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Johann Karl Wilhelm Ose (1798-1880)

seine Ehefrau Emilie Auguste geb. Voigt (1810-1848)

und ihre Familie

Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Nachträge und Ergänzungen

Der nachfolgende Lebensbericht von Johann Karl Wilhelm Ose und den Seinen basiert auf einen von mir (seinem Urenkel Karl Ose) schon 1942 verfassten 12-seitigem Lebensbericht von ihm. Einige damals verwertete Urkunden sind 1945 in Berlin durch Kriegswirren verloren gegangen. Ihr Inhalt ist aber durch den erhaltenen gebliebenen Lebensbericht zum größten Teil gerettet worden.

Verfasst: Urenkel Karl Ose 1987, Bruder von Hans Ose

Digitalisiert: UrUr-Enkel, Stefan Ose 2020, Sohn von Hans Ose

Vorwort

Das 2. Heft unserer Familiengeschichte hat einen etwas anderen Charakter als das 1. Denn wir kennen mehr Einzelheiten aus dem Leben unserer Vorfahren, verfügen über Bilder und mancherlei Urkunden, Briefe, Zeugnisse. Auch kennen wir manche Eigenschaften u.a. der behandelten Personen. Trotzdem wird unser Urteil, soweit wir eins anzugeben wagen, subjektiv sein, wenn auch hoffentlich nicht falsch.

Während der Bearbeitung von Heft 2 sind mancherlei neue Tatsachen und Daten bekannt geworden. Ich danke allen sehr herzlich, die dazu beigetragen haben.

Es kam mir sehr darauf an, möglichst auch die Lebensumstände unserer Vorfahren darzustellen. Denn wer interessiert sich nicht dafür, wie seine Vorfahren gelebt haben, wie die Zeitumstände waren und wie sie gelebt haben und wie ihr Privatleben aussah. Ob alle gute Absicht in dieser Richtung verwirklicht wurden, mag der Leser entscheiden. Für alle Berichtigungen und Ergänzungen bin ich (sind wir) sehr dankbar.

Der Umfang des Heftes verbot es, alle einzelnen Quellen den Text zuzuordnen. Der Leser kann versichert sein, dass alle Tatsachen belegt sind. Nicht belegte sind als solche charakterisiert. Das Heft 2 ist reichlich mit Bildern und Urkunden ausgestattet. Die heutige Fotokopiertechnik ergibt hier große Möglichkeiten bei hervorragender Qualität.

Gez. Karl Ose (Unterschrift), im Juli 1987

Geburt, Eltern, Großeltern und Geschwister

Johann Karl Wilhelm Ose wurde am 15. März 1798 früh 8 Uhr in der kursächsischen Stadt Merseburg geboren. Karls Zwillings-Schwesterchen Johanna Dorothea Friederika, eine Stunde vor ihrem Bruder geboren, starb allerdings schon am 2o. April 1799 und wurde "modo militari" beerdigt. Getauft wurde das Zwillingspärchen am 18. Marz 1798 in der Marktkirche St. Maximi zu Merseburg. Paten waren bei Karl Ose: Meister Johann Carl Hartmann, Frau Wilhelmine Charitas Kühn, Meister Johann Gottfried Gummert.
Bei Friederika Ose: Frau Johanna Catharina Münx, Wilhelm David Höhle, Jgfr. Johanna Friederika Kämpfe

Der Patenbrief (Format 19ox16o mm) des Meisters Gummert ist uns erhalten geblieben, datiert vom 18.März 1798. Er lautet:

"Einem neugebornen Kinde
Ist das schönste Angebinde,
Ist das schönste Patengold,
Wenn es Jesu Glauben hält.
Solches schreibt zum Andenken am Tag Deiner Wiedergeburt, mein liebes Patchen, Meister Johann Gottfried Gummert.
Merseburg, den 18. März 1798"

Die Eltern des Zwillingspärchens waren der damalige Sergeant im kurfürstlich-sächsischen Infanterieregiment Prinz Xaver in des Herrn Kapitän (Hauptmann) v. Bibra, später von Schönfeld Kompagnie August Friedrich Ose (1762-1825)
und dessen Ehefrau Maria Christina geb. Schultze (1763- 1818).

Die GroBeltern waren väterlicherseits der Musketier Heinrich Christoph Ose (1727-1791) aus Sondershausen und seine Ehefrau Maria Christina geb. Große (1726-1800) aus Sondershausen sowie mütterlicherseits Johann Benjamin Schultze (173o-1818) so-wie seine Ehefrau Maria Christine geb. Kluge ( ? - ? ) aus Merseburg. Beide Großväter lebten bei der Geburt des Zwillingspärchens nicht mehr.

Karl Ose hatte insgesamt sechs Geschwister, von denen allerdings vier schon als Kleinkinder starben. Nur die ältere Schwester Johanna Christina Friederike, die spätere Frau Elste (1792 - ??), sowie der jüngere Bruder Friedrich August (1800-1875) wurden erwachsen.

