden muss; so kommt es auf zweierlei an: erstlich zu bestimmen, wie viel russisches Geld aus den von außen eingekommenen edlen Metallen geprägt worden ist,*) und zweitens ob sich die Masse des holländischen Geldes in Liefland vermehrt oder vermindert hat.

*) Wenn man die eingekommenen Summen selbst als Maßstab des Gewinns ansehe, so würde man sich wenigstens für Riga irren, weil von da aus ein großer Teil jener Summen nach Curland und Litauen für Waren geht. Bei dem Handel in Petersburg ist es etwas anderes; da werden die verschifften Waren fast ohne Ausnahme entweder mit russischen Gelde oder durch Gegenrechnung bezahlt; da kann man also mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit das von außen einkommende Silber und Gold als den Wert des gesamten Gewinns ansehen. Klein erscheint es aber auch nach diesem Maßstab. Herr Storch gibt (S. 31) jährlich den Wert von 337,064 S. Rubel an, und Herr Herrmann im a. B. auf acht Jahre nur einen Wert von 732,323 S. Rubel. Übrigens ist es sehr sonderbar, wenn Herr Storch zu dem Handelsgewinne, den er durch das Abziehen der Einfuhr von Ausfuhr angibt, noch besonders das eingeführte Gold und Silber rechnen. Darin besteht ja die Zahlung des Überschusses der ausgeführten Waren.

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Das Erste kann man jährlich zwar gar nicht, und für einen gewissen Zeitraum auch nicht ganz bestimmt; wer aber viele Jahre hintereinander die rigaischen Handelsgeschäfte mit Aufmerksamkeit verfolgt, und die Größe der selben gegen den Mangel oder dem Überfluss des Geldes abwiegt, der kann wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit angeben, ob sich die Masse desselben in Zeit von zehn Jahren vermehrt oder vermindert hat. Wäre dieser Maßstab, wie es scheint, hinlänglich; so dürfte der Handelsgewinn in den letzten zehn Jahren höchstens auf die Summen bestimmt werden, welche von der Krone zu Rubeln gemünzt worden sind. Denn nach allen Äußerungen erfahrner Kaufleute, ist das holländische Geld in diesem Zeitraum nicht vermehrt sondern vermindert worden. Doch ich kehre zu der Hauptfrage zurück; woher kommt der schlechte Wechselkurs? Wird er auch nicht mehr so auffallend, wenn man annimmt, dass die Handelsbilanz für

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Russland bei weitem nicht so vorteilhaft ist, als man gewöhnlich denkt, so muss er doch noch einen anderen Grund haben; und dieser liegt, wie mir es scheint, in der Einrichtung der Bank. Die Gründung derselben im Jahre 79 macht Epoche in der Regierung der Kaiserin Katharina II. und wird in dem Petersburger Kalender als solche angeführt. Auch lässt sich wohl behaupten, dass die Bank eine Wohltat für das russische Reich unter den Umständen war, unter welchen sie errichtet wurde. Wenn aber Schriftsteller den allgemeinen, uneingeschränkten Nutzen derselben behaupten, so begreife ich eine solche Behauptung nicht. Ist irgend ein Schluss von der Beschaffenheit einer Anstalt auf die Motive derselben richtig, so ist es der, dass aus Mangel an gutem Geld Papiergeld eingeführt, und dieses auf Kupfer gestellt wurde. Wann geschah denn die Einrichtung der Bank? -- nach einem langen Krieg, der große Summen aus dem Reiche gezogen hatte. Und wo wurde sie eingeführt? -- in einem Reiche, das überhaupt wenig Geld hat.