Merseburg

Merseburg. liegt etwa 25 km westlich von Leipzig. Es war schon seit 968 Bischofsstadt. Im 15. Jahrhundert kam es zum Herzogtum Sachsen, 1815 im Rahmen der Teilung des Königreichs Sachsen durch den Wiener Kongress zum Königreich Preußen. Die 1432-1501 erbaute Marktkirche St. Maximi ist eine dreischiffige spätgotische Hallenkirche. Der jetzt vorhandene neugotische Turm wurde erst 1866 aufgesetzt. Merseburg ist jetzt Kreisstadt im Bezirk Halle und hat etwa 55 000 Einwohner. Die bedeutendste Nachbarstadt ist Leuna mit den Leunawerken. Diese wurden 1916 als Ammoniakwerk Merseburg gegründet. Der Zweck war die Gewinnung von Stickstoff aus der Luft zur Herstellung von Düngemitteln für die Landwirtschaft, die während des 1. Weltkrieges 1914-1918 von der Einfuhr von Guano (Vogelmist) aus Chile infolge der englischen Seeblockade abgeschnitten war. Seit 1927 wird in Leuna auch synthetischer Treibstoff hergestellt. - Merseburg besitzt auch einen Dom, erbaut auf den Fundamenten der im 11. Jahrhundert erbauten romanischen Basilika. Bekannt ist auch das Domstiftarchiv. Das Schloß, eine Dreiflügelanlage aus der Zeit der Gotik und Spätrenaissance, ist unmittelbar mit dem Dom verbunden. Im Vorhof des Schlosses befindet sich der Käfig, den ein Kolkrabe bewohnt. Er erinnert an den Diener des Bischofs von Trotha, der des Diebstahls eines Ringes bezichtigt
und trotz Unschuldsbeteuerungen hingerichtet wurde. Als man den Ring später in einem Rabennest fand, verfügte der Bischof voller Reue, für alle Zeiten im Schloßhof einen Raben zu halten, der Nachwelt zur Mahnung, "nie etwas zu tun, was man nicht wiedergut machen kann".

Kindheit und Jugend

Darüber wissen wir fast nichts. Bis 1810 lebte die Familie Ose in Merseburg, von 1810-1815 in Colditz, einem kleinen Muldenstädtchen etwas südlich von Grimma, und von 1815 an in Waldheim an der Zschopau. Karl hat sicherlich in Merseburg die Elementarschule besucht, vielleicht auch wenige Jahre die dortige höhere Schule. Ein solche gab es damals weder in Colditz noch in Waldheim. Da eine auswärtige Unterbringung zwecks Besuch einer höheren Schule am zu kleinen Geldbeutel
seines Vaters gescheitert wäre, hat er vielleicht - evtl. zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Brüdern - beim örtlichen Pfarrer Privatunterricht gehabt, Wie aus dem Bericht über die medizinisch-chirurgische Akademie in Dresden auf Seite 128 dieses Heftes hervorgeht, hat Johann, Karl Wilhelm Ose mit Sicherheit, die Vorsemester besucht, die begabten, nicht auf einem Gymnasium vorgebildeten jungen Männern den Eintritt ermöglichten. Wir wissen nicht, ob er vielleicht nach Beendigung der Elementarschule einen Beruf erlernt hat oder anderweit tätig war. Jedenfalls können wir uns nicht vorstellen, dass er etwa vom 15.-21. Lebensjahr zu Hause herumgesessen hat. Dies gilt auch für seinen jüngeren Bruder August Friedrich (1800-1875).
Mit 21 Jahren - am 19. September 1819- wird er, Karl Wilhelm Ose, an der medizinisch-chirurgischen Akademie in Dresden immatrikuliert. Er besuchte sie dann bis zum 16.Juli 1822, also drei Jahre lang. Damit hatte er vermutlich auch einen gewissen Abschluss erreicht, eine Art Physikum, wie es auch heute noch bei Medizinern der Fall ist. Beim Abgang erhielt er die Beurteilung "Mit Fleiß". Es gab zusammen drei Beurteilungsstufen: "Mit Fleiß", mit "vielem Fleiß" und mit "vorzüglichem Fleiß". Der Grund für den vorzeitigen Abgang ist uns nicht bekannt. Vermutlich lag er am zu kleinen Geldbeutel seines Vaters, der 1821 pensioniert worden war, wodurch die finanzielle Situation der Familie Ose noch schwieriger wurde trotz der Beförderung zum Leutnant der Königlich Sächsischen Armee. Zudem besuchte sein Bruder Friedrich August die Akademie von 1821-1823. Ob Karl abging, um seinem Bruder noch eine Art Physikum zu ermöglichen? Dieses wäre 1824 fällig gewesen.
Erreicht hat dies Friedrich August leider nicht.

So trat nun Karl Ose mit 24 Jahren im Sommer 1822 in die Waldheimer Straf- und Verpflegungsanstalt als "der Chirurgie Beflissener" ein, entweder um ein von der Akademie vorgeschriebenes Praktikum abzuleisten oder um die nächsten Jahre vernünftig zu überbrücken, bis er wieder die Akademie besuchen konnte. Die Bezeichnung "der Chirurgie Beflissener" war noch vor einigen Jahrzehnten für andere Berufe zumindest üblich. Als ich 1927 nach dem Abitur in dem Reichsbahnausbesserungswerk Engelsdorf bei Leipzig ein 6-monatiges Praktikum ableistete, wurde ich als "Maschinenbaubeflissener" bezeichnet (damals wollte ich noch Maschinenbau studieren). Nach Abschluss seiner Tätigkeit in der Straf- und Verpflegungsanstalt in Waldheim erhielt Karl vom leitenden Arzt folgendes Zeugnis:

"Johann Karl Wilhelm Ose, 25 Jahre alt, der Chirurgie Beflissener, hat in den letzten zwei Jahren an den ärztlichen und wundärztlichen Geschäften und Übungen in der hiesigen Königlichen Straf- und Verpflegungsanstalt Anteil genommen und dabei viel Wissbegierde und Fleiß gezeigt, sich gegen die Kranken immer anteilnehnmend und menschenfreundlich benommen, auch überhaupt die strengste Sittlichkeit beobachtet. So wie ich dies dankbar anerkenne, wünsche ich ihm von Herzen, dass er bei seinen dürftigen Vermögensumständen edle Menschenfreunde findet, die ihn bei seinem künftigen Studium auf der Dresdner Akademie unterstützen.

Schloß Waldheim, am 28. Juli 1824 Dr. Christian August Fürchtegott Hoyer(?)
Arzt der hiesigen Straf- und Verpflegungsanstalt"

Anm.
In der Krankenstation des Zuchthauses Waldheim arbeitete Dr.med. Rainer Schurath (geboren 1943), ehe er sich in Forst in der Lausitz niederließ, ein Ururenkel von Karl Ose.

Besuch der Medizinisch-chirurgischen Akademie in Dresden (Karte unten, Planquadrat C5)


Die feierliche Immatrikulation fand am 19.September 1819 statt (s.o.). Sein Bruder verließ am 15.Juli 1823 die Akademie.Die Gründe sind nicht mehr feststellbar, da dieser Passus ausradiert nahm also sein Studium 1824 wieder auf. Die Akademie hatte zuletzt folgende Fakultäten:

Humanmedizin
Chirurgie
Pharmazie - und Apothekenwesen
Tierheilkunde
Tierpharmazie
Auch eine Lehrschmiede war angegliedert.

Karl besuchte die chirurgische Fakultät. Am 15.August 1824 begann er den zweiten Studienabschnitt. Seit dem 1. Januar 1826 wird er als Stipendiat geführt, da vermutlich nach dem Tod seines Vaters im Februar 1825 seine finanzielle Situation unhaltbar wurde.

Schließlich schloß Karl Ose Ende Dezember 1827 sein Studium mit der Note "mit vielem Fleiß" ab.

Die medizinisch-chirurgische Akademie wurde 1748 in Dresden gegründet,1816 erneuert und 1864 aufgehoben. Es blieb lediglich die tierärztliche Fakultät in Dresden, später zur ärztlichen Hochschule umgestaltet. Jedoch wurde auch diese in den 1920er Jahren von Dresden nach Leipzig verlegt und mit der dortigen Universität vereinigt. Die Akademie war seit ihrer Gründung zunächst in einer Dresdner Kaserne untergebracht. Daher erhebt sich die Frage, ob an der Akademie zunächst nur Militärärzte ausgebildet werden sollten. Es sind zumindest später auch Zivilärzte ausgebildet worden, Ob diese Militärarztanwärter kaserniert waren, wissen wir nicht. Damit wäre die Frage ihres Lebensunterhalts weitgehend gelöst gewesen.
1815 zog die Akademie in das Kurlander Palais um, einen innen und aussen sehr schönen und geschmackvollen Bau im Rokokostil. Das Kurlander Palais wurde 1728/29 vom Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel (1688-1752) erbaut, einem Schüler von M.D. Pöppelmann, dem Schöpfer des Dresdner Zwingers. Der Auftraggeber war A. Christoph von Wackerbarth(1662-1734), der den Bau als Gouvernementshaus benötigte, da das bisherige abgebrannt war. Die Decken im Kurlander Palais sind charakteristische Zeugen hochgezüchteten ornamentalen Rokokos. Übrigens schrieb das Dresdner Baureglement von 1720 für alle Raume in der Stadt vor, daB aus feuerpolizeilichen Gründen nur noch Stuckdecken und daher keine Holzdecken ohne Stuck verwendet werden durften. Der Name "Kurländer Palais" kommt daher, daB Prinz Karl, der Sohn des Königs-Kurfürsten Friedrich August II., ein kurzes Gastspiel als Herzog von Kurland gegeben hatte. Das Palais hatte er vom letzten sächsischen Feldmarschall Johann Georg, Chevalier des Saxe (1704-1774) geerbt, einem Sohn von August dem Starken und der Gräfin Lubomirska.

Einer der bedeutendsten Medizin-Professoren der Akademie war der Arzt, Naturforscher und Philosoph Carl Gustav Carus (1789-1869) . Er führte den Begriff des Unbewußten in die Psychologie ein. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Karl Ose auch seine Vorlesungen gehört hat. Carus wurde auch bekannt als Landschaftsmaler und Kunstschriftsteller. Professor Carus bewohnte die Villa Cara, ein Landhaus in der Borngasse. Dieses hatte etwa loo Jahre vorher der bereits erwähnte Architekt Knöffel für sich selbst erbaut, sich aber dadurch in große Schulden gestürzt.

Kompagniearzt in Wurzen/Mulde

Erfreulicherweise kam Karl Ose sofort nach seinem Examen als Kompagniearzt zum III. Königlich sächsischen Schützenbataillon, das in Wurzen/Mulde lag
(1. Januar 1828).

Wurzen an der Mulde, etwa 2o km östlich von Leipzig, hatte Mitte der 1830er Jahre etwa 3800 Einwohner. Die Stadt besitzt ein spätgotisches Schloß, erbaut 1491-14971 und den sehr alten Dom St. Marien, geweiht 1114,1928- 1932 restauriert. Dem jetzigen, seit der Reformation evangelisch-lutherischen Domkapitel gehört mein Bruder Hans seit dem 31. Oktober (Reformationsfest) 1975 als Domherr an. Das Wurzener Gymnasium, erst 1883 gegründet, besuchte mein Vater Georg Ose (1878-1922) von 1891 bis zu seinem Abitur Ostern 1899. Wurzen erhielt erst 1830 seine erste Muldenbrücke, während das nur 15 km südlich gelegene Grimma eine solche bereits seit dem 13. Jahrhundert besaß, allerdings verschiedentlich zerstört und erneuert. Wurzen musste sich also bis 1830 mit einer Fähre behelfen. Jedoch erbaute man für die auf privater Basis entstandene erste Fernbahn in Deutschland von Leipzig nach Dresden, immerhin etwa 120 km lang, 1835 eine Eisenbahnbrücke in Wurzen. Sie bestand aus Pfeilern aus Stein mit hözernem Überbau. Ihren Bau dürfte die Familie Ose in Wurzen zeitweise miterlebt haben. Die Eisenbahn wurde jedoch, nachdem vorher schon eine Teilstrecke in Betrieb genommen war, vollständig erst am 7. April 1839 eröffnet, als Karl Ose schon Schwadronsarzt bei den Gardereitern in Dresden war. Übrigens wurde bei der Eröffnung der Eisenbahn Leipzig-Dresden auch der 513 m lange Oberauer Tunnel eingeweiht, ein damaliges Meisterwerk der Technik, erbaut von Freiberger Bergleuten.