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verfolgt man ferner die Operationen der Bank, so erscheint sie noch mehr als eine Nothilfe. Anfangs war die kleinste Banknote auf 25 Rubel gestellt. Dabei blieb immer noch Gold und Silber im Gange. In dem letzten Türkenkrieg aber, der wiederum Geld aus dem Reiche zog, wurden Noten von fünf und zehn Rubel eingeführt. Dass dadurch Bequemlichkeit im Handel hervorgebracht wurde, ist allerdings war, aber bloss deswegen, weil Gold und Silber immer seltener wurden. In welchem Land hat man es wohl je unbequem gefunden, fünf bis zehn Rubel in guterklingender Münze auszuzahlen? Endlich bekommt die Meinung, dass der Mangel daran in Russland das Papiergeld schuf, ein großes Gewicht dadurch, dass es auf Kupfer gestellt ist. Dieser Umstand würde von keiner Bedeutung sein, wenn Kupfermünze zuvor das gewöhnliche Geld gewesen wäre. Ungeachtet aber man auf den Banknoten angedeutet hat, dass dies so sei, so hat es doch weiter keinen Grund als den,

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dass man sich des Kupfers in größerer Menge als in vielen andern Reichen bediente. Silbergeld war so gewiss von langen Zeiten her das gewöhnliche in Russland gewesen, dass sich unter dem Zar Alexei Michailowitsch ein Aufstand erhob, als er, um seinen Finanzen abzuhelfen, das Kupfergeld an die Stelle des Silbers setzen wollte, und das er, nachdem der Aufruhr gestillt war, den Gebrauch des guten Geldes wieder herstellte. Seit der Zeit wurde auch ununterbrochen fort im Silbergelde jeder Handel im Großen geschlossen, jede Gage ausgezahlt und der größte Teil der Abgaben erhoben. Alles dies ist jetzt anders. Kupfer oder Papier, das die Stellen desselben vertritt, ist Geld, Silber oder Gold ist Ware. Eine solche Umwandlung kann für nichts anders als eine Nothilfe angesehen werden. Sie tat in Russland anfangs ihre guten Dienste, ohne großen Schaden anzurichten. So wie das Kupfergeld schon zuvor bisweilen gegen ein Aufgeld von fünf bis sechs Prozent statt des Silbers genommen worden war; so verlor auch das Papier nicht mehr.

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Das dies aber nicht unter allen Umständen so bleiben würde, hätte man voraus sehen können. Die Einführung der Rechnung nach Kupfer, war eine wirkliche Herabsetzung der Landesmünze. Ein Pud Kupfer wird zu sechzehn Rubel ausgemünzt und folglich wenigstens noch einmal so hoch, als es ohne Stempel gegen Silbergeld angebracht werden kann.*
Nach dem innern Gehalt richtet sich aber immer früh oder spät, wenigstens einigermaßen der Wechselkurs; und es ist in der Tat zu verwundern, dass die Kaufleute in Russland, die doch zum Teil gewiss Erfahrung genug hatten, sich von der Bequemlichkeit verleiten ließen, ihre Zahlungen auf Bankgeld zu stellen. Sie haben sich durch diesen Fehlgriff bisweilen in großen Schaden versetzt.

*) Es ist sonderbar, wenn Herr Hupel Herrn Schlözer hierüber dadurch zurecht weißen will, dass er ihm den Cours entgegen setzt. Von diesem spricht Schlözer nicht, sondern von dem inneren Werte des Kupfers, das zu einem Rubel ausgeprägt wird. Sein Versuch die Staatsverfassung des Russischen Reichs darzustellen Th, II, S.314.


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Bei den schnellen fallen des Wechselkurs hat er sich wohl häufig genug getroffen; dass aus dem Verkauf der Waren eher Verlust als Vorteil erwachsen ist.*) Doch der Kaufmann befindet sich noch wohl bei dem schlechten Gelde, in Vergleich mit andern Ständen. Er hat nur einen vorübergehenden Schaden zu fürchten; andere Stände aber einen langen dauernden, oder gar einen unabänderlichen. Der Edelmann ist erstlich mit dem Kaufmann in gleichem Falle, wenn er seine Produkte zu ungünstiger Zeit versilbert oder vielmehr verkupfert. Überdies leidet er noch besonders bei den trocknen Zinsen einen sehr beträchtlichen Schaden. Ehedem wurden sie in Silber oder Gold, und jetzt werden sie durchaus in Kupfer oder Papier bezahlt. So lange die kleinste Banknote noch auf 25 Rubel

*) Schon lange hatte das Agio (Aufgeld) auf 25 Prozent gestanden, als die Buchhändler in Petersburg noch eben den Preis hielten, der bei einem Agio von fünf bis sechs Prozent statt gefunden hat.


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gestellt war, konnten die wenigsten Bauern ihre Zinsen mit Papiergeld bezahlen, und nachher waren sie oft gezwungen es zu tun. Sie bekamen selbst für ihre Produkte nichts anders, und hatten nicht einmal Gelegenheit gutes Geld einzuwechseln. Hat auch der Edelmann das Recht, die trocknen Zinsen zu erhöhen, so bedient er sich doch dieses Rechts nur mit Einschränkung, und kann auch ohne Ungerechtigkeit nicht immer die Zinsen in dem Maße erhöhen, als das Papier fällt. Doch ist weder der Kaufmann noch der Gutsbesitzer so übel daran, als die Personen, welche auf fixen Gehalt stehen. Diese haben gar kein rechtmäßiges Mittel den Schaden abzuwehren, der ihnen aus der Einführung des Papiergeldes erwächst. Es war schon schlimm für sie, als das Silber mit einem geringeren Korn als zuvor ausgeprägt wurde. Die Rubel waren bis zum Ende der Regierung der Kaiserin Elisabeth um ein Viertel besser als die jetzigen. Als nachher dem Silbergeld gar Kupfer substituiert wurde, verloren die Beamten wiederum fünf bis sechs und endlich

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bis 45 Prozent von dem, was sie nach dem schlechter ausgeprägten Geld erhalten haben würden. Dieser doppelte Verlust machte beinahe die Hälfte ihres Gehaltes aus, wie man hauptsächlich in der Provinz sieht, wo nicht nach Rubeln sondern nach holländischem Geld gerechnet wird. Denn da war ehedem ein Alberts Thaler nur um wenige Prozent schlechter als ein silberner Rubel, und seit mehreren Jahren gilt er gewöhnlich zwei Rubel in Papier, ja bisweilen noch mehr. War in andern Provinzen der Verlust nicht eben so in die Augen leuchtend, so war er doch nicht minder gewiss. Man klagte nur über die Teuerung und erstaunte, dass z. B. in Petersburg seit zwanzig Jahren alle Bedürfnisse noch einmal so hoch im Preise gestiegen wären, und hätte doch bedenken sollen, dass nicht die waren teurer sondern die Rubel schlechter geworden waren.*)

*) Es ist zu verwundern, dass selbst ein Mann wie Georgi in seiner Beschreibung von Petersburg bei der Anzeige des erhöheren Preises der Lebensmittel nicht auf den Fall des Geldes Rücksicht nimmt.

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Später als in großen Städten richtet sich in kleinen und auf dem Lande der Preis der Bedürfnisse nach dem Geldfusse, aber jetzt wird in den meisten Provinzen doch das Getreide fast noch einmal so teuer als sonst verkauft. Wenn daher ehedem die Besoldung, im Ganzen genommen, eben so ansehnlich als in den meisten europäischen Ländern waren, so sind sie jetzt viel geringer, und selten zum ordentlichen Lebensunterhalt hinlänglich. Als die Kaiserin Elisabeth bei der Stiftung der Universität in Moskau jedem Professor wenigstens 500 Rubel bestimmte, so konnte er damit auskommen; denn sie betrugen beinahe 700 Thaler sächsisch -- aber jetzt ist er eben so schlimm dran, als mancher Professor auf deutschen Universitäten. Das endlich die Krone selbst in ihren Einkünften durch Einführung der Banknoten verloren hat, bedarf kaum der Erwähnung. Kann man auch mit Recht sagen, dass sie einen großen Teil des Schadens auf ihre Beamten wälzte, so ist doch auch offenbar, das Gegenstände genug übrig blieben, wo sie den