Wurzen ist bekannt als Ausgangspunkt des Ablaßgeschäftes des Dominikanermönchs Johannes Tetzel (1465-1519). Bei diesem traten Reue und Buße völlig hinter dem Gelderlös zurück. Der bekannte Ablaßvers lautete:

"Sobald der Gülden (oder Groschen) klingt und niederfallt in das Becken, die Seele soll erlöst sein aus dem Fegefeuer".
Volkstümlich hieß es: "Wenn das Geld im Kasten klingt, Die Seele in den Himmel springt!"

Unter Ablaß, der zur Zeit der Kreuzzüge entstanden war, verstand man den Nachlaß der zeitlichen (!) Sündenstrafen, die noch abzubüßen sind, wenn die Schuld bereits vergeben ist, z. B. durch das Abendmahl. Die spätmittelalterliche Theologie vertrat den Standpunkt, dass die überschüssigen Verdienste Christi und der Heiligen den Schatz der Kirche darstellten, aus dem der Papst Gläubigen, die noch zeitliche (!) Strafen abzubüßen haben, Hilfe zuteil werden lassen kann. Ende des Mittelalters wurden auch Ablässe für Fegefeuerstrafen sowie für verstorbene Angehörige im Fegefeuer gewährt, vorwiegend gegen Geld. Die Ablässe waren eine der wichtigsten Einnahmequellen der katholischen Kirche des Mittelalters, aber z.T. auch der weltlichen Herrscher, die einen Ablaß für ihren Machtbereich der Kirche gestatteten. Luther lehnte den Ablaß nicht grundsätzlich ab, aber er forderte in erster Linie dabei Reue und Buße in Form einer Sinnesänderung. Das ganze Gegenteil war der Tetzelsche Ablaßhandel, der vor allem den Geldbedarf des Mainzer Erzbischofs Albrechts von Brandenburg decken sollte.

Ein Ordensbruder von Martin Luther, der Augustinermönch Johann von Putz (+ 1511), Theologieprofessor in Erfurt und seit 1490 Ablaßprediger, vom Papst zum Ablaßkommissar von Deutschland eingesetzt, schrieb ein bis 1521 einundzwanzig Mal gedrucktes Buch "Himmlische Fundgrube", in dem er seine Erfahrung als Ablaßprediger darstellte und die damalige Lehre vom Ablaß darlegte. Er verteidigte die kirchliche Lehre und Autorität. Mit Luther verbindet ihn die seelsorgerische Frage, wie der Gläubige die Gnade Gottes erlangen kann. Ihm erschien der Ablaß, freilich verbunden mit Reue und Buße, als die beste Lösung dieser Frage. Übrigens erlaubten die weltlichen Mächte einen Ablaß in ihrem Machtbereich nur dann, wenn sie vom finanziellen Ergebnis einen kräftigen Anteil erhielten.

Als Luther mit seinem Ordensoberen v. Staupitz (1468/69-1524) und dessen späterem Nachfolger Wenzeslaus Link (1483-1547) im Jahr 1516 zur Kirchenvisitation in Grimma war, erfuhr er erstmals von dem üblen Ablaßhandel Tetzels in Wurzen. Voller Zorn soll Luther geäussert haben: "Nun will ich der Pauken ein Loch machen!". So fing er schon im damaligen Grimmaer Augustinerkloster, in das 1550 die Fürsten- und Landesschule St. Augustin einzog, gegen Tetzel zu schreiben an. In diesem Sinn spielt Wurzen eine wichtige Rolle in der Reformationsgeschichte.

Wurzen um 1850

Wurzen als Garnisonstadt

Wurzen war seit langen Jahren Garnisonstadt. Nach dem siebenjährigen Krieg 1756-1763 lag dort ein Bataillon des Infanterieregiments Prinz Carl, ab 1796 der Stab und ein Bataillon des Infanterie-Regiments Nostiz, 1810 folgten Stab und ein Musketier-Bataillon des Regiments Friedrich August. Seit 1822 lag dann in Wurzen das Königlich Sächsische III. Schützen-Bataillon (leichte Infanterie), das 1820 aus einem Jäger-Bataillon entstanden war. Jedes der drei in der sächsischen Armee vorhandenen Schützenbataillone umfaßte je 702 Mann, die sich auf 4 Kompagnien verteilten. Zugeteilt waren jedem Bataillon ein Bataillons-Chirurg, jeder Kompagnie ein Kompagnie-Chirurg, Das I. Schützen-Bataillon lag zunächst in Meißen, das II. in Döbeln, seit Anfang der 183oer Jahre beide in Leipzig.

Die berufliche Tätigkeit des Kompagnie-Arztes war in Friedenszeiten sicherlich nicht sehr anstrengend und wenig aufregend. Die Besoldung war jedoch auch nicht besonders gut. Sie lag weit unter der eines Leutnants. Aber Karl Ose stand nun wenigstens auf eigenen Füßen. Damals ahnte er wohl kaum, dass er fast weitere 50 Jahre in einem wechselvollen Leben der Menschheit als Arzt dienen durfte.

Als Militärarzt trug Karl Ose einen blauen Rock mit schwarzen Aufschlägen, schwarze Hosen sowie schwarze Gamaschen, ferner einen mit einem Federbusch geschmückten "Zweispitz"(Zweimaster) mit je einer Spitze vorn und hinten, entstanden im 18. Jahrhundert aus dem "Dreispitz".

Der Hausstand wird gegründet

Es ist verständlich, wenn sich Karl Ose nach einem eigenen Hausstand sehnte. Nach 2 1/2 jährigem Junggesellendasein in Wurzen ging sein Wunsch 183o in Erfüllung: am 29. Juni 183o wurde er in der evangelisch-lutherischen Dreikönigs-Kirche in Dresden-Neustadt mit der 2ojährigen Dresdnerin Emilie Auguste Voigt getraut. Er hatte seine junge Frau vermutlich als Student in Dresden kennen gelernt. Wann er sich verlobt hat, wissen wir nicht.

Die Familie Voigt (siehe auch Seite 19)
Emilie Auguste Voigt wurde am 3. Juli 1810 früh 4 Uhr in Dresden-Neustadt, Hauptstraße 1441 geboren und am 8. Juli in der dortigen Dreikönigskirche getauft.

Die Taufpaten waren:
Frau Marie Josephine Ohlmann, Doct.med. hier Ehegattin
Herr Johann Christian Hermann,
Bürger, Schwarz- und Schönfärber hier Frau Johanna Juliane Leonhardi, Bürgers, Schwarz-und Schönfärbers Ehegattin.

Da der Täufling ein Mädchen ist, sind zwei Frauen und ein Mann als Paten vorgesehen.- Emilie entstammte einer angesehenen Dresdner Bürgerfamilie. Ihr Vater Carl Wilhelm Salomon Voigt, ein achtbarer Handwerksmeister in Dresden—Neustadt, getauft am 25. März 1748 in Dresden-Altstadt (Annenkirche?) und gestorben am 18. April 182o in Dresden-Neustadt, wird in den Dresdner Kirchen- und Adressbüchern als Bürger, Schwarz- und Schönfärber, Kirchenvorsteher und Viertelsmeister bezeichnet. Das Haus Hauptstraße 144 (später Haus Nr. 12, siehe oben Dresden Karte, Planquadrat B-1) in Dresden-Neustadt war sein Eigentum. Aus einfachen Verhältnissen hat er sich emporgearbeitet. Carl Wilhelm Salomon Voigt war zweimal verheiratet. Seine erste Frau starb am 6. März 1792. Bereits nach sieben Monaten wurde er in der Dreikönigskirche in Dresden-Neustadt mit Johanna Beata Marckardt getraut. Diese war geboren am 7.Juli 1771 in Dresden-Neustadt, getauft in der Dreikönigskirche am 11. Juli 1771. Es war ein ungleiches Paar, der 44jährige Ehemann und seine 21jährige junge Frau. Aus Voigts erster Ehe entsprossen vier Kinder, aus der zweiten fünf. Das vierte Kind aus der zweiten Ehe war Emilie, die Ehefrau von Karl Ose.

Die Großeltern von Emilie Voigt waren:

väterlicherseits:
Friedrich August Voigt, geboren am 2. Mai 172o,
Herrendiener des Kammerjunkers v. Bünau,
später Bandwirker (Bandweber), begraben in Dresden am 4. Mai 177o

und seine 1. Ehefrau Johanna Juliana geb. Andrä, geboren etwa 1715, begraben auf dem Annenfriedhof in Dresden-Altstadt am 3. Januar 1751. Sie war die Tochter des Königlichen Jagd-Hautboisten Johann Andrä

und seine 2. Ehefrau Christina Elisabeth Jupperd, geboren etwa 1711, gestorben am 26. August 1782. Die Hochzeit fand am 25. Juli 1752 statt. Sie war die Stiefmutter von Carl Wilhelm Salomon Voigt, dem Vater von Emilie Voigt. Die Mutter von ihm war die 1. Ehefrau von Friedrich August Voigt.

mütterlicherseits:
Johann Gottfried Nicolas Marcquardt (Marchart), Oberältester der Schlosserinnung , Kurfürstlicher Hofsporer, also ein Handwerker, der auch für den kurfürstlichen Hof Sporerarbeiten ausführte, d.h. Beschläge für Reitzeug und Sporen, geboren etwa 1712. Er wohnte auf der Königstraße in Dresden-Neustadt*, starb am 9. Juli 1786 "am auszehrenden Fieber" und wurde am 12. Juli "in der Stille mit Wagen begraben" auf dem für die Dreikönigskirche zuständigen Friedhof.

und seine Ehefrau Anna Christiana geb. Baurath, geboren 1728, gestorben 4. November 1786 in Dresden, verheiratet seit 21.September 1757.

Der Urgroßvater Voigt und dessen Ehefrau sind uns auch bekannt: Johann George Voigt, getauft am 11. April 1682 in der Dreikönigskirche, gestorben am 21. September 1757 in Dresden, ein Bürger und Strumpfwirker wie auch Stadtfourier**. Seine Frau Anna Katharina, deren Mädchennamen wir nicht kennen, war schon am 7. Februar 175o in Dresden gestorben. Erwähnenswert wären noch die Paten von Johann George Voigt:
Michael Butzig, Kurfürstlicher Reitender Trabant***
Johann George Schulze, Bürger und Nadler in Dresden-Neustadt.
Jungfrau Anna Barbara, Herrn Paul Ötterichs, Bürgers und Viertelsmeisters in Dresden-Neustadt eheliche Tochter.