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Verlust selbst tragen mußte. Viele Waren und Kriegsbedürfnisse muss sie teurer als sonst bezahlen; und die Handarbeit kann sie nicht mehr um den ehemaligen Preis zu ihrem Dienste erhalten. Als daher in Vermehrung des Papiergeldes die außerordentliche Hilfe, deren sie bedurfte, nicht mehr zu finden war; so konnte sich eigentlich niemand wundern, als viele Abgaben auf einmal um die Hälfte erhöht wurden. Im Grunde setzte die Krone dieselben nur auf den alten Fuss, und konnte deswegen auch gar keine gerechten Klagen im Ganzen erregen. Die am meisten bisher Gedrückten, die Beamten, bezahlen nichts; und überdies wurden sowohl dem Offizier, als dem gemeinen Soldaten, zu gleicher Zeit Zulage bewilligt. Der Nachteil, welchen das Papiergeld schon lange für Russland gehabt hatte, wurde im Jahre 90 noch dadurch vermehrt, dass an verschiedenen Orten nicht einmal mehr Kupfer gegen die Banknoten ohne Aufgeld zu erhalten war. Glücklicher Weise dauert dieser Mangel nur etwa ein halbes Jahr.

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Hätte er länger gedauert, so würde die Vermutung gegründet gewesen sein, dass von den 67 Millionen Rubel an Kupfer, welche nach obiger Angabe im russischen Reiche sein sollen, kaum die Hälfte vorhanden wäre. Denn bei der Bequemlichkeit, welche die Noten gegen gemünztes Kupfer gewähren, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussetzen, dass nicht der dritte Teil von dem Werte des Papiers an geprägten Kupfer im Umlaufe ist. Allein wie gesagt, der Mangel des letztern dauerte nicht lange, und war nur anscheinend. Der Grund davon wurde in mancherlei Ursachen gesucht. Da er bald nach dem Anfang des letzten Türkenkrieges entstand, so glaubte man, dass in die Länder, in und bei welchen der Krieg geführt wurde, nun das Kupfer geschafft worden wäre, da man kein Silber mehr dahin zu schaffen gehabt hätte. Auch war es wohl keinem Zweifel unterworfen, das aus Moskau Kupfer nach den Grenzen des Reichs gezogen worden war. Aber selbst unter dieser Voraussetzung blieb es immer unerklärbar, wie eine,

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für das Ganze geringe Masse Kupfer, aus dem Innern des Reichs gezogen, Mangel daran veranlassen konnte; und dies um so viel mehr, da er sich auch in Petersburg zeigte. Man trug sich also mit dem Gerücht, dass mehrere Große gegen einen gewissen Preis Kupfer prägen zu lassen übernommen, und dann statt desselben Banknoten gegeben hätten. Sollte dieses Gerücht in etwas gegründet sein, so müsste man es auf eine Art auslegen, die mehr Zurüstung fordert als es wert ist. Mir ist der Grund, den es von dem Mangel an Kupfer angab, nicht nur an sich unwahrscheinlich, sondern auch noch mehr dadurch geworden, das ich in Petersburg einen viel einfacheren hörte, den ich Ihnen mitteilen will. Die Bank hatte vom Anfange an, sowohl für Papier geprägtes Kupfer, als umgekehrt, für dieses Banknoten ausgegeben. Da nun diese weit beliebter als jenes waren, so häufte sich dasselbe in der Bank zu Petersburg so sehr, dass die Direktoren derselben,

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welche wähnten, sie sei eigentlich nur bestimmt, Papier zu realisieren, kein Kupfer mehr anzunehmen beschlossen. Diesen Entschluss glaubten sie um so mehr fassen zu können, da sie in den Münzstätten sowohl, als an andern Orten, eine große Menge geprägtes Kupfer vorrätig wussten. Sie versäumten aber, dieses zu rechter Zeit kommen zu lassen, und hatten überhaupt nicht gedacht, dass ein noch so großes Kapital doch endlich verschwindet, wenn man immer davon nimmt, und nichts hinzusetzt. Als sie dies merkten, und sich die Möglichkeit dachten, es könne der Bank wohl gar das Geld ausgehen, machten sie es wie im Jahre 1745, die Direktoren der Bank zu London, und ergriffen allerlei Mittel, um täglich nicht über eine gewisse Summe auszuzahlen. Die daher entstehende Verzögerung hatte die Wirkung, die man hätte voraussehen können. Sie erregte Verdacht; und je mehr man die Leute, welche Assignationen wollten gewechselt haben, warten ließ, desto häufiger sah man sie herzu strömen. Wer nun Kupfer erhalten, oder auch sonst vorrätig hatte,