Mit 45 Jahren stirbt am 2. Juni 1816 Johanna Beate Voigt geb. Marquardt an einem Blutsturz (plötzliche starke Blutung aus dem Körperinneren), die Mutter Emilie Voigts. Die 6jährige Emilie war Halbwaise geworden.
"Nach vorherigem Lauten und und Singen" wird Emilies Mutter "auf dem hiesigen Neustädter Friedhof" am 5. Juni 1816 feierlich beerdigt. Sie hinterlässt zwei Söhne und drei Töchter.

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* Königstraße, der Haus Nr. 17 gegenüber (1t.Adressbuch Dresden 1798). "Hat den Laden D Sporergasse, Eckhaus an der Schössergasse Nr. 360." Die Angabe von 1798 bezieht sich offensichtlich auf den Sohn Johann Friedrich Markart, da der Vater Joh.Gottfried Nikolas Marquardt schon 1786 gestorben war.
Siehe Stadtplan Dresden (oben) Planquadrat A5.

** Sohn des Johann George Voigt, Bürgers und Mitältester der "Parethmacher" (Barettmacher) zu Dresden

***Leibwächter eines Fürsten, die ihn begleiten und seine Wohnung bewachen. Im allg. beritten "Reitende Trabanten".

Vater Voigt hatte sich wohl inzwischen vom Geschäft zurückgezogen. Er war inzwischen auch Großvater geworden. Sein Sohn aus erster Ehe hatte zwei kleine Kinder; er war von Beruf ebenfalls Schwarz- und Schönfärber. Die Taufe des einen dieser Kinder erlebt Großvater Voigt noch in seinem letzten Lebensjahr. Am 18. April 182o erleidet er einen Schlaganfall und stirbt. "Nach vorherigem Singen und Lauten und mit Wagen" wird er auf dem Neustädter Friedhof feierlich beigesetzt. Vier Söhne und fünf Töchter aus seinen beiden Ehen hinterlässt er. Die jüngeren Kinder, darunter die 10-jährige Emilie, bleiben im väterlichen Haus in der Familie ihres Stiefbruders Benjamin Ferdinand Voigt und wachsen dort auf. dass Emilie dort gut aufgehoben war, dürfen wir daraus schließen, dass des Bruders Ehefrau Juliane Sophie Vogt geb. Petzold Patin des am 4. Juli 1836 in Dresden geborenen Sohnes Emilies, von Carl Hugo wird. So wächst Emilie auf, sicher gereift durch den frühen Tod von Mutter und Vater. Dies bezeugt auch das Konfirmations-Zulassungszeugnis für die 14jährige Emilie.
Es lautet:
"Emilie Voigt von hier hat ihre guten Anlagen glücklich benutzt und sich vorzügliche Religionskenntnisse erworben. An meinen diesjährigen Katchumenenunterricht nahm sie beharrlichen und aufmerksamen Anteil und zeichnete sich durch ein sittsames tadelloses Wohlverhalten so vorteilhaft aus, dass ich sie mit den schönsten Hoffnungen zur öffentlichen Konfirmation entlasse, und mit herzlichen Segenswünschen in ihr künftiges Leben begleite."
Neustadt-Dresden, am 6. April 1824
Moritz Ferdinand Schmaltz, Pastor*
(an der Dreikönigskirche

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Emilie bis zu ihrer Verheiratung in der Familie ihres Bruders blieb. Ob sie in diesen Jahren noch eine Schule besuchte, evtl. Koch- und Nähkurse absolvierte oder nur ihrer Schwägerin in Haushalt und Familie half, wissen wir nicht. In den letzten Jahren musste sie ja auch ihre Aussteuer vorbereiten, was damals in der Regel mit viel Näh-,Stick- und wohl auch Strickarbeit verbunden war. Nähmaschinen für den Haushalt gab es erst seit etwa 1850.

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* Dr. theol. Moritz Ferdinand Schmaltz, Pfarrer an der Dreikönigskirche 1819-1833

Bevor Emilie heiratete, musste sie sich von der Dreikönigskirche, in deren Bereich sie wohnte, einen Auszug aus dem Kirchenbuch machen lassen und ein Führungszeugnis beschaffen:
"Wir, Richter und Beisitzer des Stadtgerichts zu Neustadt Dresden, urkunden und bezeugen auf Ansuchen und resp. auf dem Grund der Versicherung des betreffenden Viertelsmeisters hiermit, dass Jungfer Emilie Voigt, nachgelassene Tochter des verstorbenen hiesigen Bürgers und Schwarz- und Schönfärbers, auch Hausbesitzers und Viertelsmeisters, Herrn Carl Wilhelm Salomon Voigt, stets einen unbescholtenen Lebenswandel geführt hat, so dass auch uns von derselben etwas Unsittliches niemals bekannt geworden ist. Urkundlich haben wir hierüber gegenwärtiges Zeugnis unter des verordneten Stadtrichters und des Stadtschreibers Namensunterschrift, auch Vordruckung des Stadtgerichtssiegels, vollzogen ausfertigen lassen.
Neustadt-Dresden, den 21.April 183o/Siegel/Unterschriften"

Original:

Auch ein kirchliches Zeugnis für das Aufgebot war unumgänglich:

Extrakt aus dem Taufregister der Kirche zu Neustadt
Dem Herrn Carl Wilhelm Salomon Voigt, Bürger, Schwarz-und Schönfärber, auch Kirchenvorsteher und Viertelsmeister hier, wurde von seiner zweiten Ehegattin, Frau Johanna Beata geborene Marckardt, am 3. Juli des Jahres Ein Tausend Acht Hundert und Zehn / 3.Juli 1810 / früh vier Uhr, das vierte Kind, eine Tochter, geboren, welche am achten Juli desselben Jahres die heilige Taufe und dabei die Namen Emilie Auguste empfing.
Taufzeugen hierbei waren:
Frau Maria Josephina Ohlmann, Doct. med, Ehegattin,
Herr Johann Christian Hermann, Bürger, Schwarz-und Schönfärber in Dresden,
Frau Johanna Juliana Leonhardi, Bürgers, Schwarz-und Schönfärbers in Dresden, Ehegattin.

Extrakt aus dem Totenregister der Kirche zu Neustadt-Dresden vom Jahre 1816 und 182o.
Frau Johanna Beata Voigt geborne Markert, Herrn Carl Wilhelm Salomons Voigt, Bürgers, Schwarz- und Schönfärbers, auch Viertelsmeisters und Kirchenvorstehers hier, Ehegattin starb am zweiten Juni Ein Tausend Acht Hundert und Sechzehn (2.Juni 1816) nachmittags halb vier Uhr, an einem Blutsturz, in einem Alter von 44 Jahren 9 Monaten und wurde am fünften Juni desselben Jahres, nach vorherigem Lauten und Singen, auf hiesigem Neustädter Gottesacker feierlich beerdigt.

Herr. Carl Wilhelm Salomon Voigt, Bürger, Schwarz-und Schönfärber, auch Kirchenvorsteher und Viertelsmeister hier, ein Wittwer, starb am achtzehnten April des Jahres Ein Tausend Acht Hundert und Zwanzig (18.April 182o) früh halb zwei Uhr an einem Schlage in dem Alter von 72 Jahren vier Wochen , und wurde am einundzwanzigsten April desselben Jahres nachmittags nach vorherigem Lauten und Singen ebenfalls auf hiesigen Neustädter Gottesacker feierlich beerdigt.

dass vorstehende Nachrichten aus den hiesigen
Kirchenbüchern getreulich und wörtlich extrahiert worden sind, wird hierdurch, mit Beidrückung des Kirchensiegels sub fide pastorali bescheinigt.
Neustadt-Dresden, am 19. April 1830
Moritz Ferdinand .....(?), Pastor,
Johann Gottlieb Werner (?), Kirchner

Es ist bemerkenswert, dass sowohl diese beiden vorgenannten Zeugnisse als auch das Zeugnis des Stadtrichters, ferner aber auch das Zeugnis für Karl Ose, ausgestellt von der Waldheimer Straf- und Verpflegungsanstalt auf gleich grossen Bögen, Format 207x340 aufgezeichnet sind. Alle Bögen tragen links oben eingedruckt das sächsische Wappen mit Krone und darunter bogenförmig angeordnet die Angabe: Zwey Groschen. Dies war also ofensichtlich ein Einheitsformular für solche Bescheinigungen und eine Einheitsgebühr dafür. Unterhalb des Wappens befindet sich ein B, dessen Bedeutung noch zu ermitteln wäre. Alle drei Zeugnisse sind durch ein Siegel amtlich beglaubigt.

Familie Karl und Emilie Ose
Am 29.Juni 183o waren der 30jährige
Kompagnie-Chirurgus Karl Ose und die 2ojährige Emilie Voigt in der Dreikönigskirche in Dresden-Neustadt getraut worden. Ein Standesamt gab es noch nicht. Dies wurde erst unter Bismarck eingeführt in den 1870er Jahren. Die Reise von Dresden nach Wurzen erfolgte in der Postkutsche und dürfte etwa l0 Stunden gedauert haben. Es ist kaum anzunehmen, dass das junge Paar eine Extrapost oder einen "Einspänner" für diese Fahrt mietete. Die Entfernung Dresden-Wurzen betrug etwa l00 km. Das Heim in Wurzen dürfte nicht besonders üppig ausgestattet und nicht allzu groß gewesen sein. Als Stil verwendete man damals den Biedermeierstil*. Die Bilder geben einen Begriff von einer solchen Einrichtung, allerdings einer etwas feudaleren. Emilie dürfte die Aussteuer aus dem von ihr von ihrem Vater ererbten Vermögen bezahlt haben. Die gesellschaftliche Rolle des jungen Ehepaares dürfte zwar nicht besonders groß gewesen sein, aber auch nicht unbedeutend, da Karl zu den Offizierskreisen zählte. Es gab wohl in Wurzen kaum mehr als 20 Offiziere, dazu einen Heeresrichter (Auditeur). Leider war das Gehalt eines Kompagniechirurgus wesentlich geringer als das eines Leutnants.

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Das junge Ehepaar bewohnte in Wurzen eine Wohnung an der "Liegenbank", einem auch heute noch existierenden besonders charakteristischen Straßenzug gegenüber dem Rathaus. Dieser wird schon 16o8 in einer Urkunde erwähnt. "Liegenbank" soll soviel bedeuten. wie "Gerichtsbank der niederen Gerichtsbarkeit". Neben einem gegenüber der Straße etwa um 1 m erhöhten Bürgersteig stehen die Wohnhäuser. Dort wurde dem Ehepaar Ose am 28. Mai 1831 auch das erste Kind geboren. Es erhielt die Vornamen Carl Hermann Alexander. Am 7. Juni 1831 erfolgte die Taufe im Wurzner Dom (s.o.). Taufpaten waren: Gottlieb Ferdinand von Wolfersdorf, Premierleutnant und Ritter (eines Ordens)
Fräulein Lisette, Herrn Siegmund Abraham Eckhardts, Stadtrichters und Kaufmanns allhier, vierte Tochter,
Herr Hermann Kaufmann, Sousleutnant im III.
Schützenbataillion.**

Schon am 13. August wurde das Kind den Eltern durch den Tod entrissen. Die Todesanzeige in der damaligen Wurzner Zeitung zeigt den ganzen Schmerz der Eltern*.