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gab es nicht wieder ohne Aufgeld für Papier hin, und konnte um so mehr auf den daher entstehenden Gewinn rechnen, da viele Personen, vom Bedürfnis gedrängt, nicht mehrere Tage lang vor der Bank warten konnten. Dies geschah zu Petersburg; in Moskau mochte wohl das Wegführen von einer in die Augen fallenden Menge Kupfer zur Armee zuerst den Gedanken eines möglichen Mangels erregt, und viele Menschen bewogen haben, noch vor der vermeinten Sprengung der Bank ihr Geld in Sicherheit zu bringen oder zu erhalten. So entstand ein wirklicher Mangel aus dem blossen Gedanken, dass er entstehen könnte. Um demselben abzuhelfen, ließ die Monarchin alles Kupfer, was sich in der Niederlage der Bank zu Riga befand, nach Moskau schaffen; so gross auch die damit verbundenen Kosten waren. Für den Transport von 100,000 Rubel mussten 14,000 Rubel bezahlt werden. Nun litt man aber in Riga Mangel. Lässt sich auch der größere Teil der Einwohner, selbst bis auf die niedrigsten Klassen des Volkes herunter,

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in Silbergelde bezahlen, so standen doch die Beamten, welche ihren Gehalt in Banknoten bekommen, und besonders das Militär, nebst vielen tausend Russen, die sich in Riga befinden, und gewöhnlich nach Kupfer rechnen, bei dem Mangel desselben sehr übel. Die Niederlage der Bank wurde bei dieser Gelegenheit in Riga ganz aufgehoben, und der Umsatz des Papiergeldes gegen Kupfer hing allein von den Wechslern ab, die, des verhältnismäßig geringen Bedürfnisses ungeachtet, doch lange für einen Rubel fünf Kopeken Aufgeld forderten. Die Regierung verordnete zwar, dass sie täglich 100 Rubel ohne Aufgeld ausgeben sollten;*) was war das aber unter so viele? Die Hauptleute konnten sich nicht anders helfen, als das sie die Löhnung in Banknoten einer gewissen Zahl Soldaten zusammen gaben, ohne sich darum zu kümmern, wie diese auseinander kamen.

*) Eigentlich ist es ganz verboten, Aufgeld bei der Auswechslung der Banknoten gegen Kupfer zu nehmen. Allein die Regierung sah wohl, dass sie dies Verbot nicht halten konnte, ohne die Sachen noch schlimmer zu machen, als sie schon standen.

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Doch reiste mancher nach Pleskow, um von da Kupfer herbei zu schaffen, damit die schon an sich geringe Löhnung nicht noch geringer würde. Dadurch sowohl, als durch den gewöhnlichen Zufluss des Kupfers vom Lande, kam auch in Riga binnen einem Jahre der Wert der Banknoten wieder auf den vorigen Fuss. Wahrscheinlich wird er sich überall lange dabei erhalten;ich wenigstens bin überzeugt, dass bei der Unbequemlichkeit, welche das Kupfergeld hat, die Menge desselben in einem sehr vorteilhaften Verhältnis zum Papier steht. Der Mangel kann im Ganzen nie mehr als anscheinend sein -- und so ein Schein verliert sich bald. Aus eben diesem Grunde glaube ich auch, dass das Papier selbst gegen Silber in Russland geschwind wieder steigen kann. Man bedarf des letzten wenig, einige Millionen sind hinreichend; und ist mehr da, als man braucht, so muss die natürliche Folge des Steigen des Papiers sein. Der Friede von wenigen Jahren aber ist hinreichend,

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mehr als die genannte Summe in ungestörten Umlauf zu bringen. Ob zugleich in eben dem Verhältnis der Wechsel für das Ausland steigen werde, ist eine andere Frage. Um dieselbe bestimmt zu beantworten, muss angenommen werden, dass die freie Ausfuhr der silbernen Rubel gestattet werde.*) Wenn man statt der teuren Wechsel im Notfalle das Silber selbst schicken kann, hat der Verlust, der durch den Wechselkurs erlitten wird, seine bestimmten Grenzen. Gibt es auch häufige Fälle, wo in Zahlungen schlechterdings kein gemünztes oder doch kein ausländisches Geld angenommen wird, so ist dasselbe doch immer irgendwo nach dem inneren Wert, und folglich durch eine leichte Operation am Ende überall an Zahlungs statt

*) Ich habe zwar im vorhergehenden Brief zu verstehen gegeben, dass alles Verbotenes ungeachtet, silberne Rubel auch von Privatpersonen aufgeführt werden; dies hat aber nicht so viel sagen sollen, als ob die damit verbundenen Schwierigkeiten nicht die Zahlungen in solcher Münze im Ganzen verhindern.

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zu gebrauchen. Indem hingegen Russland alle Ausfuhr der geprägten Rubel verbietet, erweitert es die Grenzen des Wechselkurs und lässt die Möglichkeit, das er für das Ausland den Banknoten ungünstig sei, wenn gleich diese im Inland gut stehen. Dieser Nachteil wäre schon allein hinreichend, jenes Verbot als unpolitisch darzustellen. Er ist aber nicht der einzige; und es ist nicht wenig zu verwundern, dass, ungeachtet der fast allgemeinen Stimme der Schriftsteller über Politik, und des Beispiels eines Staats, der sich doch wahrlich auf kaufmännische Rechnung versteht, ich meine Holland, immer noch in manchen Ländern verboten wird, das gemünzte Geld auszuführen. Darüber sollte man eigentlich halten, wenn überhaupt Verbote im Geldhandel statt finden dürfen, dass fremdes Geld in Umlauf gesetzt werde, aber nicht darüber, dass das einheimische in fremde Länder gehe. Denn der Staat, dessen Geld weit und breit Kurs hat, gewinnt etwas ansehnliches durch den Schlagschatz; und die Holländer haben in der Tat dadurch, dass

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sie ihrem Geld fast überall Eingang zu verschaffen wussten, alle europäische Nationen in Contribution gesetzt. Haben viele Staaten diesen Handlungsgeist nicht zu fassen gewusst, so ist der Nachteil davon doch für keinen schädlicher gewesen, als für Russland. Denn dieses scheint recht darauf auszugehen, dem holländischen Geld einen größeren Wert zugeben, als es hat.
Ich habe schon angeführt, dass der Zoll in Riga ganz, und in Petersburg sowohl als in Reval zum Teil in Alberts Thalern erlegt werden muss. Heißt dies nicht die Landesmünze herabwürdigen? Auch ist durch diese Herabwürdigung sehr oft der Fall eingetreten, dass der silberne Rubel gegen holländisches Geld unter seinem innern Werte hingegeben werden musste. Er stand in Riga mehrere Jahre zu 21 Groschen sächsisch, und ist doch nach der Versicherung von Männern, die ihn untersucht haben, über 24 Groschen wert. Und was macht denn die Krone mit den holländischen Thalern? -- Sie prägt dieselben zu Rubeln aus, und kann dann diese

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im Lande selbst nicht stets für den inneren Wert gebrauchen.-- Ob es nicht besser wäre, bei Einführung der Banknoten dieselben auch für den Zoll ohne Unterschied anzunehmen, lasse ich dahin gestellt; obgleich ich überzeugt bin, dass dadurch der Wechselkurs vorteilhafter geblieben, der Verlust der Krone bei diesem einzelnen Gegenstand geringe gewesen, und durch den Gewinn im Ganzen reichlich ausgewogen worden wäre. Doch gesetzt, man hätte zu mehrerer Sicherheit es für gut gefunden, den Zoll nach wie vor in Silber bezahlen zu lassen, hätte man nicht wenigstens Rubel eben so gut als Alberts Thaler im Verhältnis des Wertes annehmen sollen?

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