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*Originalanzeige 1945 in Berlin verloren gegangen!

** Grimmaer Fürstenschüler 1816.-1819, zuletzt Kasernenrechnungsführer + 1868

Fast genau ein Jahr später, am 1. August 1832, kommt der zweite Junge zur Welt: Carl Oswald. Alle Jungen erhielten als zusätzlichen Vornamen den Namen Carl (mit C, obwohl sich Johann Karl Wilhelm Ose stets mit K schrieb), alle Mädchen den zusätzlichen Vornamen Caroline. Eine Ausnahme machte jedoch das 13. Kind, Emma, das 1848 den Zusatz Emilie, den Namen der sterbenden Mutter erhielt. Am 6. August 1832 wird Oswald im Wurzner Dom getauft. Seine Taufpaten sind:
Premierleutnant und Adjutant v. Zeschau im III. Schützenbataillon.
Frau Emilie Franziska, Herrn Moritz Adolph Dropischs, Bataillonsarztes im III. Schützenbataillon Ehefrau.
Herr Franz Sigismund Eckhardt, Kaufmann allhier.

Oswald Ose, der spätere praktische Arzt in Lausigk, war mein Großvater.

Wieder in Dresden
Im Herbst 1832 wird der Kompagniearzt Karl Ose nach fast 5jähriger Tätigkeit in Wurzen vermutlich zur weiteren
Ausbildung zur "Medizinisch-chirurgischen Akademie in Dresden abkommandiert. Sein Sohn Oswald hat später seiner eignen Ehefrau erzählt, wie er im Wickelbett in der Postkutsche laut Erzählung seiner Eltern auf der Fahrt ununterbrochen geschrien habe. So ganz stimmt das vermutlich nicht. Denn die Fahrt über etwa loo km von Wurzen nach Dresden dauerte etwa lo Stunden. Vermutlich hat man die Wurzner Wohnung während der Abkommandierung aufgegeben. So wird das dritte Kind, ein Junge mit Namen Carl Hugo, am 3. Juli 1834 in Dresden geboren und in der Kreuzkirche in Dresden-Altstadt getauft. Taufpaten waren u.a. folgende Voigtsche verwandte: Heinrich Moritz Voigt, Oberleutnant beim Königlich-Sächsischen Ingenieurkorps, ein Bruder von Emilie die Ehefrau des Stiefbruders von Emilie, der das väterliche Geschäft übernommen hatte, und in dessen Familie Emilie nach dem Tod ihres Vaters lebte. Laut Dresdner Adressbuch wohnte die Familie Ose während ihres Dresdner Aufenthalts in Dresden-Altstadt, Pirnaische Vorstadt in der Rampischen Gasse 122/ 4 Treppen. Es hat sich um die Äussere Rampische Gasse gehandelt, die in der Pirnaischen Vorstadt lag, und nicht um die Innere Rampische Gasse, die in der Nähe der Frauenkirche begann (siehe oben Dreden Stadtplan Planquadrat D5).

Zurück nach Wurzen
Nach Ablauf seines Dresdner Kommandos zur Medizinisch-Chirurgischen Akademie kehrt die Familie wieder nach Wurzen zurück. dass Karl Ose zur Akademie nur kommandiert, aber nicht versetzt war, beweist die Tatsache, dass er auch während seines Aufenthalts in Dresden in den Militärakten ausdrücklich als Kompagniearzt beim III. Königlich Sächsischen Schützenbataillon geführt wird.*

Nun lebt die Familie wieder in Wurzen. Ob sie die gleiche Wohnung bewohnte wie früher, wissen wir nicht. Am 2. März 1836 wird wieder ein Junge geboren. Er erhält bei der Taufe die Namen Carl Eugen, die am 17.März 1836 im Dom stattfand. Taufpaten waren:

- Herr Carl Friedrich Maaß, Regimentssekretär vom III. Schützenbataillon*
- Jungfrau Marie Ernestine Henriette Marzsch aus Leipzig
- Herr Karl Eduard Köhler, Wirtschäftssekretär vom III. Schützenbataillon.

Von dem Paten Maaß ist der Patenbrief noch vorhanden. Er hat eine gelbe Hülle (Format 87x73 mm), auf der Vorderseite ein farbiges Bild von Christus mit einem Kind auf dem Arm und einem betenden Kind daneben. Umschrieben ist das Bild mit dem Spruch: Solchen ist das Reich Gottes! Eingelegt ist ein
grau-violettes Blatt mit folgendem Vers:
"Welten-Heiland, Freund der Frommen,
Treuer Helfer nah und fern,
Laß auch dieses Kindlein kommen
In Dein Reich, erzieh es gern,
Nimm es an mit treuer Liebe,
Herz und Leben sei ihm rein,
Weck in ihm der Tugend Triebe,
Lehre es, sich Dir zu weihn!

Möge dieser Wunsch an Dir erfüllt werden und Du gedenken an Deinen treuen Taufzeugen C.F. Maaß, Regimentssekretär im III. Schützenbataillon. Wurzen, am 17. März 1836"

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* Karl Ose war anfangs vermutlich nur probeweise bis Ende Dezember 1833 verpflichtet worden. 1834 erhielt er die Erlaubnis, auf unbestimmte Zeit fortdienen zu dürfen.

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